Closed Curtain

Is This a Film? Wie Jafar Panahi durch Frustration zum Grenzüberschreiter wird.

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Jafar Panahi ist längst nicht mehr nur Filmemacher, sondern steht auch symbolisch dafür, wie man als Künstler in einem repressiven Regime aufbegehren kann. Von kleinen Revolutionen im Alltag handelten auch schon frühere Filme. So thematisierte er die Unterdrückung von Frauen im  postrevolutionären Iran mal auf erschütternde (Der Kreis, Dayereh, 2000), mal auf versöhnliche Weise (Offside, 2006). Doch seit Panahi im Jahr 2010 verhaftet und mit einem zwanzigjährigen Berufsverbot belegt wurde, ist er nicht nur einer von vielen politisch ambitionierten Regisseuren, er ist zum Märtyrer für die Freiheit der Kunst geworden. Für das Feuilleton, besonders aber für die Berlinale. Dort setzt man sich seit einigen Jahren medienwirksam für die Freilassung des Regisseurs ein und bestellt ihn beispielsweise in die Jury, wo eigentlich von vornherein klar ist, dass er nicht ausreisen darf.

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Angesichts solches Engagements war es somit keine große Überraschung, dass Panahis neuer Film in den Wettbewerb der Berlinale eingeladen wurde. Überraschend schon auch, aber eher, weil es der iranische Regisseur erneut geschafft hat, sein Berufsverbot mit einer Gemeinschaftsarbeit zu unterwandern. Bereits vor zwei Jahren drehte er mit This Is Not a Film (In film nist, 2011) ein anspruchsvolles Heimvideo darüber, dass er keinen neuen Film drehen darf. Mit seinen früheren neorealistischen Arbeiten hatte dieses Projekt bis auf seine politische Sprengkraft nichts mehr zu tun. Natürlich hat das einen Einfluss auf das Schaffen, wenn kein Geld da ist, keine Schauspieler und kein Team. Doch auch mit solchen Beschränkungen lassen sich narrative und zugängliche Filme drehen. Panahi schlägt stattdessen auf seine alten Tage noch einmal neue Wege ein und wird plötzlich experimentell, selbstreflexiv und spröde.

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Closed Curtain (Pardé) führt diese Tendenz nun einen Schritt weiter. Wieder handelt es sich um einen Film, der vom Eingesperrtsein und von der Handlungsunfähigkeit in einem totalitären Staat handelt, diesmal jedoch mit überlegteren Einstellungen, zumindest einer Handvoll Figuren und einer vielschichtigen, sich über mehrere Ebenen erstreckenden Erzählweise. Politisch ist der Film meist sehr direkt, findet aber auch immer wieder eindringliche metaphorische Bilder. Man nehme etwa die erste und letzte Einstellung, in der das Ferienhaus Panahis, das nebenbei der alleinige Schauplatz des Films ist, als Gefängnis inszeniert wird. Die Kamera blickt aus dem Fenster: In der Ferne die Freiheit, das endlose Meer und der Horizont, aufgenommen allerdings durch eine massive Gittertür.

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Doch das Haus ist nicht nur Gefängnis, sondern auch Schutzraum. Zunächst etwa für einen Autor (Co-Regisseur Kambuzia Partovi) und seinen Hund auf der Flucht. Weil in bestimmten Auslegungen des islamischen Rechts Hunde als unreine Tiere gelten, werden sie in der Öffentlichkeit verboten und mitunter auch einfach getötet. Wer im Iran frei leben will, der muss es versteckt tun. So werden sorgfältig alle Fenster mit Meerblick mit schwarzen Tüchern verhängt und in Heimlichkeit das getan, was offiziell verboten ist. Später taucht dann noch ein Mädchen auf, das sich angeblich vor der Polizei verstecken muss. Dabei ist man sich nie ganz sicher, in welche Richtung sich diese Zwangsgemeinschaft weiterentwickeln wird. Mit der Zeit wirkt das Mädchen wie ein Geist, der plötzlich verschwindet und wieder auftaucht. Und dann nach einem seltsamen Einbruch, bei dem sich Herr und Hund in einen weiteren Schutzraum – eine selbst gebastelte Holzkammer – verkriechen, steht plötzlich Panahi selbst in der Wohnung, offensichtlich ohne die anderen Gäste zu bemerken.

Nach dieser noch recht zugänglichen und von unaufdringlichem Humor begleiteten ersten Hälfte beginnt der Film uns plötzlich herauszufordern. Statt einer linearen Erzählung wird ein Netz aus Fiktion und Wirklichkeit gesponnen, das sich nie ganz durchschauen lässt, vor allem deshalb, weil alles, was soeben noch als gegeben hingenommen wurde, jedes Mal wieder neu hinterfragt werden muss. So wirkt es irgendwann wahrscheinlich, dass der Autor und das Mädchen Figuren sind, die sich Panahi für ein neues Drehbuch ausgedacht hat und die um die Gunst ihres Schöpfers wetteifern. Oder sind sie vielleicht doch Schauspieler, die diese Figuren verkörpern? Es ist schon erstaunlich, wie der begrenzte Schauplatz und die bescheidenen Mittel Panahi in allen anderen Bereichen zu einem Befreiungsschlag treiben. Weg mit der Linearität, mit festen Identitäten und einer totalen Erklärbarkeit und hin zum grenzüberschreitenden Experiment.

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In Panahis Position wäre es ein Leichtes gewesen, einen Film zu drehen, der auf pathetische Weise seine Rolle als unterdrückter Künstler festigt. Stattdessen entscheidet er sich für ein widerborstiges, schwer kategorisierbares Stück Kino, das seinen Zuschauer immer wieder an der Nase herumführt und verunsichert, aber auch amüsiert und berührt. Vereinnahmen lässt man sich mit so einem Film jedenfalls nicht.

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