Camp Armadillo

Seine Kriegsdokumentation wurde mit Preisen ausgezeichnet und hat Kontroversen ausgelöst. Mit Camp Armadillo versucht der dänische Regisseur Janus Metz das Unbegreifliche begreifbar zu machen.

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Es könnten Szenen aus einem Spielfilm sein. Zu Beginn von Camp Armadillo (Armadillo) zeigt die Kamera in Zeitlupe fliegende Hubschrauber vor der aufgehenden Sonne Afghanistans und folgt den dunklen Silhouetten von Soldaten durch dichten Nebel. Tatsächlich sieht man aber eine Dokumentation über den Alltag einer Gruppe dänischer Soldaten an der Kriegsfront in der afghanischen Provinz Helmand. Über ein halbes Jahr haben Janus Metz und Lars Skree die Männer begleitet. Das Ergebnis ist ein verstörendes Dokument des Afghanistankrieges.

Die Kamera schaut ihnen direkt in die Gesichter, diesen teils fast noch wie Kinder wirkenden Soldaten am Flughafen in Dänemark. Die klobigen Uniformen wirken zu groß an ihnen, ihre Eltern blicken besorgt. Die jungen Männer machen sich auf in das Frontlager Armadillo, vor dessen Mauern nach nur 800 Metern die Kampfzone beginnt. Dort sollen sie die Zivilbevölkerung schützen, die Realität sieht jedoch anders aus. Auch wenn es die Tarnkleidung verbergen soll – in der endlosen Steinwüste wirken die großen Soldaten mit ihren tiefen Stimmen wie Aliens. Als die Patrouille zum ersten Mal beschossen wird, scheint die Kamera überall gleichzeitig zu sein. Mit hoher Dynamik wechselt sie von rennenden Soldaten zum feuernden Geschütz des Panzers, und schließlich erscheint auf der Leinwand das schwarz-weiße Sichtfeld der Geschützkamera. Während der ganzen Zeit ist unklar, aus welcher Richtung die Schüsse kommen.

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Die Szenen sind beispielhaft für die Situation in Armadillo. Lange Zeit sieht man den Feind nur durch das Auge der allgegenwärtigen Drohne. Die Soldaten erwarten ständig einen Angriff des unbekannten Feindes. Doch im asymmetrisch geführten Krieg mit hochmodernen Waffen auf der einen und improvisierten Sprengfallen, sogenannten IEDs, auf der anderen Seite, trägt die Zivilbevölkerung die meisten Schäden davon. Gibt sie den ISAF-Truppen Informationen, rächen sich die Taliban dafür. Ähnlich wie Restrepo (2010), der Afghanistankriegsdokumentation von Sebastian Junger und dem vor kurzem in Libyen getöteten Tim Hetherington, verdeutlicht Camp Armadillo anhand dieses tödlichen Dilemmas die Sinnlosigkeit des Krieges. Zwischen den Einsätzen und den sich ewig wiederholenden Routinen versuchen sich die Soldaten mit Fitnesstraining, Pornos und Shooter-Games abzulenken. „Ein bisschen mehr Action wäre schon cool“ kommentiert einer die extreme Langeweile. Insgesamt widmet sich die Dokumentation aber vor allem der vermeintlichen „Action“.

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Die wird in Camp Armadillo in einer für Kriegsdokumentationen ungewöhnlichen, fast surrealen Bild- und Soundsprache dargestellt. Der Film schließt so auf zweierlei Weise beim Zuschauer an. Die Musik von Uno Helmersson erinnert in Verbindung mit verschiedenen Filtern, die dem Bild einen starken Kontrast verleihen, an die Ästhetik von Ego-Shootern wie „Call of Duty“. Während so, zusammen mit den Bildern der Helmkameras, der Zuschauer so nah wie möglich an das Geschehen herangeführt wird, ist es fragwürdig, ob flüchtende Kinder oder Tote auf solche Weise porträtiert werden sollten. Viele Kameraeinstellungen verweisen darüber hinaus auf filmische Repräsentationen des Vietnamkriegs. Ob nun Soldaten über ein Feld vorrücken, während Zivilisten die Kampfzone verlassen und sich nach plötzlichem Beschuss zu Boden werfen, oder ob aus einem Helikopter der über karge Felder fliegt, gefilmt wird, man denkt unweigerlich an Apocalypse Now (1979). Während so einerseits fließende Übergänge zwischen Dokumentation und Spielfilm geschaffen werden, verfolgt Camp Armadillo an anderer Stelle geradezu gnadenlos seinen dokumentarischen Anspruch. Die Bilder der vom Maschinengewehr eines dänischen Soldaten zerfleischten Talibankämpfer sind in ihrer Brutalität kaum zu ertragen. Janus Metz müsste diese Bilder nicht zeigen, sie zu verschweigen wäre jedoch womöglich noch fataler.

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Camp Armadillo ist nicht nur ein Film über den Krieg in Afghanistan. Er zeigt außerdem, dass Krieg immer auch ein verzweifelter Kampf gegen den Verlust der eigenen Menschlichkeit ist. Äußerlich merkt man den Männern das nur manchmal an. Die Ironie und Härte im Umgang mit der eigenen Situation oder die weit aufgerissenen Augen eines unter Schock stehenden Soldaten lassen erahnen, was in ihrem Inneren vor sich geht. In einer anderen Szene sieht man einen Soldaten, der mit dem Granatwerfer ein kleines Mädchen getötet hat. Im Lichtkegel der Kamera sitzt er zwischen zwei Erdhaufen und wirkt in diesem Moment ganz allein. Gerade in der Darstellung von eigentlich Unbegreiflichem, vermögen der spielfilmhafte Kameraeinsatz und die digitale Nachbearbeitung durch einzelne Akzente den Horror Armadillos greifbar zu machen. Sie sind ein technischer Kommentar des Filmemachers. Durch seine Künstlichkeit erinnert der Film den Zuschauer daran, dass er eine Welt sieht, von der er eigentlich nichts weiß.

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