Der Albaner

Oft ist es die pure Verzweiflung, die Menschen antreibt, Unmenschliches zu tun. Das Klischee vom kriminellen Ausländer bedient Der Albaner, dessen Titel ganz  programmatisch zu verstehen ist, jedoch nur auf den ersten Blick.

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Aktuellen Schätzungen zufolge leben derzeit über eine Million illegaler Einwanderer in Deutschland. Sie tun alles, um zu hier überleben und dabei unsichtbar zu bleiben. Regisseur Johannes Naber will ihnen ein Gesicht geben: Ursprünglich war Der Albanerals Dokumentarfilm geplant. Da sich jedoch verständlicherweise kaum ein illegaler Einwanderer vor laufender Kamera zeigen würde, steht nun ein fiktives Einzelschicksal für das Elend einer ganzen Bevölkerungsgruppe.

Arben (Nik Yhelilaj) ist Gastarbeiter. Regelmäßig reisen er und seine männlichen Familienmitglieder nach Griechenland, um dort schwarz Geld zu verdienen, daheim reicht es dennoch gerade so für das Allernötigste. Die Familie lebt im Hinterland, in den albanischen Alpen, einer karstigen, pittoresken Berglandschaft. Die nächstgrößere Stadt Bajram Curri ist nur über unausgebaute Schotterwege zu erreichen.

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Dort hängen die Männer in einer trostlosen Dorfkneipe ab und bewundern den neuen BMW von Florenc (Julian Deda, albanischer Comedian). „In so einem haben sie 2Pac erschossen!“, das scheint fast so eine Art Ritterschlag zu sein. Denn Florenc hat es geschafft. Er hat als Automechaniker in Leverkusen gearbeitet, sein Trikot mit „Opel“-Aufdruck trägt er noch immer mit Stolz, es scheint das gelobte Land zu sein, in dem das Geld auf der Straße liegt.

Arben liebt Etleva (Xhejlane Terbuna), die Tochter des Nachbarclans. Sie müssen sich heimlich treffen, im streng konservativen Albanien ist Sex vor der Ehe eine Sünde. Ihr Vater ist schwer verschuldet und plant, sie an einen reichen Amerikaner zu verheiraten. Natürlich kommt es, wie es kommen muss: Etleva wird bei einem ihrer Techtelmechtel auf der Wiese schwanger. Die ursprünglich geplante Zwangsheirat kann nun, da Etleva keine Jungfrau mehr und somit „unrein“ ist, natürlich nicht mehr stattfinden. Arben verspricht, das Geld irgendwie aufzutreiben. Und wo könnte das besser gehen als in Deutschland?

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2000 Euro kostet die Einreise mit offiziellem Visum – für 500 dagegen bringt ein Schnellboot Arben nach Italien. Von dort läuft er zu Fuß nach Berlin.

Das gelobte Land kann so hässlich sein.

Nachdem der Zuschauer die Lebensumstände in Albanien als karg, rückschrittlich und roh erlebt, zeigt Johannes Naber ein Berlin, das dem an Trostlosigkeit in nichts nachsteht. Statt Touristenglamour gibt es Hinterhöfe und Schutthalden, es herrscht Adventshektik, es regnet. Auf einen wie Arben hat hier niemand gewartet. Hier ist er nur „Der Albaner“, der außer „benötigen Arbeit“ zunächst kein Wort Deutsch kann. In einem Abrisshaus lernt er Slatko (Ivan Shvedoff) kennen, der ebenfalls illegal im Land ist. Die beiden freunden sich an, und Slatko verschafft ihm einen lukrativen, wenn auch lebensgefährlichen Job: Schrottplatzbesitzer Damir (Stipe Erceg) handelt mit einer weiteren Ware, die ihm jedoch genauso viel bedeutet wie Altmetall: Menschen. Als Kopf einer Schlepperbande bringt er  Einwanderer über einen Fluss nach Deutschland, ertrinken dabei ein paar, wird das lediglich mit einem Schulterzucken quittiert. Bezahlt haben sie ja im Voraus.

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Das Motiv des Menschenhandels zieht sich wie ein roter Faden durch den Film. Doch es ist die Beiläufigkeit, mit der Brutalitäten wie diese thematisiert werden, die Der Albaner so auszeichnet. Dass Etleva verkauft werden soll, um die Familienschulden zu bezahlen, scheint ebenso wenig infrage gestellt zu werden wie Arbens neuer Job. Er macht ihn gut, er tut das, was von ihm verlangt wird. Es gibt keine Stelle, an der man ihn zusammenzucken sieht, hinterfragen, vielleicht mit sich hadern, ob das wirklich der richtige Weg sein kann. Und dennoch bleibt der Zuschauer empathisch, auch wenn die Grausamkeiten immer extremer werden.

Denn eins wird deutlich: Das Rechtssystem unseres Landes funktioniert nur für seine legalen Bewohner. Für alle anderen gilt: Fressen oder gefressen werden.

„Mein Albaner“, so wird Arben von Menschenhändler Damir genannt. Sein Name, seine Beweggründe interessieren nicht weiter.

So ist trotz einer etwas stereotyp dramatisierten Ausgangslage Arbens Charakter ein durchaus glaubwürdiger, und das liegt vor allem an Hauptdarsteller Nik Yhelilaj. Der albanische Schauspieler kann selbst kaum mehr Deutsch als die Figur, die er spielt. Er improvisierte beim Dreh mit den wenigen Vokabelbrocken, die er beherrschte, und wirkt so authentischer, als es ein Drehbuch vermutlich sein könnte.

In der stärksten Szene des Films verfolgt Arben gebannt eine deutsche Teleshoppingsendung. Das „Baby Action Center“, ein geräuschvoll-blinkendes Spielzeug, steht für das moderne Europa, für all das, was er seiner Etleva um jeden Preis ermöglichen will. Als das Gerät geliefert wird, scheint sein Traum schon in weite Ferne gerückt. Das funkelnde Werbeversprechen entpuppt sich als billiger Plastikhaufen, der mit zwei Faustschlägen zusammenbricht – und auch das gelobte Land hält nicht, was es versprochen hatte.

Trailer zu „Der Albaner“


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Kommentare


projekt2501

Ich fands Klasse wie er "Meine Russen, meine Russen ruft", er, der Albaner...






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