Brooklyn – Eine Liebe zwischen zwei Welten

Zwei Leben, die sich abstoßen: John Crowleys Romanverfilmung behauptet keine großen Gefühle, sondern nähert sich dem Boden, auf dem sie gedeihen.

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Der Schiffsabschied ist ein besonderer Abschied. Wenn im Kino ein Zug abfährt, dann verschwindet er nach links oder rechts aus dem Bild und trennt in der Regel zwei winkende Figuren voneinander; es geht um ihre Gefühle füreinander und ihren Umgang mit der sich exponentiell vergrößernden Distanz. Was das Flugzeug angeht, sind dem Kino dagegen die Hände gebunden, schließlich schreitet man heute nur noch selten persönlich über den Flugplatz – wie in der vielleicht bekanntesten Abschiedsszene der Filmgeschichte –, sondern muss die Dramen im unromantischen Übergangsraum Flughafen durchleben. Auch der Autoabschied ist für große Gesten eher ungeeignet, man hat sich danach ja recht ungrazil erst noch ins Gefährt zu zwängen und kann nicht einfach zum Waggon emporsteigen, um sich dann nochmal erhobenen Hauptes umzudrehen. Ein solcher Rück-Blick geht im Auto nur von den hinteren Sitzen aus, weshalb traurige Gesichter hinter Heckscheiben häufig mit radikalen Einschnitten in Kinderleben verbunden sind, während den Erwachsenen vorne nur der tapfere Blick in die Zukunft oder der seitwärts kontemplative in Richtung des banalen Straßenrands bleibt.

Der Blick von der Reling

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Hoch oben steht nun Eilis (Saoirse Ronan) in John Crowleys Brooklyn auf der Reling und blickt auf eine Welt, von der sie ganz langsam, aber unwiederbringlich abgestoßen wird. Der Schiffsabschied ist kein Rückblick, sondern ein Schuss-Gegenschuss zwischen ihr und dem bis hierhin gelebten Leben. Und er lässt sich niemals ganz auf Zwischenmenschliches reduzieren. Nicht nur geliebte Menschen verschwinden in der Ferne, sondern gleich das ganze Ufer. Kein langsames Durchschreiten ein und derselben Welt, von A nach B, sondern ein Ab-Bruch. Kein Boden mehr unter den Füßen außer dem des gigantischen Veränderungvehikels. Die Welten, zwischen denen sich eine Schiffsfahrt setzt, sind voneinander radikal geschieden, sind nicht durch Schienen oder Straßen verbundene Orte, sondern Inseln im Weltmeer. Für das Kino der Auswanderung in die USA ist der Schiffsabschied ein wichtiges Bild, wichtiger als jeder zwischenmenschliche Abschied, weil er ausdrücken kann, was es bedeutet, wenn ein ganzes Stück Erde auf einmal keine Rolle mehr spielt. Für Brooklyn ist dieses Bild nicht nur Anschub für ein klassisches Reisenarrativ, sondern zentrale Perspektive.

Verloren im Ozean

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Denn Eilis wird zurückkehren nach Irland, im letzten Teil von Brooklyn. Eine Schiffsfahrt zurück. Sie ist dann längst eine gestandene New Yorkerin, wird vom schnuckeligen Italo-Amerikaner Tony (Emory Cohen) verehrt, trägt ein neues Selbstbewusstsein in die entfremdete Heimat. Aber auch das Amerika, das sie zu dieser Person gemacht hat, verschwindet, wenn es einmal abgestoßen ist. Auch in Irland ergeben sich Karrieren, auch hier gibt es ein aufrichtiges love interest (Domhnall Gleeson). Man fügt sich, und es ist auch gar nicht schlimm. Das ist das Schöne an Brooklyn: Das Drama ist zwar ein innerliches, eine junge Frau, zerrissen zwischen zwei Welten, aber diese zwei Welten überformen selbst noch das Innere, sodass es keinerlei Position gibt, von der Eilis über ihr Leben nachdenken kann, über das, was sie denn nun „wirklich“ will. Auf den Film selbst gemünzt: Keiner dieser beiden Welten verleiht Crowley die filmische Autorität, über die jeweils andere urteilen zu können. Weder im Innenleben der Protagonistin noch im Film gibt es eine souveräne Position, von der aus sich diese Welten vergleichen ließen, von der aus die eine als richtige, glücklich machende, die andere als falsche erschiene. Brooklyn kennt kein Schiff, von dem aus sich Entscheidungen treffen lassen, sondern nur den tiefen Ozean, in dem vergangene Gefühle bald ertrinken und höchstens als Erinnerungen wieder an Land geschwemmt werden.

Becoming New York

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Der Film spielt sich in Saoirse Ronans Gesicht ab. Dort haben abwechselnd Sicherheiten und Unsicherheiten, Heim- und Fernweh, Hoffnung und Skepsis ihren Platz, dort erwacht ein Leben, dort lagern sich die Spuren der verschiedenen Leben eben doch auf einem einzigen Körper ab. Nick Hornbys Adaption der Romanvorlage von Colm Tóibín schiebt das Drama subtil voran, für die großen Gefühle stehen kleine Beiläufigkeiten: Heimweh heißt, beim ersten Date so hyperaktiv von Irland zu erzählen, dass man kaum den Teller angerührt hat, wenn der Zuhörer schon längst satt ist. Rasch aber entsteht ein New Yorker Leben in Eilis. Die jeweiligen Etappen lassen sich in den wiederkehrenden Dinner-Sequenzen im Haus von Mrs. Kehoe (Julie Walters) nachvollziehen, wo Eilis mit anderen jungen Damen wohnt. Das wachsende Selbstbewusstsein der Protagonistin drückt sich dabei in den Entwicklungen der Kicher-, Mobbing- und Solidaritätsverhältnisse zwischen den Frauen aus: Irgendwann sind die, die einst bösartig und albern erschienen, die besten Freundinnen. Derartig längerfristige Verschiebungen in der erzählten Zeit über pointierte Entwicklungen in der Erzählzeit erfahrbar zu machen, gelingt Brooklyn mühelos.

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Überhaupt hat Crowley einen ungemein genauen, bescheidenen, altmodischen Film gemacht, für den Subtilität glücklicherweise nicht bedeutet, das große Drama zu leugnen, das in ihm steckt. Wenn Brooklyn irgendwann zum wahrhaften Tearjerker wird, hat er sich das jedenfalls längst verdient. Tragisch ist aber nicht das einzelne Schicksal und was es alles erleiden muss, sondern die Erkenntnis, wie anders alles aussehen kann, von der anderen Seite des Ozeans, und wie richtig es sich doch anfühlen kann. Ohne Kniffe, ohne Gegenüberstellung, ohne plumpe Was-wäre-wenn-ich-damals-Gedankenspiele erkennt der Film, dass selbst das Glück eine Frage der Perspektive und der Gewöhnung ist. Es gibt keine Eilis, die eine richtige Entscheidung treffen muss, sondern so viele Eilis, wie es Welten gibt. Um das zu akzeptieren, braucht es mindestens zwei Schiffsabschiede.

Trailer zu „Brooklyn – Eine Liebe zwischen zwei Welten“


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