Cruising

William Friedkin ist stets ein Unruheherd in Hollywood gewesen. Auch sein Thriller über einen Serienkiller im Schwulenmilieu ist eine filmische Provokation von obskurer Schönheit.

Cruising Blickt man auf William Friedkins Karriere zurück, klingt stets auch ein wenig Wehmut an. Anfang der Siebziger Jahre war Friedkin noch ein Schwergewicht in der Filmszene, auf Augenhöhe mit anderen Star-Regisseuren wie Francis Ford Coppola oder Peter Bogdanovich. Seine größten Erfolge bei Publikum und Kritik feierte er mit French Connection – Brennpunkt Brooklyn (The French Connection, 1971) und Der Exorzist (The Exorcist, 1973), der eine ein oscarprämierter Copfilm, der mit bis dahin ungesehener realistischer Härte erzählt, der andere ein Horrorschocker von alptraumhafter Qualität, der das Genre von seinem B-Picture-Status vergangener Tage befreite und zu einem der erfolgreichsten Filme aller Zeiten avancierte. Doch nachdem „Hurricane Billy“, so Friedkins Spitzname, Hollywood kräftig durcheinandergewirbelt hatte, wurde es Mitte der Siebziger still um ihn und sein Stern begann mit den Flops Atemlos vor Angst (Sorcerer, 1977) und Das große Dings bei Brinks (The Brink’s Job, 1978) ebenso schnell zu sinken wie er aufgegangen war. In einer immer reaktionärer werdenden Zeit, wo leicht konsumierbare Blockbuster wie Krieg der Sterne (Star Wars, 1977) ihren Siegeszug in den Kinosälen antraten, war für die verstörenden Filmwelten eines William Friedkin kein Platz mehr.

Mit seinem 1980 erschienenen Cruising versuchte Friedkin wieder zu jenen beiden Genres zurückzukehren, die ihm einst Ruhm und Erfolg beschert hatten: Polizei- und Horrorfilm. Tatsächlich ist das Werk eine ebenso beängstigende, wie geglückte Mischung beider Gattungen. Er ist zugleich ein rauer, urbaner Copfilm über Jäger und Gejagte, ausgelegt auf Spannung und äußere Aktion, als auch ein Horrorfilm über die Erkundung des Nächtlichen, Verdrängten und den mentalen Zustand einer verwirrten Psyche, durchsetzt mit den damals aufkommenden Slasher-Elementen. Al Pacino, noch frei von den Manieriertheiten seiner heutigen Darstellungen, geht darin ganz in der Rolle des jungen Undercovercops Steve Burns auf, der in die New Yorker Schwulenszene eintauchen muss, um als Köder für einen dort wütenden Serienmörder zu agieren. Doch zunehmend geht die Grenze zwischen Spiel und Wirklichkeit verloren. Während Burns nachts durch die S/M-Clubs der Gay-Community zieht und das titelgebende „Cruising“ - das Herumschlendern zwecks sexuellen Kontakts - betreibt, um die Spur des Killers aufzunehmen, scheint sich seine heterosexuelle Identität ebenso aufzulösen wie sein altes Leben.

Noch während seiner Entstehung zog Cruising den Unmut der Homosexuellenszene auf sich. Dreharbeiten wurden gestört und Proteste angezettelt, um den vermeintlich schwulenfeindlichen Film zu sabotieren. Wenn Burns in die dunklen und bizarren Clubs der Lack- und Lederhomos eintritt, hat man tatsächlich den Eindruck eines Vorhofs zur Hölle. Gierige Blicke, schwitzende Körper. Männer werden penetriert, gefistet oder Bondage-Spielen unterworfen. Eine einzige dionysische Orgie. Friedkin gelingt dabei eine schwierige Gratwanderung zwischen bedrohlicher und lustgeladener Atmosphäre, die das subjektive Empfinden des eindringenden Protagonisten in eine ihm fremde Umgebung genauestens auf die Leinwand bannt. Er inszeniert die Angst und die Irritation, aber eben auch die Faszination eines heterosexuellen Mannes angesichts gleichgeschlechtlicher Liebe.

Bei näherem Hinsehen erweist sich der Film nicht als homophob, wie einst seitens der Schwulenszene behauptet, sondern als ein Film über Homophobie. Der Killer tötet seine homosexuellen Opfer immer dann, wenn diese ihn zuvor erregen und Aggressionen in ihm wecken, die einzig auf die heterosexuelle Konditionierung durch den Vater zurückzuführen sind. Der Grund von Gewalt und Tod scheint also vielmehr in einem patriarchalischen System verankert, das durch die Unterwerfung alles ihm Fremd- und Andersartigen gekennzeichnet ist. Als Vertreter des väterlichen Gesetzes wird denn auch die Polizei als moralisch maroder Apparat gezeigt, der seine Machtstrukturen missbraucht.

Jenseits dieser Kritik am patriarchalischen System, ist Cruising ein Film, der sich schon rein ästhetisch gegen das väterliche Gesetz auflehnt, sprich: er verstößt gegen die üblichen Regeln und „Bevormundungen“ des klassischen Hollywood-Kinos, und zwar weniger weil er als wohl einziger Mainstream-Film die tabubesetzte Gay-S/M-Szenerie als Hintergrund wählt, sondern weil er seine Narration ungewöhnlich offen und ambivalent gestaltet. So flechtet Friedkin mitunter unerwartete Absurditäten ein, etwa wenn während eines Polizeiverhörs ein schwarzer Hüne in Lack- und Lederunterwäsche aus dem Nichts erscheint, um einen Verhörten wortlos zu malträtieren, nur um dann wieder zu verschwinden – ein kurzer kafkaesker Moment, der uns ratlos zurücklässt. Vor allem aber wird der Film gegen Ende zunehmend enigmatischer, da die geschehenen Morde scheinbar nicht mehr nur einem einzigen Killer zuzuordnen sind und die Hauptfigur selbst zum Kreis der Verdächtigen gezählt werden muss. Analog zu Burns Identität, zerfällt auch die Erzählung vor unsren Augen. Eine harmonische und kohärente Sicht auf die Dinge wird so unmöglich gemacht.

Cruising porträtiert eine Welt der Nacht, von opaker Qualität. Er treibt ein komplexes Spiel mit gegensätzlichen Ideen menschlichen Denkens (Spiel/Wirklichkeit, Homosexualität/Heterosexualität oder Polizei/Verbrecher), um die Grenzen zwischen den Begrifflichkeiten aufzuheben. Heraus kommt eine amorphe Zwischenzone, in der sich die Dinge weder voneinander abgrenzen, noch klar erkennen lassen und Identitäten wie Kartenhäuser in sich zusammenfallen. Vor allem den verlogenen Männlichkeitsbildern unserer Gesellschaft wird dabei die Maske heruntergerissen. Vielleicht wurde Friedkins Film auch deshalb zu einem Flop an den Kinokassen, denn der Zeitgeist der beginnenden Achtziger lechzte nach den stahlharten Machoposen eines Rocky oder Rambo. Zu einem der originellsten und gewagtesten amerikanischen Filme des Jahrzehnts zählt Cruising dennoch.

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