Unverhohlene Gesinnung
„So ein kleiner Mann wie ich, der hat eben nicht aus der Reihe zu tanzen“: Harald Reinls 50er-Jahre-Kriegsfilme Solange du lebst und Die grünen Teufel von Monte Cassino nehmen keinen „Urlaub von der Geschichte“. Sie sind, hinter den Liebesgeschichten, immer noch ein Teil von ihr.

Die Fünfziger Jahre Filmproduktion der Bundesrepublik Deutschland hat keinen guten Ruf: Heimatfilme, Schlagerfilme, Urlaubsfilme – und ab Mitte der 1950er Jahre auch sehr beliebt: Kriegsfilme. Zwei von ihnen sind Harald Reinls Solange du lebst (1955) und Die grünen Teufel von Monte Cassino (1958).
Retrospektiven wie der Zeughauskino-Reihe Kino ohne Rast – Passagen durch das Genrekino von Harald Reinl verdanken sich tiefe Einblicke in die bundesdeutsche Nachkriegsfilmgeschichte, jenseits ihrer Geschichte im Fernsehen. Harald Reinl gilt als der erfolgreichste Regisseur des kommerziellen und des sogenannten trivialen Films jener Zeit. Den vielbeschworenen „Urlaub von der Geschichte“, der dem deutschen Trivialkino nachgesagt wird, nehmen diese beiden Filme jedoch nicht.
Allerdings ist in ihnen auch kaum zu finden, was ein Filmkritiker wie Gunter Groll sich vom deutschen Kino wünschte, die „französische Kunst der Atmosphäre, amerikanische Perfektion und italienische Wirklichkeitsnähe“. Es gibt zwar, wie auch in den anderen deutschen Nachkriegsfilmen, starke Schwarz-Weiß Kompositionen, geschickte Montage und gute Kameraführung. Aber diese Elemente bieten keinen wirklichen Trost für das große, trostlose Ganze; Fritz Göttler hatte eine schöne Formulierung dafür: Lange „wird es im deutschen Kino kein Suchen und Probieren mehr geben, kein Tasten und Zögern, keine Prozesse, nur Produktion.“
Reinl, der als versierter Alpinist und Skiweltmeister schon von Arnold Fanck in seinen ersten Tonfilmen eingesetzt wurde und mit Leni Riefenstahl intensiv an Tiefland zusammenarbeitete (Dreharbeiten begannen 1940, Uraufführung erst 1954), debütierte 1949 mit einem eigenen Bergfilm, reüssierte dann aber in allen möglichen Genres: Heimatfilmen, Agentenfilmen, Action-Krimis: Jerry Cotton, Edgar Wallace, Karl May Verfilmungen.
Die scheinbare Reinheit und läuternde Unschuld von Landschaften

Er verstand sich als unpolitischen Filmemacher, der gute Unterhaltung abliefern wollte; er habe, so sagte er von sich, nie einen politischen Film gemacht. Wir wissen alle, das ist ein Ding der Unmöglichkeit. Was er gut konnte und bevorzugte, waren Außenaufnahmen. Sie versöhnen im vorliegenden Fall aber nicht mit der politischen Tendenz. Eher binden sie, im Gegenteil, an eine schon im nationalsozialistischen Film geltende Vorliebe für die scheinbare Reinheit und läuternde Unschuld von Landschaften an – besonders wenn sie zur Heimat erklärt werden. Reinl verkörpert also ein Stück Kontinuität des deutschen Films.
Im Folgenden werde ich mich auf Solange Du lebst konzentrieren, aber auch ein paar Beobachtungen zu Die grünen Teufel von Monte Cassino einfügen. Beide Filme sind im Grunde Liebesgeschichten vor Kriegsschauplätzen – einmal während des Spanischen Bürgerkriegs in der karstigen Berglandschaft der Sierra Nevada angesiedelt; den Handlungsraum der grünen Teufel bei Monte Cassino bildet die deutsche Verteidigungslinie im Zweiten Weltkrieg, die längste Front des Krieges in Italien zwischen Januar und Mai 1944. Jedes Mal hätten es bilaterale Co-Produktionen sein können, doch bei Solange Du lebst agierten die spanischen Partner nur als Dienstleister, beklagte Fritz Raimund, der ein umfangreiches Konvolut zu Reinl verfasst hat, und bei den grünen Teufeln verweigerten die Italiener die Zusammenarbeit, da sie keine deutschen Schauspieler in Wehrmachtsuniformen an der historischen Stätte des Klosters Montecassino dulden wollten. So fanden die Dreharbeiten u.a. in den Bavaria Studios, auf der Fröttmaninger Wiese in München und in einer Kirche in Regensburg statt. Um nicht erkennen zu lassen, dass es sich nicht um Originalschauplätze handelte, wurden vor allem die Kampfszenen in die Nacht verlegt, oder man behalf sich mit Rückprojektionen. In den Teufeln kommt sehr viel dokumentarisches Wochenschaumaterial zum Zug, das geschickt mit den fiktionalen Szenen montiert wird. Von den beiden Filmen ist er der energetischere; Reinl hatte dazu gelernt. In der politischen Aussage war er weniger direkt, auch das Folge eines Lernprozesses, nachdem Solange Du lebst mit viel berechtigter Kritik bedacht wurde.
Männer, die sich um Symbole scharen

