Actrices – Oder der Traum aus der Nacht davor

In ihrer zweiten Regiearbeit inszeniert sich Valeria Bruni Tedeschi als neurotische Theaterschauspielerin, die kurz vor ihrem vierzigsten Geburtstag Torschlusspanik bekommt.

Actrices

Valeria Bruni Tedeschi besitzt unbestritten eines der markantesten Gesichter des europäischen Arthauskinos. Die schmale Form, die große Nase und der melancholische Blick machen sie zu einer unkonventionellen Schönheit und prägen sich schnell ins Gedächtnis ein. In ihren Rollen versteht sie es meisterhaft, fragile Charaktere darzustellen, deren Stimmung jeden Augenblick umzukippen droht. Von ihrem Talent konnte man sich bisher in den Filmen zahlreicher prominenter Regisseure wie Claude Chabrol, François Ozon, Claire Denis oder Patrice Cherau überzeugen. 2003 debütierte sie außerdem mit dem Film Ein Kamel geht durchs Nadelöhr (Il est plus facile pour un chameau) als Regisseurin. Fünf Jahre später kommt nun mit Actrices ihre zweite Regiearbeit in die deutschen Kinos. Auch diesmal übernimmt sie zusätzlich die Hauptrolle.

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Die allein stehende Schauspielerin Marcelline (Bruni Tedeschi) befindet sich in einer tiefen Krise. Aus Angst vor dem Älterwerden und der Einsamkeit wird es für sie zur Obsession, den Mann fürs Leben zu finden oder zumindest ein Kind zu bekommen. In dieser chaotischen Lebensphase arbeitet Marcelline zusammen mit einer Theatergruppe an der Inszenierung von Iwan S. Turgenews Komödie Ein Monat auf dem Lande. Im Laufe der Probenarbeit steigert sich Marcelline zunehmend in ihre Selbstzweifel hinein. Als ihr auch noch die Heldin des Stückes erscheint, verwischen endgültig die Grenzen zwischen ihrer Fantasie, der Welt des Dramentextes und der Realität.

Das Motiv einer fiktionalen Figur, die in die Realität des Films eindringt, findet man auf ähnliche Weise in Woody Allens The Purple Rose of Cairo (1985), in dem sich Mia Farrow so oft den Titel gebenden Film ansieht, bis der angehimmelte Leinwandheld in den Zuschauerraum tritt. Während dieses Element bei Allen eine zentrale Position einnimmt, ist das Erscheinen von Natalie Petrowna in Actrices lediglich eines von vielen Merkmalen für das Abdriften der Heldin in eine Gegenwelt, in der ihr auch Verstorbene wie der Vater und der ehemalige Liebhaber erscheinen.

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So unterschiedlich der Einsatz dieses Motivs in beiden Filmen ist, haben Actrices und Allens Arbeit dafür umso mehr formale Gemeinsamkeiten. Auch bei Bruni Tedeschi werden die Neurosen der Protagonistin kultiviert, Tragisches geht nahtlos in Komisches über und die zahlreichen populären Musikstücke – neben dem auch bei Allen verwendeten Glenn Miller kommen etwa Auszüge aus Mozarts „Die Hochzeit des Figaro“ sowie das etwas abgedroschene, aber perfekt auf die Situation der Titelfigur passende „I Will Survive“ zum Einsatz –, erfüllen eine kommentierende Funktion. Obwohl sich beide Regisseure ähnlicher Zutaten bedienen, kommt dabei ein sehr unterschiedliches Resultat heraus. Denn so wie die Filme von Woody Allen von seiner Person geprägt werden, gilt dies auch für Actrices. Neben einigen autobiographischen Elementen und der Tatsache, dass Bruni Tedeschis leibliche Mutter auch ihre Filmmutter spielt, gilt das besonders für die starke feminine Komponente des Films. Marcelline schlägt sich nicht nur mit typisch weiblichen Problemen wie dem Ticken ihrer biologischen Uhr herum, auch die komplexe emotionale Welt des Films entspricht geradezu dem Klischee einer überreflektierenden weiblichen Psyche.

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Die subjektiv verzerrte Perspektive Marcellines, die Actrices einnimmt, ist dabei gleichzeitig die größte Stärke und Schwäche des Films. Einerseits entsteht eine ungeheure Dynamik durch die innere Unruhe der Protagonistin, mit der sie von einem Fettnäpfchen zum nächsten hastet. Allerdings ist Bruni Tedeschis Spiel teilweise zu manieriert und die Stimmungsschwankungen der Figur zu wechselhaft, um für den Zuschauer nachvollziehbar zu bleiben. In solchen Momenten kann es passieren, dass die Titelfigur und ihr egozentristisches Weltbild nicht mehr faszinierend wirken, sondern die Nerven des Zuschauers überstrapazieren.

Doch Actrices lässt sich keinesfalls auf eine bloße Neurotiker-Klamotte reduzieren. Schließlich gelingt es Bruni Tedeschi mit ihrem Film, ein Thema wie die Panik vor dem vierzigsten Geburtstag, das im Kino häufig zu einer Ansammlung an Trivialitäten führt, mit einer vielschichtigen und sinnlichen Inszenierung umzusetzen.

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