Adam
In seinem Film Adam pathologisiert Max Mayer den Autismus seiner Hauptfigur nicht, sondern inszeniert ihn als liebenswerte Eigenschaft.
Zunächst enthält uns Max Mayer das Problem seines Titelhelden eine Weile vor. Adam (Hugh Dancy) wirkt auf den ersten Blick wie ein klassischer Nerd: Im sozialen Miteinander ist er ein wenig unbeholfen und verschlossen, in seinem Job als Techniker für eine Spielzeugfirma erweist er sich dagegen als äußerst kompetent. Als er sich mit der neuen Nachbarin Beth (Rose Byrne) anfreundet, treten seine Macken jedoch immer stärker hervor: Seine Angst vor Menschenansammlungen und die Unfähigkeit sich in sein Gegenüber einzufühlen. Wenig später erfahren wir den Grund dafür in einem unspektakulär inszenierten Gespräch: Adam leidet am Asperger-Syndrom, einer abgeschwächten Form von Autismus. Dass Mayer Adams Krankheit im weiteren Verlauf thematisiert, ohne sie wirklich zum Problem zu erheben, ist die besondere Qualität seines Films.
In einigen Punkten grenzt sich Adam deutlich von der häufig stereotypen Darstellung autistischer Figuren ab. Ganz verzichtet der Film zwar nicht auf das Klischee eines sich zwischen Genie und Wahnsinn bewegenden Autisten – seine soziale Inkompetenz gleicht auch Adam durch fast übermenschliche geistige Fähigkeiten aus – jedoch wird die Krankheit weder für dramaturgisch Kniffe instrumentalisiert (Stummer Schrei, Silent Fall, 1994) noch führt die Hauptfigur atemberaubende Kunststücke aus (Rain Man, 1988). Adam soll so normal wie möglich dargestellt werden und seine Herausforderung das Meistern des Alltags und der Liebe sein.
Das Gerüst für diesen betont lockeren Umgang mit der Krankheit seines Protagonisten bildet eine unbeschwerte Romantic Comedy. Das soll nicht heißen, dass Adams Ängste und teils übertriebenen emotionalen Reaktionen unterschlagen werden, sie treten nur durch den optimistischen Grundtenor des Films in den Hintergrund. Das Asperger-Syndrom ist hier kein unveränderliches Stigma, sondern kann durch Eigeninitiative verbessert werden. Am deutlichsten zeigt das der Film, wenn sich Adam wochenlang auf Vorstellungsgespräche vorbereitet um auch am sozialen Leben teilnehmen zu können. Eine gewisse Normalität ist für ihn ohnehin gewährleistet, weil auch die von ihm angehimmelte Beth mit ihrem Beziehungstrauma einen psychischen Knacks hat.
Obwohl es ein Qualitätsmerkmal von Adam ist, die Krankheit seines Protagonisten nicht zu problematisieren, raubt gerade ein Übermaß an Harmonie dem Film die Dynamik. Egal ob es sich nun um die Integration Adams in Beths bildungsbürgerlichen Freundeskreis handelt oder um Meinungsverschiedenheiten des Paares, von ernst zu nehmenden Hindernissen sind solche Momente weit entfernt. Lediglich ein Nebenerzählstrang, in dem Beths Vater (Peter Gallagher) sich vor Gericht verantworten muss und zum Gegenspieler Adams aufgebaut wird, birgt ein wenig Konfliktpotential.
Mit seiner Vorliebe für verkorkste Figuren und deren Fähigkeit zu kindlicher Fantasie erinnert Adam streckenweise an die Filme Michel Gondrys (Science of Sleep - Anleitung zum Träumen, La science des rêves, 2006), auch wenn Mayers Inszenierung fester in der Realität verankert ist. Allein die Berufe von Adam und Beth weisen schon auf ihren verträumt naiven Charakter hin: Er stellt Spielzeuge her und beschäftigt sich in seiner Freizeit mit Astrologie, sie arbeitet als Grundschullehrerin und schreibt nebenbei Kinderbücher. Ein romantischer Abend, bei dem die beiden eine Waschbärfamilie im Central Park beobachten, Adams zum Planetarium unfunktioniertes Wohnzimmer und zu guter Letzt ein inhaltlicher Bezug zu Der kleine Prinz, der Bibel Kind gebliebener Erwachsener, wirken in dieser Anhäufung allzu kalkuliert eingesetzt.
