22 Bullets

Luc Besson lässt in seiner neuen Kinoproduktion seinen Stammschauspieler Jean Reno als ehemaligen Paten in gewohnt souveräner Professionalität Rache an seinen Attentätern nehmen.

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Als Hafenstadt und damit Durchgangsort für vielerlei Güter und Gestalten kann Marseille auf eine lange Geschichte organisierter Kriminalität zurückblicken. Seit Justin de Marseille (1935) war diese Stadt daher Schauplatz diverser Gangsterfilme. Auch Regisseur Richard Berry inszeniert hier die Geschichte eines ehemaligen Mafiabosses, der auf grausame Weise mit seiner Vergangenheit konfrontiert wird.

Eigentlich hatte sich Charly Mattheï (Jean Reno) aus dem Mafiageschäft zurückgezogen, um sich vollends seiner Rolle als Familienvater zu widmen. Allerdings wird er auf Geheiß seines Jugendfreundes und ehemaligen Partners Tony Zacchia (Kad Merad) Opfer eines Anschlags, bei dem er dem deutschen Titel entsprechend mit 22 Kugeln durchsiebt wird. Charly überlebt, und es ist klar, dass er etwas gegen seine „alte Familie“ unternehmen muss.

Neben dem zentralen Motiv der Familie, das sich auf die eine wie die andere bezieht, betont der Film die Konfrontation zwischen Charly und seinem „Gegenpaten“ Zacchia. Ersterer sieht sich als ein Vertreter des ehrenhaften Kriminellen, der nach einem Kodex lebt. Frauen und Kinder sind für ihn unantastbar. Deswegen kann er zunächst ruhigen Gewissens den Rollenwechsel vom Mafioso zum fürsorglichen Familienvater vollziehen. Mit dem Anschlag von Zacchia, der nichts von solcher Gangstermoral hält und seine Geschäfte rational und unverklärt betreibt, holt ihn sein früheres Leben abrupt ein.

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Diese Konfliktlinien und Motive sind jedoch mehr Staffage als Kern der Geschichte. Essenz des Films ist die Überhöhung und Mythifizierung des Protagonisten. Nach dem Anschlag ist Charly „L’Immortel“ (so der französische Originaltitel), der Unsterbliche. Der Genesungsphase räumt der Film kaum Zeit ein, und die Folgen der Verletzungen beschränken sich darauf, dass er seine rechte Hand nicht mehr spürt. Auch weitere körperliche Extrembelastungen wie ein Motorradcrash oder das Robben durch Stacheldrahtwälle vermögen bei ihm keine ernsthaften Spuren zu hinterlassen.

Selbst wenn die Figur des Charly Mattheï auf dem berüchtigten Marseiller Kriminellen Jacques Imbert basiert, der in den 1970ern einen brutalen Anschlag überlebte, will der Film augenscheinlich kein Biopic mit Realismusanspruch sein. Das reale Ereignis des Attentats dient lediglich als Inspiration, die zum fiktiven Rachefeldzug weitergesponnen wird. Zwar baut Berry eine Art retardierendes Moment ein, indem Charly, der zunächst noch gar nicht auf Rache aus ist, erst durch den Mord an seinem Freund Karim (Moussa Maaskri) einem Gesinnungswandel unterzogen werden muss. Dann schlägt er aber umso unerbittlicher zurück.

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22 Bullets gibt sich klar als Revenge-Movie zu erkennen. Der Film hält sich bewusst im Genrerahmen und konzentriert sich erfolgreich darauf, Charlys Abrechnung mit Zacchia und dessen Leuten eindrucksvoll und technisch ausgereift zu inszenieren.

Dass der Film funktioniert, ist zum großen Teil auch den Darstellern geschuldet, die bis in die Nebenrollen überzeugen können. Auffällig ist vor allem Kad Merad als Zacchia. Bisher wurde Merad durch Komödien wie Willkommen bei den Sch’tis (Bienvenue chez les Ch’tis, 2008) oder Der kleine Nick (Le Petit Nicolas, 2009) bekannt. Hier verkörpert er zum ersten Mal einen Bösewicht. Seine bisherige Filmografie macht sich allerdings auch in 22 Bullets latent bemerkbar, da seine Figur gelegentlich für ein gewisses Amüsement sorgt. Obwohl Mafiaboss, ist Zacchia ein hochsensibler Hypochonder, den seine eigenen Leute heimlich „die Patin“ nennen.

