Crimson Peak – Kritik

Wenn der Blutstropfen zum Cumshot wird. Guillermo del Toro hat eine Gothic-Horror-Romanze gedreht, die überzeugt, weil sie es ernst meint.

Crimson Peak 16

Die Karrierechancen einer jungen Frau waren im 19. Jahrhundert bekanntermaßen begrenzt. Das muss Edith (Mia Wasikowska) am eigenen Leib erfahren. Eigentlich möchte sie Schriftstellerin werden, doch dem Verleger fehlt bei ihrer Gespenstererzählung die Liebesgeschichte. „Das sagt er nur, weil ich eine Frau bin“, mutmaßt Edith, aber eigentlich, so legt es der neue Film von Guillermo del Toro nahe, ist das Problem der Protagonistin eher, dass die Liebe in ihrem eigenen Leben fehlt. Da gibt es zwar einen überfürsorglichen alleinerziehenden Vater, der die Unschuld seiner Tochter hütet, und den liebenswürdigen Arzt Alan (Charlie Hunnam), der, wäre er nicht so langweilig, das perfekte Love Interest sein könnte, aber zu Ediths innerer Zerrissenheit passt denn doch eher der kränkelnde Charme des verlachten Erfinders Thomas (Tom Hiddleston) – und zum viktorianischen Goth-Chic des Films sowieso.

Historische Kleider und schmatzende Ameisen

Crimson Peak 05

In Crimson Peak ist es ein bisschen wie im Märchen: Äußerlichkeiten wie die Haarfarbe lassen auf das Innere der Figuren schließen. Dementsprechend verheißt es nichts Gutes, dass Edith sich nach dem mysteriösen Tod ihres Vaters von Goldmarie Alan abwendet, um mit Pechmarie Thomas und seiner leichenblassen Schwester Lucille (Jessica Chastain) auf deren englisches Landgut zu ziehen. Die Welt, die del Toro bis dahin etabliert hat, ähnelt einem historischen Liebesfilm – man fühlt sich an Jane Austen erinnert, mit der Edith einmal auf uncharmante Weise verglichen wird. Tatsächlich macht es sich der mexikanische Regisseur zunächst in den beschaulichen Arrangements eines Kostümfilms gemütlich, der sich an verschwenderischen Ausstattungen und historischen Kleidern kaum sattsehen kann. Doch spätestens wenn die Kamera sich von solchen Schauwerten löst, um sich dem Gewusel von schmatzenden Ameisen zu widmen, ist klar, dass es das nicht gewesen sein kann.

Crimson Peak 07

So wie Edith sich von der bekannten englischen Schriftstellerin abzugrenzen versucht, sucht auch del Toro irgendwo zwischen Gruselfilm und Historienkrimi nach einem eigenen Weg. Crimson Peak ist zwar ein Film, der von der reichen Tradition des Gothic Horrors zehrt, in seiner Betrachtung der Hauptfigur aber durchaus zeitgenössisch ist. Die Protagonistin wirkt die gesamte Zeit über verloren, sowohl zwischen ihrer amerikanischen Wohlstandsheimat und dem düsteren englischen Exil als auch zwischen der Abhängigkeit von ihrem Vater und einer neuen Unmündigkeit, mit der sie sich als Heimchen konfrontiert sieht. Dabei schlüpft sie aber nie in die klassische Rolle der damsel in distress. Das heißt nicht, dass sie furchtlos wäre oder sich von den Fesseln der Konventionen lösen könnte – die Männer sind in Crimson Peak allerdings die Letzten, die ihr Orientierung geben könnten. Dass Edith in ihrer Erzählung die Liebesgeschichte vergessen hat, wirkt da plötzlich wie eine dunkle Vorahnung.

Keine ironischen Brüche

Crimson Peak 09

Obwohl die Liebe bei del Toro ein richtiges Biest ist, handelt es sich um einen durchaus romantischen Film, nur eben nicht so, wie man es erwarten würde. In einer Szene ist Edith schockiert von dem Anblick sterbender Schmetterlinge, doch Lucille beruhigt sie, dass das nun mal die Natur sei. Crimson Peak bleibt dieser These treu und zeigt sich nicht an einer unschuldigen, idealisierten Form von emotionaler Zuneigung interessiert, sondern auch an hässlichen Begleiterscheinungen wie Eifersucht, Egoismus und Gier. Dabei werden nicht nur die Figuren von diesen Gefühlen beherrscht, sondern auch die morbide Villa, die wie ein Protagonist für sich wirkt. Del Toro inszeniert sie wie ein schwerfällig ächzendes Monster, in dem sich das Mädchen verirrt hat. Wenn der Wind durch die Kamine pfeift, ist ein beängstigendes Röhren zu vernehmen; wenn der Wasserhahn aufgedreht wird, ertönen gellende Schreie, und je länger Edith in diesem Haus verweilt, desto mehr benetzt die benachbarte Tongrube das Grundstück mit einem unheilvollen, blutroten Schimmer.

Crimson Peak 15

Schließlich treten bedrohliche Geister auf, die schreckverzerrte Gesichter haben wie die Wesen des spanischen Malers Francisco de Goya (auf den sich del Toro schon in früheren Filmen bezog) und dünne lange Gliedmaßen wie die Figuren von Alberto Giacometti; dazu kommen noch einige brutale Spezialeffekte zum Einsatz. Doch markiert all dies keineswegs einen ironischen Bruch. Crimson Peak ist nicht im Sinne von Seth Grahame-Smiths parodistischen Jane-Austen-Bearbeitungen als ein „Stolz und Vorurteil und Geister“ zu verstehen, sondern als Geschichte, die konsequent darauf beharrt, die Empfindsamkeit ihrer Figuren ernst zu nehmen. Wenn Blut fließt, ist das zwar eine kurze Belastungsprobe für den Magen der Zuschauer, letztlich aber keine Distanzierung von der Liebesgeschichte, sondern eine Betonung ihrer Dringlichkeit. So wie der Cumshot im Porno zeigen soll, dass es sich hier um echte Lust handelt, ist bei del Toro jeder Blutstropfen ein Beweis für die körperliche und seelische Verwundbarkeit seiner Figuren.

Trailer zu „Crimson Peak“


Trailer ansehen (2)

Neue Trailer

alle neuen Trailer

Neue Kritiken

Kommentare

Es gibt bisher noch keine Kommentare.






Kommentare der Nutzer geben nur deren Meinung wieder. Durch das Schreiben eines Kommentars stimmen sie unseren Regeln zu.