Werkschau Hong Sang-soo

Denk ich an Hong Sang-soo, überkommt mich eine juvenile Freude. Nun gibt es die seltene Chance in Berlin, sein filmisches Universum auf der großen Leinwand zu erleben und das Vergnügen mit Freunden zu teilen.

Ab Freitag zeigt das Berliner Arsenal eine vollständige Retrospektive des Südkoreaners Hong Sang-soo mit seinen bisherigen 13 Langfilmen und einem Kurzfilm. Ein besonderer Umstand, schon allein weil Hong in Deutschland – mit der ein oder anderen Festivalausnahme – ohnehin fast nie zu sehen ist. Und nun gibt es also die Gelegenheit, geradezu einzutauchen in das Hongversum. Wieso das ein so bemerkenswertes Ereignis darstellt, können vielleicht am besten ein paar Zitate vermitteln:

In Another Country 03

„Wenn In Another Country ein Experiment ist, dann sind wir dessen Versuchskaninchen. Anne und die koreanischen Männer, ihre Anziehung zum Rettungsschwimmer, ihre Sehnsucht nach dem Liebhaber, ihre pseudo-spirituelle Sinnsuche, das sind immer Neujustierungen einer gleichen Geschichte, die sich nicht nur vervollständigt, an Komplexität gewinnt, sondern auch fortgeschrieben wird. Die Unterschiede, das Spiel mit Wiederholung und Veränderung, das sind Nebelwerfer, ein großer Spaß, aber auch Makulatur. Sie ermöglichen es Hong, auf eine klassische Erzählung zu verzichten, Mini-Plots aneinander zu reihen, ohne ihnen viel Aufmerksamkeit zuzumessen, und somit der unmittelbaren Lebendigkeit viel Raum zur Entfaltung zu lassen. Wie wir uns zu dieser Lebendigkeit verhalten, die Handlungen interpretieren, uns in den Optionen verheddern und beginnen, an Zufälle und Wahlmöglichkeiten zu glauben, die Protagonisten ernst zu nehmen im jeweiligen Moment, sie mit Leben, mit Projektion zu füllen, das ist Hongs Zauber.“ (weiter zu meiner Kritik)

The Day He Arrives04

„Hong Sang-soo etabliert mit diesen ersten Szenen von The Day He Arrives (Book chon bang hyang) ein Personenrepertoire, das immer wieder neu zusammengesetzt wird. Mal versucht es der sprunghafte Protagonist mit der Bekannten seines Freundes, später mit der Besitzerin des Lokals. Dem Film liegt die Annahme zugrunde, dass alle Begegnungen nach einem Zufallsprinzip erfolgen. Seinen Trinkkollegen erklärt der Regisseur dieses Konzept am Beispiel einer umgestoßenen Tasse. Nicht ein ungeschickter Mensch sei dafür verantwortlich, sondern eine Kette zufälliger Ereignisse. Dementsprechend haben die Figuren kaum Entscheidungsgewalt über ihr Schicksal, sondern werden durch wechselnde Umstände immer wieder in neue Situationen getrieben. Mit seinen kontrastarmen Schwarzweißbildern und der in Moll gehaltenen Klaviermusik ist der Film darüber hinaus von einem melancholischeren Grundton geprägt als frühere Arbeiten des Regisseurs.“ (Weiter zur Kritik von Michael Kienzl)

Tale of Cinema

„Die Aufteilung des Films in zwei fast gleich lange Abschnitte etabliert die Gegenüberstellung von Kino und Leben, von Fiktion und Realität, als zentrale Bruchstelle der Struktur Tale of Cinemas. Doch wie verhalten sich die beiden Hälften des Filmes zueinander? Stehen sie in spiegelbildlichem Verhältnis zur jeweils anderen, demaskiert das Leben das Kino oder umgekehrt, liegt in der einen Erzählung der Schlüssel zur Interpretation der anderen? Schlüssig zu beantworten sind diese Fragen kaum. Denn einerseits problematisiert Hong Sang-soos Film auf der Handlungsebene den Versuch, Leben und Kino zu vereinigen: So wirft Yeong-shil ihrem Bewunderer am Ende vor, er habe den Film (im Film) falsch verstanden. Überhaupt ist Tong-sus Zugriff auf die Kino-Fiktion von Anfang an fetischistisch überformt, fixiert sich auf Zigarettenschachteln, Karaoke-Songs und angeblich vorhandene Narben auf Yeong-shils Körper. Andererseits jedoch sind in Tale of Cinema Kino und Leben ununterscheidbar. Die Kamerazooms und die Eigenarten der Tonspur beschränken sich nicht auf den Film im Film, sondern infizieren auch den zweiten Abschnitt des Werkes. Das Leben imitiert das Kino und kann dieses doch nie erreichen.“ (Weiter zur Kritik von Lukas Foerster)

Wir sehen uns im Kino: vom 02.-24.11.2012 im Berliner Arsenal, am 19. und 20.11. in Anwesenheit des Regisseurs und seines Schauspielers Yoo Jun-sang. Hier das komplette Programm.

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