Inneres Verlangen und äußere Zwänge

Das Forum zeigt im Westen bisher unbekannte Filme des japanischen Regisseurs Keisuke Kinoshita. Die Erkenntnis: Jenseits des Kanons finden sich die wahren Meisterwerke.

Kinoshita 1  Jubilation Street

In Kriegszeiten herrscht naturgemäß Ausnahmezustand. Ähnlich wie Deutschland stand Japan während des Zweiten Weltkrieges unter einem faschistischen Regime, das unbedingten Gehorsam erforderte. Wer nicht selbstlos für die Heimat sterben wollte oder gar Kritik an der Politik des Landes übte, war schlichtweg ein Verräter. Filmemacher, die sich mit diesem totalitären Staat arrangieren wollten, mussten Zugeständnisse machen. So hat etwa Mizoguchi Kenji, einer der großen Regisseure des japanischen Kinos, seine Biografie mit einigen hässlichen nationalistischen Propagandafilmen besudelt. Sein Kollege Keisuke Kinoshita hat die klügere Variante gewählt. Er hat einen Propagandafilm gemacht, der eigentlich keiner ist.

Gedreht im letzten Jahr des Krieges, erzählt Jubilation Street (Kanko no machi, 1944) von einem Tokioter Wohnviertel, das wegen potenzieller Angriffe evakuiert werden muss. Der tatsächliche Krieg bleibt den gesamten Film über jedoch im Off. Was Kinoshita uns dagegen zeigt, sind seine verheerenden Folgen für die zurückgebliebene Bevölkerung: Resignation, Armut, Entwurzelung und der Verlust geliebter Menschen. Wenn in den letzten Minuten doch noch die japanische Flagge geschwenkt wird, um das Publikum in seinem Patriotismus zu stärken, wirkt das lediglich wie ein von außen aufgezwungener Akt der Gewalt an einem ansonsten wunderbar sensiblen Film. Ein verzweifelter Versuch, einem aufrichtigen Drama im Nachhinein eine verlogene nationalistische Botschaft aufzudrücken.

Kinoshita 2  Onna

Jedes Jahr zur Berlinale widmet sich das Forum mit einer kleinen Retrospektive einem hierzulande kaum bekannten japanischen Regisseur. Diesmal handelt es sich mit Keisuke Kinoshita jedoch um einen relativ prominenten Filmemacher, der in den 1950er Jahren, der goldenen Ära des japanischen Kinos, seinen Durchbruch erlebte und in der Heimat mit Ozu, Mizoguchi und Kurosawa in einem Atemzug genannt wird. Für das Studio Shochiku drehte er zugängliche Dramen und Komödien, die beim Publikum große Erfolge feierten. Auch im Westen erfreuten sich einige seiner Werke einer gewissen Popularität, etwa das vergnügliche Musical Carmen kehrt heim (Karumen kokyo ni kaeru, 1951), bei dem es sich zudem um den ersten japanischen Farbfilm handelt, oder das in künstlichen Kabuki-Dekors angesiedelte Familiendrama The Ballad of Narayama (Narayama bushiko, 1958), das von einem unmenschlichen Brauch handelt, nachdem Menschen im Rentenalter zum Sterben in die Berge abgeschoben werden.

Das Forum präsentierte jedoch nicht diese, längst etablierten Filme, sondern Regiearbeiten Kinoshitas, die zumindest bei uns noch weitgehend unbekannt sind. Aufschlussreich war die Vorführung dieser Filme schon deshalb, weil sich das Suchen jenseits des Kanons voll und ganz gelohnt hat. Immerhin hat man es hier nicht mit Nebenwerken zu tun, die aus gutem Grund in der Versenkung verschwunden sind, sondern mit ungemein dichten und bravourös inszenierten Melodramen, die den zwar handwerklich einwandfreien, aber doch auch etwas zähen und behäbigen „Meisterwerken“ Kinoshitas noch überlegen sind. Einen repräsentativen Einblick in das Schaffen eines Regisseurs, der während seiner über 40-jährigen Karriere um die 50 Spielfilme gedreht hat, kann so eine überschaubare, nur auf die 1940er und -50er Jahre konzentrierte Auswahl natürlich nicht liefern.

