1:1

Die ehemalige Dogma-Regisseurin Annette K. Olesen erzählt von einer Liebe, die sich gegen diverse Anfeindungen bewähren muss. Die Beziehung eines jungen Moslems zu einer Dänin wird nach einem tragischen Zwischenfall auf eine harte Probe gestellt.

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Der Schauplatz liegt in einem Vorort der dänischen Hauptstadt Kopenhagen. Und doch könnte die Geschichte von 1:1 (En til En) auch vor dem Hintergrund einer anderen europäischen Großstadt erzählt werden: Uniforme, durchgeplante Häuserblöcke, Wohnsilos ohne eigene Identität, die vor allem von Immigranten genutzt werden. Die Probleme sind überall die gleichen: Spannungen zwischen In- und Ausländern, Arbeitslosigkeit und eine Jugend, die für sich kaum noch Perspektiven sieht und stattdessen ihren Frust mit Gewalt abzureagieren versucht. Es herrscht ein Klima des Misstrauens und der diffusen Angst gegenüber den „Anderen“.

Es ist ein Milieu, in dem insbesondere die Konflikte zwischen dem säkularisierten Europa und der muslimischen Welt zunehmend auch im Alltag ganz offen zu Tage treten. Gerade Dänemark hat mit dem Karikaturenstreit leidvoll erfahren müssen, was geschehen kann, wenn in dieser Angelegenheit zuviel Öl ins Feuer gegossen wird – von beiden Seiten. Insofern ist bereits zu Beginn klar, dass die Liebe zwischen dem Palästinenser Shadi (Mohammed-Ali Bakier) und der Dänin Mie (Joy K. Petersen) unter keinem allzu guten Stern steht. Aus der berechtigten Angst, seine Familie würde eine Nicht-Muslimin keinesfalls akzeptieren, verschweigt er seine Beziehung zu ihr. Nachdem Mies Bruder (Jonas Busekist) brutal zusammengeschlagen wird und der Verdacht auf Shadis älteren Bruder Tareq (Subhi Hassan) fällt, geht schließlich auch Mies Mutter (Anette Støvelbæk) auf Distanz zu Shadi. Die Situation entwickelt sich immer mehr zu einer schmerzhaften Zerreißprobe für das junge Paar. Wie eine Beziehung, ein junges Glück an den äußeren Umständen, an Vorurteilen und Engstirnigkeit des eigenen Umfelds zu zerbrechen droht, darum geht es im Kern von 1:1. Damit greift der Film abseits des aktuellen Diskurses über ein gescheitertes Zusammenleben unterschiedlicher Kulturen ein zeitloses Thema auf, das mit Shakespeares Romeo & Julia seine wohl berühmteste Umsetzung erfahren hat.

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Wie so viele andere dänische Filmemacher entstammt Regisseurin Annette K. Olesen der Dogma-Bewegung. Ihr Sozial-Drama In Deinen Händen (Forbydekser, 2003) über eine in einem Frauengefängnis tätige Pastorin lief bereits im Wettbewerb der Berlinale. Auch in 1:1 finden sich die Zeichen ihrer filmischen Sozialisation und der puristischen Dogma-Philosophie wieder, wenngleich Olesen stilistisch nicht länger einem derart rigiden Konzept folgt. Ein sparsam eingesetzter Score und eine kühle aus blauen und grünen Tönen zusammengesetzte Farbästhetik weisen ihre neueste Regie-Arbeit auf der formalen Ebene deutlich als Weiterentwicklung des mittlerweile beendeten Minimalismus-Experiments aus. Geblieben ist andererseits das vorrangige Arbeiten mit der Handkamera. Diese geht mit den Charakteren fast einen Nahkampf ein und überbrückt so die Distanz zwischen ihnen und dem Zuschauer. Olesens Blick ist dabei stets ein personenfixierter. Mie und Shadi genießen ihre ungeteilte Aufmerksamkeit, die naturalistische Inszenierung bildet lediglich den dezenten, fast unsichtbaren Rahmen.

Slang und Sprachduktus der von Olesen portraitierten Immigranten entbehren – entgegen der Intention der Regisseurin – nicht einer gewissen Komik. Dazu trägt nicht zuletzt die deutsche Synchronisation bei, die Shadis Clique desöfteren gefährlich nahe an den Rand einer Parodie im Ethno-Comedystil rückt. Gäbe es allerdings nicht die authentischen Jung-Darsteller – allen voran der souverän agierende Mohammed Ali-Bakier – 1:1 wäre nicht halb so überzeugend.

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Nicht wegzudiskutieren sind manche Schwächen in der Figurenzeichnung. Mehr als didaktisch mutet es an, wenn einzelne Charaktere wie Mies Großmutter (Helle Hertz) lediglich deswegen im Film vorkommen, um ganz bestimmte gesellschaftliche Meinungen in Bezug auf die Ausländerproblematik zu artikulieren, ohne dass sie selber eine eigene Identität besitzen. Das Drehbuch von Kim Fupz Aakeson hätte zudem auf einige der zu pädagogischen Allgemeinplätze („Bildung ist das A und O!“, „Alle Gewalt hat Konsequenzen!“) verzichten sollen.

Über die Eskalation der Ereignisse, welche auf einen finalen Big Bang á la American History X (1998) hinauszulaufen scheinen, war es Olesen offenkundig daran gelegen, für einen Hoffnungsschimmer zu sorgen. Überhaupt zeichnet sich ihr Film im Unterschied zu vergleichbaren Chroniken, die wie die deutsche TV-Produktion Wut (2006) das Scheitern der Integration beschwören, durch einen ungleich versöhnlicheren Ton aus. Auch wenn dieser Kommentar über das Zusammenleben unterschiedlicher Kulturen nicht immer zurückhaltend ausfällt, bietet 1:1 einen glaubwürdigen, entgegen mancher im Laufe der Handlung aufkommenden Befürchtungen keineswegs überdramatisierten Einblick in einen mit Vorurteilen und Missverständnissen zugepflasterten Alltag.

 

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