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Wesentlich offensichtlicher kommt die Starpersona bei Hauptdarsteller Jean Reno zum Tragen, auf die sich 22 Bullets hauptsächlich stützt und zu deren Entstehung Luc Besson erheblich beigetragen hat. Bereits in seinem ersten Spielfilm Der letzte Kampf (Le Dernier Combat, 1983) engagierte Besson den damals noch unbekannten Reno, der bis Léon - Der Profi (Léon, 1994) in jedem seiner Filme mitwirkte. Die Rolle des Cleaners Léon, auf die sich Reno bereits in Nikita (La Femme Nikita, 1990) mit einem Kurzauftritt als Victor einstimmen konnte, bedeutete für ihn schließlich den internationalen Durchbruch und prägte darüber hinaus die meisten seiner weiteren Charaktere maßgeblich: cool und wortkarg, gefährlich und stets souverän, mal auf der einen, mal auf der anderen Seite des Gesetzes. In Bessons aktueller Produktion zahlt sich sein frühes Engagement für Reno erneut aus. Als mittlerweile einer der wenigen wirklich großen europäischen Filmstars vermag dieser 22 Bullets in entscheidendem Maße beinahe allein schon durch seine bloße Präsenz zu tragen. Jean Reno ein weiteres Mal als Profi zu erleben, der vorführt, wie man sein Handwerk auch mit links souverän meistert, hat ungebrochen seinen Reiz.

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Kommentare


Jack

Der Film beginnt sehr vielversprechend.
Das wars dann aber auch schon.
Von wegen cool, abgeklärt und professionell!
Nicht eine einzige, der wichtigen Personen in diesem Film verhält sich so.

Es geht einfach nur abwärts, nachdem Matthei das Krankenhaus verlässt.
Tut euch das nicht an, Leute!


kevin frehse

Ich fand den Film sehr gut.

Jean Reno und auch die anderen Charaktere überzeugen, außer vielleicht dieser dicke Gangster, der eher lächerlich rüber kommt, aber auch keine tragende Rolle darstellt und relativ schnell in der Versenkung verschwindet.

Eine gerade Geschichte mit wenigen Kurven, was aber nicht schlecht ist, da sie solide und handfest ist.

Der Film macht Spaß und ist unbedingt sehenswert.


Jo

Jean Reno geht immer, der Film ist auch für Liebhaber der Oper sehenswert, da er einen Querschnitt des besten was es da musikalisch gibt mitaufnimmt. Die einzige blasse Person des Films ist vielleicht seine Frau, alle anderen spielen brav Ihre Storyline runter und es geht ansonsten im Stile vo Luc Besson deftig zu Sache.

Besser als zu Hause das irre Programm unserer Privatkanäle zu sehen ist es allemal.


Stefan

Was den Film für mich absolut interessant macht ist neben den genannten Schauspielerischen Leistungen vor allem die stimmige Atmosphäre. 22 Bullets versprüht eine fiebrige, hitzige und beklemmende Stimmung, was sich eins zu eins mit dem von Reno und Merad verkörperten Figuren deckt. Mitreißend! Die Bilder sind toll, die Action ist gut, wie lange nicht mehr. Absolut empfehlenswert! Sehr schön fand ich den Hinweis auf den Film Justin de Marseilles.
Zu Jo: Das 'irre Programm unserer Privatkanäle' kann ja wohl nicht der Maßstab für einen Kinofilm wie diesen sein. Ich verstehe, was du meinst (und gebe dir auch recht) - aber jemand könnte deinen Beitrag auch so interpretieren: 22 Bullets ist besser als Das Dschungelcamp! Und das ist ja wohl ein unwürdiger Vergleich, oder?


Alexander

Leider wird der Film den Erwartungrn aus meiner Sicht nicht gerecht. Es ist ein schlechtes Remake des oft verfilmten Klassikers, ein Mafia-Mitglied rechnet ab.....

Wenn man schon keine Ansprüche an Realismus stellen kann, so sollte wenigstens die Story einigermaßen stimmig sein, ist sie nicht.... Enttäuschend, noch dazu nichts außergewöhnliches, keine schönen Frauen, keine tolle Atmosphäre, alles versinkt im grauen Franz. Vorstadtmief. Will keiner sehen...






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