Kinoshita 3  Engagement Ring

Obwohl Kinoshita mit Vorliebe Genres und Stile wechselte, lassen sich doch einige, meist thematische Gemeinsamkeiten zwischen seinen frühen Filmen finden. Wie auch Kawashima Yuzo, dem die letztjährige Retrospektive gewidmet war, porträtiert Kinoshita häufig mit humanistischem Blick den Überlebenskampf der Bevölkerung in der Kriegs- oder Nachkriegszeit. Vor dem Hintergrund eines gesellschaftlichen Umbruchs müssen sich seine Protagonisten nicht selten mit moralischen Gewissenskonflikten herumplagen. Was die Inszenierung angeht, bricht Kinoshita nicht mit Traditionen, ist weder Formalist noch Grenzüberschreiter. Vielmehr folgen seine Filme einer klassischen Erzählökonomie und offenbaren innerhalb ihrer Genrekonventionen und narrativen Beschränkungen handwerkliche Souveränität und inszenatorisches Feingefühl. Immer wieder findet Kinoshita unheimlich starke Bilder, in denen sich das Dilemma seiner Figuren manifestiert.

Etwa in dem Liebesmelodram Engagement Ring (Konyaku yubiwa, 1950), einem der beeindruckendsten Filme der Retrospektive. Es geht darin um eine zwischen moralischem Bewusstsein und persönlicher Begierde gefangenen Dreiecksbeziehung. Nachdem ein Mann nach einer Kriegsverletzung ans Krankenbett gefesselt ist und unter Depressionen leidet, verliebt sich seine Frau in den attraktiven Doktor, gespielt von Toshirô Mifune. Dabei können sich die potenziellen Ehebrecher nie so recht entscheiden, ob sie dem inneren Verlangen nachgeben oder doch den Regeln des Anstands gehorchen sollen.

Allein wie Kinoshita diese Beziehung etabliert, zeigt, wie durchdacht jeder Augenblick in seinen Filmen ist. Bei ihrer ersten Begegnung werden die beiden Liebenden regelrecht aufeinander gestoßen. Während einer turbulenten Busfahrt flirtet der Doktor eigentlich mit der Ticketverkäuferin, landet aber wegen der kurvigen Straße immer wieder im Schoß der unglücklichen Ehefrau. Wenn die beiden anschließend zufällig denselben Weg zurücklegen, inszeniert das Kinoshita als Verfolgungsjagd. Und als sie sich schließlich gegenüberstehen und die ersten Worte miteinander wechseln, findet dieses Aufeinandertreffen bezeichnenderweise auf einem Bahnübergang statt. Nicht über Dialog, sondern allein über die Bilder bekommt man hier schon eine Ahnung davon, wie gefährlich dieser zunächst noch harmlose Flirt eigentlich ist.

Kinoshita 4  Farewell to Dream

Kinoshita, der auch das Drehbuch für den Film verfasste, jongliert im weiteren Verlauf gekonnt mit symbolischen Gegenständen und benutzt etwa modische Accessoires als Ausdruck von Treue. Dabei spielt nicht nur der titelgebende Ehering eine entscheidende Rolle, sondern auch ein neues Paar Schuhe, das der Doktor von der Gattin seines Patienten geschenkt bekommt. Seine Entscheidung, ob er die Schuhe trägt oder nicht, signalisiert somit seine Bereitschaft zum Ehebruch. Doch so wirklich festlegen will sich keiner der Beteiligten. Immer wieder treibt es etwa die tragische Heldin zwischen der Bewunderung des athletischen, gesunden Körpers zur Fürsorge des von Krankheit geschwächten. Als wäre die emotionale Konstellation nicht schon kompliziert genug, flammt zwischen den beiden Konkurrenten auch noch so etwas wie männliche Solidarität auf.

Das Kunststück, das Engagement Ring vollbringt, ist es, von einer gescheiterten Liebe zu erzählen, dabei aber streckenweise einen ausgesprochen leichten und humorvollen Erzählton anzuschlagen. Auf desillusionierende Weise traurig, wenn auch nicht minder beeindruckend, ist dagegen Farewell to Dream (Yuyake-gumo, 1956), in dem die Zukunftsträume eines Jungen von der harten Realität eingeholt werden. Zunächst scheint der Wunsch des 16-jährigen Yoichi, einmal Matrose zu werden, keineswegs unerreichbar. Doch die äußeren Umstände sind gegen ihn. Was der Film schließlich für eine endlose Flut an Enttäuschungen und Rückschlägen auf den unbedarften Jungen hereinbrechen lässt, zerreißt einem das Herz. Der kranke Vater fordert mit Nachdruck, dass sein Sohn den Fischhandel der Eltern übernimmt, und seine Schwester, ein materialistisches Miststück, wie es im Buche steht, macht sich genüsslich an die Zerstörung ihrer Familie, deren Armut sie ohnehin schon immer angewidert hat.

