Der Samurai

Das Tier in dir bittet zum Tanz.

Der Samurai 05

Alles wirkt wie ein düsterer Albtraum, und immer wieder meint man im Verlauf des Films dieser Auflösung endlich ganz nahe gekommen zu sein. Doch es bleibt dunkel, niemand wacht auf, stattdessen rollt der nächste Kopf. Till Kleinerts Film Der Samurai gefällt in einer im deutschen Kino selten gesehenen Konsequenz des Exzesses. Das unabhängig von Fernsehgeldern und mithilfe einer indiegogo-Kampagne produzierte Horrorstück bleibt gewissermaßen bis aufs Blut geradlinig und verwehrt sich offensichtlichen (und komödiantisch abdriftenden) Meta-Ebenen, die das Genre auf Großproduktionsebene in den letzten Jahren bestimmt haben (Shaun of the Dead, 2005; The Cabin in the Woods, 2012). Das liegt zuerst einmal vor allem an der Figurenkonstellation, welche die obligatorische Teenager-Gruppe nur randständig setzt und stattdessen zwei antagonistischen Einzelcharakteren die Bühne bereitet. Ein junger Dorfpolizist, brav, korrekt und sich als Vollwaise außerhalb der Dienstzeit um seine Großmutter kümmernd, trifft auf seine Nemesis, eine Art queeren Werwolf (kinskihaft wild: Pit Bukowski), der die Landidylle empfindlich stört.

Alter Ego im Gewaltrausch

Der Samurai 03

Bis auf ein entsprechendes Schwert als Tatwaffe hat Der Samurai erst einmal nur wenig mit japanischem Schwertadel zu tun (und, das nur nebenbei bemerkt, auch nichts mit Melvilles Le Samouraï, 1967). Die von Michel Diercks verkörperte Hauptfigur bekommt dieses per Paket zugeschickt und nimmt so die Spur einer zerstörungswütigen Kreatur im weißen Kleid auf. Kleinert inszeniert Bukowski ähnlich wie in seinem Kurzfilm Cowboy (2008) betont körperlich und setzt auf klare Gegensätze: hier der vernünftige, immer mit angezogener Handbremse agierende Nachwuchspolizist, da (s)ein entfesseltes Alter Ego im Gewaltrausch. Das klar gesetzte psychologische Muster entfaltet sich dabei erfrischenderweise ausschließlich über die Inszenierung und wird sprachlich kaum eingeholt. Kleinert braucht im Prinzip nur das Bild des Wolfes, als mythologisches Motiv und als Metapher, um Figuren und Story zusammenzuhalten. Im dunklen Wald und auf verlassenen Dorfstraßen wird die Jagd auf das Tier zur Passion der eigenen Triebhaftigkeit.

Auf der Seite der Unbeherrschtheit

Der Samurai 06

Mit dem apollinisch-dionysischen Kampf von Ich und einem Figur gewordenen Es verortet sich der Film dann doch noch im Samurai-Universum, wird doch die Dichotomie von Beherrschtheit und Unbeherrschtheit in nur wenigen Figuren der Menschheitsgeschichte so offenbar wie im einerseits nach strengen Regeln und in Ergebenheit lebenden, gleichzeitig aber auch brutal tötenden japanischen Krieger. Kleinerts Titel beschreibt nichts auf Handlungs- oder Figurenebene, der Film selbst ist gewissermaßen der Samurai. Inszenatorisch schlägt er sich dabei klar auf die Seite der Unbeherrschtheit: Die für den Horrorfilm obligatorische Lichtkegel-Ästhetik wird in Kombination mit atmosphärischen Kompositionen auf eine wütende Spitze getrieben und in einer radikalen Steigerungslogik mit ordentlich Splatter garniert (eine beeindruckende VFX-Leistung für solch eine Low-Budget-Produktion). Und am Ende, ja, da wartet der reinigende Ausbruch – Katharsis mit steifem Penis, lila Rauch und Feuerwerk! Echt jetzt.

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Kommentare


Anna de Paoli

Oh, das liest sich aber gut! Eine kleine Anmerkung nur der guten Ordnung halber (hehe): Wir hatten 120.000 Euro Förderung vom Medienboard, das wir zum Glück überzeugen konnten uns zu unterstützen, obwohl das Fehlen eines Fernsehpartners als "ungewöhnlich" galt.


Frédéric Jaeger

Danke sehr für den Hinweis! Ist korrigiert.






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