Call Girl

Mit einem provokanten Gedankenspiel stellt Mikael Marcimains Call Girl auf dem Stockholm Filmfestival die Grenzen des Politthrillers zur Diskussion.

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Es war einer der ganz heißen Flirts zwischen Kino und Politik, als Shirley MacLaine 1977 in einer Talkshow des Schwedischen Rundfunks dem neben ihr sitzenden Ministerpräsidenten Olof Palme ihre Bewunderung aussprach. „Wir Amerikaner beneiden euch um solch einen Regierungschef“, verkündete der politisch engagierte Hollywood-Star damals und zwinkerte leicht errötend dem gönnerhaft nickenden Palme zu – ein Moment, den zumindest alle Schweden schon einmal in einem der zahlreichen Dokumentarfilme über den legendären, 1986 bei einem Attentat ermordeten Olof Palme gesehen haben. Auch Regisseur Mikael Marcimain bezieht sich auf die Begegnung Palme – MacLaine in der Eröffnungssequenz seines Regiedebüts Call Girl, mit dem jetzt das 23. Stockholm International Film Festival eröffnet wurde. Und ließ sich damit auf einen ebenso heißen Flirt zwischen filmischer Fiktion und politischer Spekulation ein, der das Festivalgespräch in Stockholm bestimmte und für den Regisseur und seine Drehbuchautorin noch juristische Folgen haben könnte. Ohne es zu wollen, hat Marcimains Call Girl die Möglichkeiten und Grenzen des Politthriller-Genres herausgefordert und zur Diskussion gestellt.

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Zu Beginn von Call Girl, der bereits auf dem Filmfestival in Toronto den internationalen Kritikerpreis gewonnen hat, sitzen ein Politiker und eine Schauspielerin aus Hollywood in einer schwedischen Talkshow beisammen und diskutieren nicht nur akute Herausforderungen der Weltpolitik, sondern liebäugeln auch ganz offensichtlich miteinander, bevor sich die Kamera von dem flimmernden Bildschirm wegbewegt und zum eigentlichen Handlungsgeschehen schwenkt: Wir befinden uns im Stockholm der 1970er Jahre, wo die umtriebige Puffmutter Dagmar Glans (Pernilla August) ein hocheffektives System zur diskreten Bereitstellung von Sexdienstleistungen für höhergestellte Beamte aufgebaut hat. Der Verbrauch von Mädchen, Alkohol und Drogen ist enorm – die Minister und Staatsräte verlangen nach immer jüngeren Prostituierten. Zugleich machen sie sich daran, eine schwedische Gesetzesänderung durch das Parlament zu boxen, in dem Sex mit Minderjährigen nur bei expliziter Gegenwehr illegal sein soll. Ein ehrgeiziger junger Polizist wird auf den Mädchenhandel-Ring angesetzt, findet heraus, dass die halbe Regierung Schwedens auf dessen Dienste zurückgreift, und macht sich daran, Dagmar Glans’ Machenschaften auffliegen zu lassen. Dabei beruft sich Call Girl auf die wahre „Geijer-Affäre“ aus dem Jahr 1976, an dessen Ende die Verhaftung der Stockholmer Bordellbetreiberin Doris Hopp stand.

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Regisseur Marcimain, der durch ein jahrelanges Stahlbad serieller Werbespot- und Fernsehserien-Produktion gegangen ist, liefert mit seinem ersten Kinofilm eine bestechende Hommage an den Polit-Thriller der 1970er Jahre ab. In einer schieren Ausstattungsorgie wird das damalige Zeitkolorit authentisch zum Leben erweckt. Zugleich beweist Marcimain eine inszenatorische Könnerschaft, mit der er die Fülle an Figuren und Handlungssträngen mühelos bewältigt und auch Schauspieler wie die stets zum Chargieren neigende Pernilla August nie aus dem Dienst der voranpeitschenden Storyline entlässt. Zusammen mit dem hippen Retro-Soundtrack, der sich an John Carpenters Soundtrack-Minimalismus der ausgehenden 70er orientiert, kommt Call Girl nicht nur bei einem jugendlichen Publikum in Schweden gut an, sondern wird sich ohne Probleme auch in andere Länder verkaufen.

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Doch der aktuelle Erfolg in den schwedischen Kinos wird durch eine erzählerische Volte getrübt, die Mikael Marcimain und seine Drehbuchautorin Mariette von Hausswolff offenbar bedenkenlos in ihren quasi-realistischen Plot einfügten, um ihren Film noch spektakulärer zu zeichnen: Ein namenloser Ministerpräsident bestellt sich in Call Girl ein 14-jähriges Mädchen in sein Büro, um sich sexuell an ihr zu vergehen. Der gleiche Ministerpräsident, der zu Beginn mit einer Hollywood-Schauspielerin in einer Talkshow flirtet, der mit der Stimmmodulation Olof Palmes spricht und Original-Zitate des echten Sozialdemokraten rezitiert. Man könnte sagen: Call Girl unterstellt, dass Olof Palme Minderjährige missbraucht hat – obwohl dem damaligen Staatschef niemals ein derartiges Verbrechen nachgewiesen, geschweige denn nur vorgeworfen wurde. So entwirft der Film über seine Zuspitzung die 70er Jahre als dekadente, übersexualisierte Gesellschaftsepoche, in der jegliches Maß für Grenzüberschreitungen verloren gegangen ist und der Fisch vom Kopf her stinkt. In zahlreichen Interviews haben Marcimain und Hausswolff betont, dass ihnen die Umdeutung der oft als liberales Paradies befreiender Ausschweifung gefeierten 70er besonders am Herzen liege. Das mag ein integeres Unterfangen sein.

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Dem öffentlichen Aufschrei nach der Premiere entgegnen die Filmemacher mit dem Argument, das alles rein fiktiv sei und dass es sich bei dem Ministerpräsidenten nicht um Olof Palme handelt – was ungefähr dem gleichkäme, einen namenlosen Bundeskanzler mit silbergrauer Haartolle in Szene zu setzen, der Kette raucht, im Deutschen Herbst mit der RAF verhandelt und 1982 über ein Misstrauensvotum fällt – um anschließend zu behaupten, es handele sich keinesfalls um Helmut Schmidt. Die Stockholmer Kulturkritik hat Call Girl für seine filmische Spekulation ausgiebig gescholten. Olof Palmes Kinder fühlen sich tief gekränkt – die Ermordung Palmes liegt gerade einmal 27 Jahre zurück – und erwägen juristische Schritte gegen die Filmemacher. Die entscheidende Frage dabei: Darf ein Spielfilm so weit gehen, als politisch aufklärerisches Entertainment Personen des öffentlichen Lebens Verbrechen anzulasten – auch wenn es im Dienste einer narrativen Konstruktion geschieht? Hat es nicht schon Thriller gegeben, in denen selbst der Teufel höchstpersönlich vom Weißen Haus aus seine verbrecherischen Geschäfte tätigte? Marcimain und von Hausswolff müssen sich die Kritik gefallen lassen, denn wer sich dramaturgisch und inszenatorisch derart explizit an der realen „Geijer-Affäre“ orientiert, muss in nachvollziehbarem Ausmaß bei der (bislang erkennbaren) Wahrheit bleiben. Dennoch – oder vielleicht gerade deswegen – wird es nicht lange dauern, bis wir Call Girl auch in Deutschland zu sehen bekommen.

Trailer zu „Call Girl“


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Kommentare


Michael

Da hast du natürlich Recht, danke für den Hinweis. Ich hab jetzt den richtigen Trailer hochgeladen.






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