Kinoshita 5  A Legend or was it

Auf diesem Boulevard of Broken Dreams gibt es jedoch auch vereinzelte Verwandte, Freunde oder ein Objekt der Begierde, das dem Jungen Halt gibt. Zum Beispiel die Angestellte in einem Schönheitssalon, die Yoichi von seinem Zimmer mit dem Fernglas beobachtet, es aber nicht wagt, sich ihr tatsächlich zu nähern. Oder sein bester Freund, der mit seinen Eltern in eine andere Stadt zieht. Gerade wenn das dramatische Potenzial am größten ist, setzt Kinoshita weniger auf emotionale Ausbrüche als auf stille berührende Momente. Die Abschiedsszene zwischen Yoichi und seinem Freund könnte etwa kaum unspektakulärer sein. Lediglich Großaufnahmen von zärtlich aneinanderstreichenden Füßen und ein langer Händedruck vermitteln ein Gefühl für die tragische Dimension dieses Augenblicks. Am Ende ist Yoichi dann allein, blickt aufs Meer und verabschiedet sich von seinen Träumen und seinen Lieben. Coming-of-Age in seiner grausamsten Form.

Dass sich Kinoshita nicht immer im Rahmen einer herkömmlichen Erzählweise bewegt, zeigt sein in jeder Hinsicht exzessiver Film Woman (Onna, 1948), ein visuell überbordender Trip in die gequälten Seelen seiner Figuren. Das narrative Gerüst bildet auch hier wieder ein Melodram, jedoch heruntergebrochen auf seine dramatische Essenz, der sich der Film in seinen 67 elektrisierenden Minuten widmet, ohne seinem Zuschauer eine Verschnaufpause zu gönnen. Eine Revuetänzerin fährt mit ihrem ehemaligen Liebhaber ins Seebad Atami. Er, ein Krimineller, hat gerade ein großes Ding gedreht und möchte die Sicherheit einer aufopferungsvollen Frau. Sie ist dagegen hin- und hergerissen zwischen gesundem Menschenverstand und einem seltsamen Pflichtgefühl. Kinoshita inszeniert diesen Konflikt als einen permanenten Zustand innerer Zerrissenheit, der in ständigen Streitgesprächen, Machtverschiebungen und einem unermüdlichen Bewegungsdrang resultiert.

Woman funktioniert wie ein Road Movie. Rastlos treibt es die Figuren umher, ob mit dem Zug oder zu Fuß, ob über Felder oder durch die bevölkerten Straßen einer Stadt. Gleichzeitig dreht sich die Auseinandersetzung wie ein wild gewordener Derwisch nur im Kreis. Als Zuschauer hat man keine Möglichkeit mehr, sich von dem Geschehen zu distanzieren. Die Welt ist aus den Fugen geraten und man selbst mittendrin. Mit expressionistischen Schattenspielen, gekippten Einstellungen und einem pausenlos lärmenden, den Film nach vorne peitschenden Soundtrack folgt Kinoshita seinen gescheiterten Existenzen bei ihrem leidenschaftlich destruktiven Pas de deux.

Kinoshita 6

So sehr sich die filmische Sprache von Woman von den anderen Arbeiten Kinoshitas unterscheidet, die Themen bleiben die gleichen. Wieder haben wir es mit vom Leben gezeichneten Menschen zu tun, die sich eingestehen müssen, dass es ein großes Gefälle zwischen einem Traum und seiner Verwirklichung gibt. Die einzige Möglichkeit, die ihnen bleibt, ist, sich mit den Umständen zu arrangieren und mit kühlem Pragmatismus weiterzumachen wie bisher. Einen Krieg haben sie schon überstanden. Nun liegt vor ihnen vielleicht keine bessere Zukunft, aber immerhin eine Zukunft.

Kommentare zu „Inneres Verlangen und äußere Zwänge“


Christoph Hochhäusler

Ich glaube gerne, dass die Filme sehr gut sind – die späte Entdeckung der Filme von Mikio Naruse vor ein paar Jahren war auch so ein Wunder für mich – aber der Satz „Jenseits des Kanons finden sich die wahren Meisterwerke.” ist eine Verschwörungstheorie, die wenig hilfreich ist, Filmgeschichte zu verstehen ... Danke für den Text. C


Michael

Das ist keine Verschwörungstheorie. Nur die Feststellung, dass die bekanntesten Filme nicht unbedingt die besten sind.






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