Death Row

„I respectfully disagree“.

Death Row

Die vier filmischen Porträts aus Werner Herzogs Death Row-Zyklus sind Teil eines größeren Werkzusammenhangs, in dem sich der Wahl-Amerikaner mit der Praxis der Todesstrafe auseinandersetzt. Letzten Herbst zeigte Herzog Into the Abyss: A Tale of Life and Death, die dokumentarische Bearbeitung eines Dreifachmordes, auf amerikanischen Festivals. Einer der Protagonisten dieses Falles, Michael Perry, wurde nur acht Tage nach seinem letztem Filmauftritt per Giftspritze hingerichtet. Ein kurzer Abschnitt dieser Unterhaltung taucht auch in Death Row: Portrait of Joseph Garcia and Georges Rivas auf, gleich zu Beginn: ein jugendliches, offenes Gesicht mit leicht schiefen Zähnen. Es liegt etwas Monströses in der Konfrontation dieses Bildes mit dem Wissen um die nahende Auslöschung seines Lebens, eine rational nicht ganz einholbare Perversität. Vielleicht lässt sich Herzogs Projekt grob als ein Versuch verstehen, diese Perversität abzubilden, dem Faktum der Todesstrafe eine Elegie menschlichen Unvermögens entgegenzustellen.

Herzog, der ewig produktive Filmemacher, war immer schon vom Verhältnis von Leben und Tod fasziniert, oder genauer: von der Tatsache, dass sich Menschen immer wieder, ohne biologische Notwendigkeit, in die Zone zwischen Leben und Sterben begeben. Dass er sich nun in solcher Breite Menschen zuwendet, die unfreiwillig in diese Situation getrieben werden, ist im Kontext seines Schaffens durchaus nachvollziehbar. Doch ergeben sich hieraus Probleme für Herzog, die zwischen dem Diskurs um die Todesstrafe und seiner Methode des partizipatorischen Filmemachens aufscheinen.

Death Row 01

Dabei nimmt sich Herzog in Death Row meist weiter zurück, als es aus seinen berühmtesten Dokumentarfilmen bekannt ist. Zwar ist seine Stimme noch immer eine Präsenz für sich, seine ganz eigene Intonation des Englischen eine unverkennbare Spur einer spezifischen Subjektivität. Doch er ist sichtlich bemüht, die inszenatorische Gestalt jedes einzelnen Porträts aus dem Charakter des Porträtierten zu entwickeln, nicht eine Schablone auf alle vier Einzelschicksale anzuwenden. So bilden die vier dreiviertelstündigen Werke eher als Mosaik eine Auseinandersetzung mit der Todesstrafe, während diese innerhalb der Einzelfilme häufig nur am Rande behandelt wird. Es gibt nicht „die eine Perspektive“ auf die Todesstrafe, sondern nur eine Masse an einzelnen Verstrickungen in einen unmenschlichen Gesamtzusammenhang. Herzog formuliert diese Zurückhaltung, eine einfache Position zu beziehen, sehr prägnant in dem jeden der Filme einleitenden Prolog: „Being a guest in the United States of America, I respectfully disagree with the practice of capital punishment“. Seine Ablehnung macht Herzog nicht zur Agenda, er hält sich im Urteil über Individuen wie über Institutionen zurück.

Die einzelnen Filme zeigen uns zum Beispiel den geständigen Serienmörder James Barnes, der sich mit dem Staat Florida auf ein eigenartiges Spiel um Sühne und aufgeschobene Exekution eingelassen hat: Wenn der Hinrichtungstermin näherrückt, gesteht er einen neuen Mord, um durch neuerliche Ermittlungen, einen neuen Gerichtsprozess, noch etwas länger am Leben zu bleiben. Oder Hank Skinner, der schon bei seinem Henkersmahl saß, als ihm ein Anruf vom Supreme Court noch einmal Aufschub gewährte. Beide Porträts sind sehr unterschiedlich, obgleich im Zentrum stets die Diskussionen mit den Inhaftierten stehen. So geht Herzog in Portrait of James Barnes die weiteren Felder der Problematik Todesstrafe anhand des Einzelfalles ab, spricht mit Anwälten und Polizisten. Barnes selbst bleibt Herzog suspekt: „I do not have to like you“, lässt er ihn gleich zu Beginn wissen, und fällt ihm auch im Gespräch immer wieder ins Wort. Im Porträt zu Hank Williams hingegen interveniert Herzog minimal, meist redet Williams frei und mit viel Witz von seiner irrealen Erfahrung zwischen Leben und Tod.

