Am Ende eines viel zu kurzen Tages

Adoleszent und bald tot. Ein junger Zeichner muss schnell erwachsen werden.

Am Ende eines viel zu kurzen Tages  1

Donald ist talentiert. Donald ist pubertär. Donald hat Krebs und nicht mehr lange zu leben. Muss er nicht gerade für eine weitere Strahlentherapie regungslos auf kaltmetallenen Krankenhaus-Tischen verharren, zeichnet er. Zumeist in eines seiner zahlreichen Sketchbooks, wenn ihm danach ist, aber gerne auch mal großformatig auf Fenster öffentlicher Gebäude. Dass ihn nach solchen Aktionen regelmäßig die Polizei nach Hause bringt, kümmert ihn wenig. Mit einer Mischung aus fatalistischer Reife und jugendlicher Scheißegal-Einstellung begegnet er seinen Mitmenschen und bringt vor allem seine ihn am liebsten in Watte packen wollende Mutter regelmäßig zur Verzweiflung. Donald lässt niemanden an sich ran, stattdessen nimmt ihn immer wieder die düster-fantastische Welt seiner Zeichnungen ein. Hier erwachen seine Figuren zum Leben, hier schreibt er zeichnend seine eigene Geschichte und sieht einen großen Wunsch erfüllt: „Kontrolle über etwas zu haben.“ In der Welt seiner Zeichnungen ist er der Superheld, bedroht zwar vom finsteren Bösewicht Glove und der verführerischen Krankenhaus-Domina Nursey Worsey, aber eben auch stark, unabhängig und sexuell begehrt. Die Essenz des Daseins für einen männlichen Teenager also.

Am Ende eines viel zu kurzen Tages  2

Am Ende eines viel zu kurzen Tages (Death of a Superhero, 2011) integriert diese imaginierte Welt seines Protagonisten mit einer durchaus gewagten formalen Ausbuchstabierung: In die realfilmischen Bilder werden immer wieder animierte Sequenzen im Stile klassisch handgezeichneten Artworks eingewoben. Der rohe Graffiti-Style dieser Animations-Szenen spiegelt sich kohärent mit dem inhaltlich Dargestellten, der dunklen, aggressiv-wolllüstigen Fantasiewelt eines pubertären Jungen und talentierten Street Artists. Überlegt und nicht übermütig eingesetzt, taugen diese Sequenzen so nicht nur als ästhetisch verspieltes Beiwerk, sondern tragen geschickt zur Reflexion über ihren eigenen fluiden Status – gewissermaßen als Film im Film – bei. Durch in der eigentlichen Diegese ausgedehnt vorbereitete und streng rückgebundene Parallelschnitte verdeutlichen die Trickfilm-Bilder zu Beginn ein kontrolliert-gewolltes Eintauchen des Protagonisten in seine verlebendigten Zeichnungen. Er verliert sich bewusst darin, flüchtet vor der Welt besorgter Eltern und leicht zu durchschauender Psychologen. Doch die Vorzeichen ändern sich, nach und nach scheinen sich diese Bilder von Donalds Vorstellungskraft zu emanzipieren und regelrecht über ihn (in Form von Traum- und Wahnzuständen) hereinzubrechen. Zuspitzung dieses Prozesses ist die Grenzauflösung zur realen Welt der fotografischen Bilder: Der böse Glove steht in bester Who framed Roger Rabbit-Tradition plötzlich in Donalds Zimmer und will ihn lieber gleich als später töten. Die als Schutzmechanismus projizierte Fantasiewelt des Jungen verkehrt sich zur albtraumhaften Heimsuchung. Donald muss sich eingestehen, dass sich nicht nur die Erwachsenenwelt um ihn herum, sondern auch er sich selbst viel vormacht. Langsam legt er den adoleszenten Deckmantel der Unberührbarkeit ab.

Am Ende eines viel zu kurzen Tages  5

Hauptdarsteller Thomas Brodie-Sangster (Nowhere Boy, 2009) spielt diesen Prozess der Entkrampfung sehr überzeugend. Sein Spiel schwankt verstörend zwischen aggressiver Coolness und kindlichem Liebesbedürfnis. Auf Story-Ebene werden diese metamorphotischen Bewegungen durch die Begegnung mit zwei Menschen, die Donald offen und ohne die übliche Vorab-Stigmatisierung eines Todkranken gegenübertreten,ausgelöst. Andy Serkis als besonnener, Mozart und klassischer Malerei verfallener Therapeut in Strickjacke und Aisling Loftus als sonderbar schräge Mitschülerin bilden mit ihren zurückgenommenen Darstellungen ein gutes Gegengewicht zur starken körperlichen Präsenz der Hauptfigur. Deren haarloser Schädel wirkt immer wieder – gerade auch durch die zeitweilige Verdeckung mit Mützen aller Art – wie ein Fremdkörper im Bild, roh und jederzeit bereit, irgendwo anzustoßen. Setzt sich dann in der zweiten Hälfte der Spielzeit immer mal wieder ein Lächeln auf Donalds Gesicht, zeigt sich die andere Seite, die des unschuldigen Teenagers, der hadert, weil er genauer wissen will, was Liebe bedeutet. Und eigentlich doch nur endlich eine Frau ins Bett bekommen will.

Am Ende eines viel zu kurzen Tages  9

Am Ende eines viel zu kurzen Tages ist kein Film über Krebs. Das ist gut. Die Krankheit potenziert den dramatischen Verlauf einer Coming-of-Age-Geschichte, nimmt dabei aber nicht zu viel auf Pathos abzielenden Raum ein. Der irische Regisseur Ian FitzGibbon begegnet dieser möglichen dramatischen Falle von vornherein mit einer nicht nur durch die zwischenmontierten Trickfilm-Sequenzen gebrochenen Komposition. Szenen setzen unvermittelt ein und brechen abrupt ab, erwartete Dialoge bleiben aus oder sind überraschend fragmentiert. Die Folge ist eine unrunde Rhythmik, die gelegentlich Regie-Anfängern oder einem unausgegorenen Drehbuch zu Lasten gelegt werden. Hier trifft sie den insgesamt rauen Ton des ganzen Werks und bewahrt es trotz einiger arg klischeehafter Sequenzen zum Ende hin – Donald kifft mit seinem Vater, Jessica Schwarz agiert in einer dreiminütigen Alibi-Szene für die deutsche Ko-Produktion reichlich uninspiriert als Prostituierte – davor, nur ein weiterer Teenie-Film zu sein.

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