3 / Tres

Pablo Stoll bringt die dysfunktionale Familie zum Tanzen.

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Eins: Rodolfo (Humberto de Vargas) sitzt heulend vor dem Fernseher im Schlafzimmer und spielt Fußball an der Playstation. Draußen feiert seine zweite Frau ihren Geburtstag, das Haus ist voll. Zwei: Ana (Anaclara Ferreyra Palfy) sitzt im Sprechzimmer der Rektorin ihres Gymnasiums. Sie wird daran erinnert, dass ihre guten Noten nichts nützen, wenn sie ihre Fehl- und Verspätungszeiten nicht reduzieren kann. Ana hört nur wenig interessiert zu und muss aufpassen, nicht laut loszulachen, weil draußen ihr Freund Grimassen schneidet. Drei: Graciela (Sara Bessio) sitzt auf dem Flur eines Krankenhauses. In einem der Zimmer liegt ihre Großtante im Sterben. Graciela ist die einzige Verwandte und dazu verdammt, regelmäßig nach ihrem Zustand zu fragen.

Auch wenn es diese Plot-Beschreibung nahelagen mag, 3 / Tres, das neue Werk des Uruguayers Pablo Stoll, ist kein klassischer Episodenfilm. Zwar durchleben die drei Figuren jeweils sehr unterschiedliche Lebenssituationen – klassische Midlife-Crisis, Hochphase der Pubertät und Konfrontation mit dem Tod –, doch verbindet sie die Tatsache, dass sie mal eine (glückliche?) Familie gewesen sind. Jetzt will Rodolfo auf einmal eine engere Verbindung zu seiner Tochter aufbauen, die sich allerdings gerade weniger für kriselnde Papas interessiert als für tätowierte Jungs und Hardrock-Konzerte. Und Graciela kann erst recht nichts damit anfangen, dass Rodolfo über ihre gemeinsame Tochter wieder in ihr Leben einsteigt. Stoll konzentriert sich zunächst stark auf seine drei Protagonisten, die zweite Frau Rodolfos ist gar in keiner einzigen Einstellung zu sehen. Erst als Graciela auf dem Krankenhausflur den charmanten Dustin (Néstor Guzzini) kennenlernt und Ana sich an einen Rocker heranschmeißt, wird diese Innenperspektive aufgesprengt – und Rodolfo steht mit seiner Familiennostalgie ziemlich alleine da.

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Die Tonalität von 3 / Tres erinnert stark an die Filme, die Stoll gemeinsam mit dem mittlerweile verstorbenen Juan Pablo Rebella gedreht hat: allen voran an den lakonischen Whisky (2004). Wie für mittlerweile so viele Filmemacher aus Argentinien, Chile oder eben Uruguay scheint Aki Kaurismäki auch für Stoll so etwas wie ein Schutzheiliger zu sein. Es geht nie aufgedreht, sondern stets lakonisch zu, der Witz ist nie auf die Pointe getimt, sondern nistet sich gemütlich in den Einstellungen ein. Zwar übertreibt es Stoll in 3 / Tres an einigen Stellen und überzeichnet vor allem die Rodolfo-Figur etwas, doch Humberto de Vargas bannt die Gefahr der Karikatur mit einer fast anrührenden Darstellung. Auch die Leistung von Anaclara Ferreyra Palfy als neugieriger Teenager ist für eine Premiere in einer Hauptrolle erstaunlich stark. Der Einsatz dieses Ensembles durch die trockene, aber detaillierte Inszenierung Stolls lässt das Publikum ständig in der Schwebe: Lachen oder Weinen? Drama oder Komödie? Die Unsicherheit darüber irritiert nicht, sondern sorgt für angenehme Spannung –auch wenn 3 / Tres mit knappen zwei Stunden deutlich zu lang geraten ist.

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Doch in Stolls Film steckt mehr als nur eine Fingerübung in finnischer Lakonie – und vor allem mehr als nur ein „Film über eine Familie“, wie man 3 / Tres vorschnell beschreiben könnte. Natürlich lässt sich der Plot als Variation unendlicher Geschichten über dysfunktionale Kernfamilien lesen, und natürlich schwingt in den Beziehungen zwischen den drei Personen das familiäre Band immer mit. Doch dieses Band hält mehr den Film selbst zusammen als die Figuren, die Familie ist Impetus des Drehbuchs, aber nicht sein Thema. Stoll gelingt es vielmehr, selbstbewusst von drei unterschiedlichen Menschen zu erzählen und das Thema Familie als bloße Brille erkennbar zu machen, durch die wir diese Erzählungen unwillkürlich sehen wollen. Im Film ist Rodolfo der Einzige, der glaubt, ohne diese Brille nicht leben zu können, doch auch für ihn ist das wieder entdeckte Familienleben eher Bewältigungsstrategie einer sehr persönlichen Krise.

Während Rodolfo, Graciela und Ana in einer der wenigen Einstellungen, die sie alle drei teilen, gemeinsam auf einem Bett schlummern, lässt Stoll auf dem noch laufenden Fernsehschirm eine gewaltige Explosion stattfinden, mit einer Nahsicht auf das Feuer legt er die Sprengung des ödipalen Dreiecks nahe. Die Szene erinnert an den Schluss des gleichnamigen Films von Tom Tykwer, der mit seinem Thema einer bisexuellen Dreierbeziehung zunächst wenig mit Stolls Film zu tun zu haben scheint. Doch vielleicht lässt gerade diese Parallele eine Linie zwischen den beiden Werken ziehen: Bevor neue Formen von Beziehungen getestet werden können, müssen die alten zerstört werden.

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Eine radikale Dekonstruktion jeglicher familiärer Beziehungen ist 3 / Tres trotzdem nicht. In einer surrealen Sequenz gegen Ende beginnen die drei Protagonisten eine überraschende Tanzchoreografie durchs Wohnzimmer, welche die Lakonie aufbricht, einen Hauch Utopie in den dysfunktionalen Alltag bringt und den Zuschauer ganz direkt anzusprechen scheint. Vielleicht hat Stoll mit diesem ironischen Bruch den Weg gefunden, der zwischen der reaktionären Midlife-Crisis Rodolfos und Anas revolutionärer Pubertät ebenso vermitteln kann wie zwischen falscher Familien-Nostalgie und dem endgültigen Kappen alter Beziehungen: Weg mit den falschen Erwartungen, eingeübten Ritualen und unbeholfener Zuneigung – Familie kann höchstens tanzend noch funktionieren.

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