Death Row 02

Death Row: Portrait of Joseph Garcia and George Rivas interessiert sich eher für die Differenz zwischen zweien der als „Texas Seven“ berüchtigt gewordenen Ausbrecherbande. Während Rivas sich als ungemein charismatischer, hochintelligenter Planer erweist, der seinem gewissen Tod fast sehnsuchtsvoll entgegensieht, ist Garcia von Reue zerfressen. Sein Leben geht dem Ende zu, bevor es richtig begann. In Portrait of Linda Carty kommt die Todeskandidatin selbst für lange Zeit gar nicht zu Wort: Stattdessen rekonstruiert Herzog den Fall, legt Schicht um widersprüchliche Schicht einer schlampigen Ermittlungs- und Verteidigungsarbeit frei und nähert sich damit noch am ehesten einem interventionistischen Filmemachen, indem er einen neuen Gerichtsprozess nahezulegen scheint.

Was bei all diesen für sich genommen sicherlich sehenswerten, bedächtig montierten und um Intimität bemühten Porträts als Problem erscheint, ist, dass Herzog einerseits als Gesprächspartner und Voice-over zu präsent bleibt, um seinen Protagonisten gänzlich das Feld zu räumen, aber andererseits keine wirklich klare Position zur Gesamtproblematik wie auch zu den einzelnen Fällen beziehen will. Er bleibt dazwischen hängen: Die Filme sind klar Arbeiten Herzogs, aber etwas Eigenes haben sie dem Thema Todesstrafe nicht beizufügen. Hart formuliert: Death Row vermag es nicht, eine Perspektive einzunehmen, die nicht schon eingenommen worden ist.

Death Row 03

Jedoch: Allein die Tatsache, dass diese filmischen Dokumente Menschen sichtbar machen und ihnen eine Stimme geben, die höchst wahrscheinlich bald nicht mehr am Leben sind, weil sie nur Zahnräder in einem „Prozess“ sind, dessen Funktionieren wichtiger ist als die von ihm behandelten Schicksale (so formuliert es ein Anwalt im Porträt zu James Barnes), ist ein Wert an sich, den keine ästhetisch interessierte Kritik in Abrede stellen kann. Doch will Herzog nicht einfach nur die Menschen zu Wort kommen lassen, sondern im Dialog mit ihnen Porträts entwerfen. Und seine Rolle ist dabei nicht ganz klar.

Herzogs Faszination für Protagonisten, die sich in die Grenzbereiche des Lebens begeben, war bis dato konzentriert auf die intentionalen Akte Getriebener, auf Menschen in Freiheit, die sich einen Platz auf Erden suchten, eine Möglichkeit, um ihr Leben für ihre Träume aufs Spiel zu setzen. Träume waren für Herzog immer mit Taten verbunden, sei es, um die Oper in den Urwald zu holen (Fitzcarraldo, 1982), zum Tier zu werden (Grizzly Man, 2005) oder zu fliegen, ob mit Skiern (Die große Ekstase des Bildschnitzers Steiner, 1974), einem Kampfjet (Little Dieter needs to fly, 1995) oder einem selbstgebauten Luftschiff (The White Diamond, 2004). Hier nun jedoch sitzen seine Protagonisten in Zellen, bereuen oft, was sie getan haben und träumen, wenn sie denn träumen, meist vom unmöglichen Leben. Und damit weiß Herzog nicht richtig umzugehen.

Death Row 04

Es wirkt daher wie ein Rückfall in bekannte Muster, der mehr mit Herzog als mit Hank Skinner zu tun hat, wenn der Filmemacher mit seiner Crew zweimal den Weg abfährt, den der Todeskandidat zurücklegte vom Gefängnis, in dem er einsitzt, zu jenem, in dem er hingerichtet werden sollte. Beim ersten Mal sehen wir prosaische Szenen entlang des Highways, aus dem Off erzählt Skinner von dem kleinen Fetzen Draußen, den er durch die Gitterstäbe im Transporter erhaschen konnte, von den verurteilenden oder schlicht neugierigen Blicken der Menschen in den Autos vor und hinter ihm. Es ist dies ein starker Moment des Filmes: Wie anders muss die Wahrnehmung strukturiert sein, wenn man statt zum Einkaufsbummel in die Gewissheit des eigenen Todes fährt.

Doch Herzog unternimmt die Fahrt noch ein zweites Mal, nur diesmal ist es seine Stimme, die aus dem Off erklingt, und die Bilder sind von gesteigertem expressivem Wert. Sonnenuntergang, viel schrilles Zeug: Poster, riesige Plastikfiguren, Shoppingmals und Fast-Food-Lokale. Herzog versucht sich die Erfahrung Skinners zu eigen zu machen und erzählt von seiner so geliebten Schattenzone zwischen Leben und Tod. Dort, wo Traum und Wirklichkeit ineinander gleiten, wo die Allerweltszenen entlang amerikanischer Straßen zu surrealen Landschaften gerinnen. Hier wird Herzogs Stimme wieder beschwörend, diktiert dem Zuschauer, wie reich und „anders“ alles wird im Angesichts des Todes. Das verwundert und bestürzt zugleich, denn hier scheint Herzog die Todesstrafe, die er sonst fast immer mit großer Vorsicht umkreist, mit einem seiner Abenteuer in den Randbezirken des Lebens zu verwechseln.

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