Mit Hugh Dancy hat der Film zudem noch einen typischen Mädchenschwarm in der Hauptrolle, durch den die Krankheit ein attraktives Gesicht bekommt. In Verbindung mit der unbeholfen ausgewählten Kleidung und der verstrubbelten Frisur wird die Figur mitunter derart verniedlicht, dass es schwer fällt, sie noch ernst zu nehmen. Wenn Adam nach jeder Taktlosigkeit mit Hundeblick fragt, was er denn falsch gemacht habe, wird das Asperger-Syndrom endgültig zur liebenswürdigen Eigenschaft verklärt.
Zumindest teilweise unternimmt der Film noch den Versuch solch klebrige Romantik mit Ironie aufzulockern. Als Beth Adam nach einem Streit ein Friedensangebot mit einer Schachtel Pralinen macht, entgegnet dieser „Ich bin doch nicht Forrest Gump“. Wie Mayer hier den Archetyp des trotteligen Gutmenschen benutzt, um zu zeigen, wie leicht man den Protagonisten aufgrund seiner Krankheit bevormundet, verfehlt seine komödiantische Wirkung nicht. Dabei kann aber auch dieser Angriff nach vorn nicht verschleiern, dass die berechnende Art, mit der Adam die Marotten seines Protagonisten einsetzt, um beim Publikum Entzücken auszulösen, an Zemeckis' kitschigem Epos verdächtig nahe dran ist.
Filmkritik von Michael Kienzl
Veröffentlicht am 16.11.2009
Kommentare zu Adam
Anonyma 19.12.2009 02:26
Als Betroffene und Mutter eines Betroffenen kann ich nur sagen: So charmant der Film zu sein versucht, so sehr bagatellisiert er das Asperger Syndrom. Fakt ist, dass die meisten "Aspies" an ihrer Behinderung im Leben scheitern, unter schwersten Depressionen und enormen (nicht nur sozialen) Ängsten leiden. Die im Film angeführten Vorzeige-Aspies und Weltveränderer wie Einstein, Mozart und Jefferson täuschen allzu leicht darüber hinweg, dass ihre Leidensgenossen in der Regel zwar riesiges Können mit sich herum tragen, es aber in der auf Soft Skills und Außenwirkung fixierten Welt nicht einsetzen können. Die Schulzeit ist für sie ein Spießrutenlauf, das Berufsleben --wenn sie denn jemals daran teilhaben-- ein einziger Krampf, der Lebensabend elendig einsam. Das (Aspie-)Leben ist nicht Hollywood, verdammt!
Schlimmer noch: Für die Asperger-Betroffenen tut der Film nichts, überhaupt nichts. Er schafft kein Bewusstsein, sensibilisiert nicht, klärt nicht auf. Er kreiert ein recht plattes, niedliches Maskottchen, das die Zuschauer spätestens eine Woche nach dem Filmgenuss vergessen haben werden. Sie werden nichts gelernt haben und den wunderlichen Typen aus der 10.15-Vorlesung oder die Kollegin, die nie an der Betriebsfeier teilnimmt, weiterhin meiden, mobben, ignorieren.
Nein, ich bin nicht verbittert.
SherlockK 22.12.2009 13:45
Danke Anonyma, Du hast so vollkommen recht...
Aber Hollywood ist nun mal keine "Heilsarmee" oder so sondern eine (kommerzielle) "Traumfabrik", und es ist deren gutes Recht auch uns Aspies so darzustellen wie es ihren Kassenquoten am besten dient bzw wie es dem Autor oder Regisseur grade beliebt. Und die Realität bringt an der Kinokasse nun mal weniger ein als künstliche Träume, das liegt meiner Meinung nach in der Natur des Menschen.
