Reality

Ein bodenloses Fass namens Wirklichkeit.

Reality 02

Der leicht größenwahnsinnige Filmtitel ist eine Mogelpackung: Die „Realität“ ist in Reality prinzipiell absent, stattdessen gibt es nur Schichten von Trug und Schein, zwischen denen hin und her gewechselt wird, die sich überlagern oder bekämpfen. Alles ist Rollenspiel, Inszenierung, Scharlatanerie: Gleich zu Beginn fliegt die Kamera tollkühn über Neapel, senkt sich irgendwann hinab und folgt einer von Schimmeln gezogenen, golden im Sonnenlicht funkelnden Kutsche, die alternativ aus den Stallungen Ludwigs des XIV. oder aus den Requisitenzimmern Disneylands gekommen sein könnte. Das Märchengefährt schwenkt auf ein herrschaftliches Anwesen ein, die Pferde tanzen, und es entsteigt ein strahlendes Brautpaar, weiß in weiß. Der Film inszeniert rauschhaft die inszenierte Hochzeitsshow.

Doch auch als die Gäste nach der Trauungsparty in ihre engen, stockfleckigen Behausungen zurückkehren, kommen sie und der Film nicht in der „Realität“ an. Noch immer schraubt sich die Kamera so waghalsig durch die Treppenhäuser hinauf und hinab, dass es einem Ophüls zur Ehre gereichte. Und die Sets, sie sehen nicht aus wie „wirkliches“ Leben, sondern, mit einem kleinen Ellbogenstoß gegen die großen Helden des italienischen Kinos, wie viele der halbverfallenen Pensionshäuser und Wohnbaracken des Neorealismus, mit zig Betten in jedem Zimmer, schimmligen, unverputzten Wänden und wenig Licht. Den „Realismus“ von damals will der Film als eine lediglich „realistische“ Spielart gekonnter Inszenierung entlarven.

Reality 4

In Matteo Garrones Reality ist Italien besessen vom Spektakel. Egal ob es mit der Wirtschaft bergab geht, ob die zivile Gesellschaft zerbricht: Der Schein bestimmt hier das Sein. Sag mir, wie ich aussehe, und du weißt, wer ich bin. Also bitte: gut aussehen. Und von vielen gesehen werden.

Solcherlei Gedanken scheinen im Kopf des Fischverkäufers Luciano (Aniello Arena) herumzuspuken, als er auf der kitschigen Traumhochzeit zu Beginn dem ehemaligen „Big Brother“-Sieger Enzo (Raffaele Ferrante) hinterherläuft. Die Tochter ist Fan und will ein Autogramm. Von einer Retortenfeier stolpert Luciano auf die nächste und sieht Enzo exakt die gleiche Show ein zweites Mal aufführen: „Die schönste Braut der ganzen Welt!“ Zwei schönste Bräute, in nur fünf Minuten! Wir Zuschauer sehen hier vielleicht einen Lackaffen und D-Prominenten, der aus seiner verglühenden Berühmtheit noch die letzten Euros ausquetscht – Luciano sieht einen neuen Helden. Doch seine Anstrengungen, in die Show zu kommen, entwickeln sich wie bei Ellen Burstyn in Reqiuem For a Dream (Darren Aronofsky, 2000) immer mehr zu einem Wahn. Allmählich entfernt sich Luciano von seinem alten Leben und seinen Mitmenschen, getrieben von der Sehnsucht nach Flucht aus dem tristen Sein in den schönen medialen Schein.

Mit diabolischer Freude entwirft Garonne in dieser unter zahllosen Spielweisen der Repräsentation begrabenen Welt das „Big Brother“-Szenario als eine Art gesellschaftlichen Idealzustand. Die Sehnsucht nach einem Leben vor allgegenwärtigen Kameras und den unzählbaren Augen der Fernsehzuschauer wäre demnach gerade keine Absage an das wirkliche, reale Leben, sondern die Einsicht, dass es dieses Leben ohnehin niemals gegeben hat, nie geben kann.

Reality 3

So wird Luciano auch erst dann vom selbstdarstellerischen Kasperl zum augenscheinlich „guten“, weil freigiebigen Menschen, als er die paranoide Logik der permanenten Überwachung verinnerlicht hat. Aus Angst, dass die BB-Castingagenten jede seiner Handlungen ausspionieren könnten, beginnt er ostentativ alles Hab und Gut zu verschenken. Doch auch die Begünstigten dieser Prasserei, die „Bettler“, haben hier nicht das Geringste mit wirklichen Wohnungslosen auf den Straßen Neapels oder sonstwo in der Welt gemein, sondern sind nicht mehr als nur eine Facette des filmischen Planspiels namens „Unrechtsgesellschaft“. Sie sind Zombies mit unstillbarer Gier nach den Insignien des Reichtums.

Was also auf den ersten Blick wie eine beißende Mediensatire erscheinen könnte, ist im Gegenteil eine umfassende Gesellschaftssatire, inszeniert als Umstülpung der Verhältnisse: Das Mediale wird Substanz. Oder besser: Die ununterbrochene Vermittlung löscht jede Substanz aus, denn es begegnen sich hier nie Menschen, sondern nur Konstrukte sozialer Determination, die in Räumen aus der Film- und Fernsehgeschichte hausen. Viel ferngesehen wird denn auch gar nicht, und Lucianos Familie scheint viel lieber über „Big Brother“ zu diskutieren, als die Show wirklich zu verfolgen. Das Fernsehen ist ins Leben gewandert, nicht umgekehrt. Aus Reality-TV wird TV-Reality.

Reality 5

Doch hier kommt Garrone in gefährliche, weil etwas seichte Gewässer. Auch wenn Italien in Post-Berlusconi-Zeiten möglicherweise eine Rosskur in Sachen institutionalisierter Augenwischerei ganz gut gebrauchen kann, beackert Reality letztlich nur längst erschlossene Gefilde. Die Prozession der Trugbilder, der Verlust des Wahren, die abgestorbene Realität: ist diese postmoderne Maschine, auch wenn sie schon ein paar Jahre auf dem Buckel hat, einmal angeworfen, dann läuft sie noch immer ziemlich rund. Nach Aufgabe des Realitätskonzepts wandern die Bedeutungen bereitwillig, befreit von Referenz und Bodenhaftung. Spätestens wenn dann auch Gott noch einmal kurz den Platz des „Großen Bruders“ einnehmen darf, als Luciano sich, „geläutert“ von seiner Paranoia, in die Umarmung der omnipotenten katholischen Kirche begeben hat, merkt man, dass hier etwas entschieden zu glatt abläuft. Aber ohne die schon fast obligatorischen Watschn gegen den Vatikan geht es im italienischen Kino wohl nicht. Einen Weg hinaus aus dem Rotieren im luftleeren Raum des Scheins vermag Garrone denn auch nicht zu finden, stattdessen nimmt er die Abkürzung in den Wahnsinn. La dolce vita, der schöne Schein: wohin mit dir?

Trailer zu „Reality“


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