Biutiful

Prätentiös, größenwahnsinnig und ganz und gar wundervoll: Biutiful von Alejandro Gonzáles Iñárritu.

Biutiful

Biutiful. Selten war ein Titel passender, fasste kompakter zusammen, was ein Film vermittelt, was ihn auszeichnet, aber auch, was ihn beschränkt. Ana fragt Papa Uxbal (Javier Bardem), wie „Beautiful“ geschrieben würde. Und so buchstabiert er es ihr ins Schulheft, ganz ohne Zögern: B-I-U-T-I-F-U-L.

Alejandro Gonzáles Iñárritu macht sich in seinem jüngsten Werk auf die Suche nach der Schönheit des Mangelhaften, des Defizitären, Widersprüchlichen, Beschränkten. Gleich in der ersten Szene flüstern Vater und Tochter ganz, ganz leise miteinander, so leise, dass das Mikrophon übersteuert. Da denkt man noch: Stimmt was mit dem Sound nicht? Aber bald hat man verstanden, und wird gesogen in diesen von einem allumfassenden Gestaltungswillen geschaffenen Film. Sogar das Experimentelle wird da vollkommen schlüssig verwendet in einer Mainstreamproduktion: das Krachen des Mikrophons transportiert die Nähe wie ein Index, der technische Fehler wird Bedeutungsträger. Hier sind sich zwei so nahe, dass alle Technik versagt. Das wird noch einmal wieder kommen, wenn sich die beiden das letzte Mal umarmen. Die Sätze, das Flüstern, das Krachen: ein Orchester von Bedeutung und Bedeutungsträger, dissonant, aber harmonisch. Ein Form-Inhalt-Knäuel.

Biutiful

Die Musik funktioniert ganz ähnlich. Gustavo Santaollala, der schon seit Amores Perros (2000) mit Iñárritu zusammen arbeitet, geht viel weiter als das Gros der Komponisten. Da stehen schräge Klangcluster nebeneinander, isoliert, fast abstrakt, und doch formen sie irgendwie Harmonien. Das ist verquer, aber ganz klar Musik und auf sonderbare Weise eingängig.

Und die Menschen, ihre Stimmungen und Körper: auch so eine Orchesterprobe, sie treiben fort in alle Richtungen, sind übervoll und widersprüchlich, aber doch stecken sie in einem Körper. Uxbal zum Beispiel, was für eine überdeterminierte Figur. Schacherer, Gauner, Menschenhändler, Vater zweier kleiner Kinder, schwer an Krebs erkrankt, noch dazu begabt mit übernatürlichen Fähigkeiten. Er springt von einer Stimmung in die nächste, gänzlich unvorhersehbar. Zwar profitiert er von den Deals mit illegalen Immigranten, afrikanischen Ramschverkäufern und chinesischen Fälschern, nutzt die Menschen aus. Aber er liebt sie auch und schließt Freundschaften. Was nicht zusammen zu gehen scheint, gerinnt in Javier Bardems harschen Zügen zu einem glaubwürdigen Charakter, einem Menschen eben, mit allen Ungereimtheiten und Fehlern.

Biutiful

Und natürlich die Welt, in all ihrer undurchschaubaren Verzwicktheit. Auch wenn wir diesmal an einem Ort verweilen, in Barcelona, und die Zeit linear verläuft, gemeinsam mit Uxbal zum Tode hin: Iñárritu wickelt aus dem Gewirr der Schicksale mal wieder eine überbordende Themenvielfalt, zum Großen wie zum Kleinen hin. Da gibt es ein schwules Pärchen chinesischer Gangster, eine Auseinandersetzung mit den Unmenschlichkeiten der europäischen Immigrationspolitik, Ausflüge in die Exzesse des Nachtlebens von Barcelona, die altbekannte Sache mit der Körper-Geist Thematik, übernatürliche Erscheinungen und viel, viel mehr. Uxbals Frau leidet an einer bipolaren Störung, es ist ihr unmöglich, eine Mitte zu finden im Leben. Mal leise, dann brüllend laut, mal erstarrt,  unfähig, sich zu bewegen, dann wieder wild irrend und tanzend. Ihr Charakter ist der kakophonen Wirklichkeit Iñárritus vollkommen angemessen

Als spürte er selbst, dass er nicht stoppen kann, dass er immer ein totales Bild der Welt zeichnen würde, wenn er nur könnte, sucht Iñárritu nach Grenzen. In Babel die Wüste zwischen Mexiko und Amerika, in Bitiful das Meer, zwischen Europa und dem Rest der Welt. Aber die Grenzen sind weniger einschränkende Demarkationslinien als viel eher Öffnungen, Portale hin zum Mythischen.

Biutiful

Das besondere an Biutiful: er ist zugleich Iñárritus konventionellster und experimentellster Film. Klassisch in der Behandlung von Dramaturgie, Zeit und Raum, avanciert in der Form. Und wo inhaltlich doch wieder zu viel geschieht, nicht alles richtig funktioniert, mancher Einfall in die Menschen hinein konstruiert erscheint, so hält Iñárritus unfassbar sichere Regie doch alles irgendwie zusammen. Natürlich wird es vor allem gen Ende sehr dramatisch, ein Schicksalsmoment folgt dem andern, Trauer und Ärger allerorten. Doch jede Szene hat ihre spezifischen Charakteristika, kleine Widerhaken in Bild und Schnitt und Farbe und Musik, fast jede ist für sich genommen grandios. So bleibt der Film auf Kurs, und der Zuschauer folgt ihm bis auch die letzten Tiefen ausgelotet sind. Biutiful.

Trailer zu „Biutiful“


Trailer ansehen (1)

Kommentare


RekaRena

Barcelona mal nicht als Kulturhochstadt, nicht als "Gaudi-Stadt" ;-). Sehr realistisch, sehr beeindruckend, sehr berührend, absolut kein "Gute-Laune-Film". Sicherlich nichts für Menschen, denen es selbst nicht so gut geht. Mir hat der Film aber sehr gut gefallen und ich denke immer noch viel über ihn nach.






Kommentare der Nutzer geben nur deren Meinung wieder. Durch das Schreiben eines Kommentars stimmen sie unseren Regeln zu.