Zum Glück gibts aber durchaus auch Filmemacher denen manchmal eine Botschaft wichtiger ist als der finanzielle Erfolg, wie zB bei "Ben X", und es gibt auch diverse andere Wege die Welt über Asperger aufzuklären. ;)
LG SherockK
heizfeld 15.01.2010 01:13
die ganze filmsituation wirkt irgendwie konstruiert und man versucht mit aller macht irgendwie oberflächlich sympathisch harmonisch zu sein.
wo liegt eigentlich das problem wenn "sie" mit Adam wegzieht, bücher schreiben kann man doch schliesslich überall.
bin sicher, diesen film habe ich nächste woche schon wieder vergessen
JerJer 10.06.2011 19:10
es ist ein film, wenn die menschen nachhause kommen, von ihren arbeitsaltag der sowieso fuer die meisten "scheisse" ist, und sie dann im fernsehn sich ein film anschaun der vollkommen real ist und zeigt das alles scheisse ist und das alle leiden, wer wuerde sich DAS dann noch antun?
man versucht fuer einen moment vor der realitaet zu fliehen und natuerlich ist der film nichts im gegensatz zu realitaet, aber wer will auch realitaet sehn?
keiner. das was man tag fuer tag erlebt braucht man nicht auch noch zu sehen.
der film ist schoen, hat wie jeder film seine ecken und kanten und ist geschmackssache.
und die realitaet schaut nunmal immer anders aus, und leider oft viel schlimmer als im film dargestellt.
filme sollen ein packen, damit man von sein eigenen altag entfliehen kann.
Rossa 01.08.2011 15:54
Ich habe den Film angeschaut, da bei meinem Kind Verdacht auf Asperger Autismus besteht.Das erste mal begriff ich nun , was Asperger überhaupt ist.Obwohl es ja da ganz verschiedene Auswirkungen gibt.Mir hat der Film sehr geholfen zu verstehen. Und ich werde nun noch mehr Menschen akzeptieren, die etwas "anders " sind ,als andere.
Sehr sehenwert !
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Blog: Berlinale im Dialog

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Film-Angaben
Titel: Adam
Plakattitel: Adam - Eine Geschichte über zwei Fremde. Einer etwas merkwürdiger als der andere.
USA 2009
Laufzeit: 99 Minuten
Regie: Max Mayer
Drehbuch: Max Mayer
Produktion: Miranda de Pencier, Leslie Urdang, Dean Vanech
Bildgestaltung: Seamus Tierney
Musik: Christopher Lennertz
Darsteller: Hugh Dancy, Rose Byrne, Peter Gallagher, Amy Irving, Frankie Faison, Mark Linn-Baker, Haviland Morris, Adam LeFevre, Peter O'Hara
Kinostart: 10.12.2009
DVD-Angaben
Titel: Adam
Vertrieb: 20th Century Fox
Bild: 1,85:1, 16:9
Sprache(n): Deutsch (DD 5.1), Englisch (DD 5.1), Spanisch (DD 5.1)
Untertitel: Deutsch, Englisch für Hörgeschädigte, Spanisch, Dänisch, Schwedisch, Finnisch, Norwegisch
Altersfreigabe: ab 6 Jahren
Spieldauer: 99 Minuten
Extras: Audiokommentar von Regisseur und Autor Max Mayer und Produzent Leslie Urdang; Alternatives Filmende mit optionalem Audiokommentar von Regisseur und Autor Max Mayer; Entfallene und Alternative Szenen; Die Entstehung von Adam
Verleih ab: 16.07.2010
Verkauf ab: 23.07.2010
Copyright Adam
Fotos & Trailer: © © 20th Century Fox
BERLINALE 2012

Unser Special zur Berlinale 2012 - mit Kritiken, Empfehlungen und Trailern. www.critic.de/berlinale/
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