Die ewige Jungfrau

Ende 2015 starb mit Setsuko Hara die im Westen vermutlich bekannteste Schauspielerin Japans. In den Filmen von Yasujirô Ozu rebellierte sie sanft gegen gesellschaftliche Konventionen, ihr zurückgezogenes Privatleben ließ unterdessen die Gerüchteküche brodeln. Im August widmet das Berliner Arsenal Hara die Retrospektive „Modulationen des Lächelns“.

Akibiyori

Es gibt viele Gründe, warum man Setsuko Hara kennen sollte, hat sie doch mit den meisten der großen japanischen Regisseure zusammengearbeitet. Sie spielte bei Akira Kurosawa, Mikio Naruse, Keisuke Kinoshita, Yasujirô Shimazu – aber auch bei dem deutschen Bergfilmer Arnold Fanck, mit dessen nationalistischem Melodram Die Tochter des Samurai (1937) sie ihren Durchbruch erlebte. Vor allem verbindet man Hara, die ihre Schauspielkarriere bereits mit 15 begonnen hatte, aber mit dem Namen des größten aller japanischen Regisseure: Yasujirô Ozu. Seine Familiendramen haben Hara nicht nur einem internationalen Publikum bekannt gemacht, sondern auch am stärksten ihr Image geprägt. Hara, die nach dem Tod Ozus im Jahr 1963 die Schauspielerei für immer aufgegeben hatte, mied die Presse wie der Teufel das Weihwasser; und schuf gerade dadurch einen Mythos um ihre Person. Weil sie auf Lebenszeit unverheiratet blieb, nannte man sie in Japan gar die „ewige Jungfrau“.

Sanfte Rebellionen

Die Rollen, die sie in Ozus Filmen verkörperte, haben solche Gerüchte noch genährt. Meistens spielte sie bei Ozu eine alleinstehende Frau, deren vermeintliche Einsamkeit eher von ihrem Umfeld als von ihr selbst zum Problem gemacht wird. In Weizenherbst (Bakushu, 1951) ist sie etwa die unverheiratete Noriko, die von ihrer Familie an den Mann gebracht werden soll. Dass die junge Frau mit 28 Jahren immer noch Single ist, macht sie selbst in einer Großstadt wie Tokio zum Kuriosum. Ihr Chef bezeichnet sie deshalb als sonderbar, vermutet sogar, dass sie eine Lesbe ist.

Bakushu

Tatsächlich lehnt sich Hara in ihren Rollen mehr gegen gesellschaftliche Konventionen auf als man das angesichts ihrer Körpersprache vermuten würde. In fast jeder Einstellung von Weizenherbst sehen wir sie lächeln; manchmal wirklich unbeschwert, dann wieder auf eine leicht gequälte Art und Weise, den Blick demütig auf den Boden gerichtet. Im sozialen Miteinander ist sie zwar stets höflich und aufopferungsvoll, aber eben nicht so gefügig, wie man denken könnte. Vieles in Ozus Filmen bleibt unausgesprochen, spielt sich auf einer Ebene ab, die sich hinter der zu wahrenden Fassade befindet. Am Ende entscheidet sich Noriko zum Entsetzen ihrer Eltern gegen einen von ihnen vorgeschlagenen Bewerber und heiratet stattdessen einen verwitweten Jugendfreund – ob aus Liebe, Pragmatismus oder Solidarität bleibt unklar. Eines ist jedoch gewiss: Eine so sanfte Rebellion gegen die eigenen Eltern hat man im Kino selten gesehen. Ihren Kopf setzt sie auch in Spätherbst (Akibiyori, 1960) durch, diesmal als Mutter. Von den drei Trinkgesellen ihres verstorbenen Mannes will sie sich auch nach reichlich Überzeugungsarbeit nicht verkuppeln lassen. Auch hier hat sie wieder bis in die kleinsten Nuancen ein Gespür für die richtigen Umgangsformen, jedoch ohne sich dabei verbiegen zu müssen.

Ozus Alter Ego

Tokyo Monogatari

Unter den vielen Gerüchten, denen Hara ausgesetzt war, hieß es auch, sie hätte mit Ozu eine heimliche Affäre gehabt. Eigentlich wäre es naheliegend gewesen: Auch der Regisseur blieb Zeit seines Lebens unverheiratet und hielt sich über sein Privatleben bedeckt. Da er im Alter von 17 Jahren von einem Internat flog, weil er einem Mitschüler einen Liebesbrief geschrieben hat, liegt ein anderer Schluss jedoch näher. Auch bei Hara – wieder ein anderes Gerücht – wurde gemutmaßt, sie könnte lesbisch sein. Unabhängig von derlei Theorien gibt es eine nicht zu leugnende Nähe zwischen Ozu und Hara. Man könnte fast sagen, sie sei sein Alter Ego: So wie ihre Figuren hatte auch der Regisseur ein gutes Gespür für seine Umwelt und eine ausgeprägte Fähigkeit zur Empathie, spürte aber auch stets den bohrenden Blick einer nach strengen Normen ausgerichteten Gesellschaft im Nacken.

Im September 2015 ist Hara im stolzen Alter von 95 Jahren verstorben. Das Berliner Arsenal würdigt ihr Werk im August mit einer überwiegend analog bestrittenen Retrospektive. Zu sehen sind dabei nicht nur vier der sechs Filme, die sie mit Ozu gedreht hat, sondern auch eine Auswahl an Kollaborationen mit anderen Regisseuren.

Das gesamte Programm gibt es hier.

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