Solange Du lebst wurde an Originalschauplätzen in Andalusien gedreht. Die Landschaft wird gefeiert. Krankenschwester Teresa rettet im Spanischen Bürgerkrieg einem abgestürzten deutschen Fliegeroffizier (verkörpert von Adrian Hoven) das Leben, indem sie ihn tagelang in einer Berghöhle vor den republikanischen Truppen und dem im Dorf herrschenden kommunistischen Kommissar versteckt. Die Luftunterstützung der Franco Truppen während dieses Krieges durch die Legion Condor spielte eine besondere Rolle, da sie nicht nur zum Erfolg Francos beitrug, sondern auch Nazideutschland dazu diente, seine Luftwaffe im Einsatz zu testen. Die sog. „fliegende Bruderhilfe“ Hitlers führte den ersten massiven Luftkrieg der Geschichte gegen die Zivilbevölkerung eines europäischen Landes. Das von ihr zerstörte Guernica ist nur ein besonders brutales Beispiel dafür.
Ursprünglich sollte der Film sogar Legion Condor heißen, die FSK schritt ein. Er wurde als zu militaristisch eingestuft und mit mehreren Schnittauflagen versehen. Drehbuchautor Joachim Bartsch sowie Kameramann Walter Riml hatten zuvor schon für Riefenstahl gearbeitet. So nimmt es kaum Wunder, dass man sich an manchen Stellen des Films nach Tiefland zurückversetzt fühlt: dräuende, weiße Wolkenwand über Bergesgipfeln und menschenleere Landschaft, rustikaler Flamencotanz vor Männerblicken in voller Kneipe, eine ethnisch deutlich markierte Landbevölkerung, hier zwar nicht so unterwürfig wie in Tiefland, aber unorganisiert und kopflos. Für zwischenmenschliche Begegnungen wechselt der Film oft in den melodramatischen Chiaroscuro Beleuchtungsmodus, der ihm, wohlwollend formuliert, einige expressionistische Gestaltungsmomente verleiht.
Der Film fängt mit einem politisch vernebelnden Voice-Over an: „Dies ist die Geschichte zweier junger Menschen, die sich zu einer Zeit begegneten, als Bruder gegen Bruder kämpfte und sich auch Männer anderer Länder um die Symbole scharten.“ So lässt dieser Vorspann die konkrete Benennung historischer Umstände und Kriegsparteien aus, kein Wort von Franco, Legion Condor, oder den internationalen Brigaden.
Bei den ersten Einstellungen des Films lassen die Fanfaren, die Typografie des Titels und die Totale auf eine weite, karstige Landschaft mit Agaven im Vordergrund unmittelbar einen Western assoziieren – und so kündigt sich schon hier eine spätere Spezialisierung Reinls z.B. auf die Winnetou-Verfilmungen an, ebenso wie sie auf seine Herkunft aus dem Berg- und Heimatfilm verweisen.
Freudenräume Rollfeld und Kommandozentrale

Zwar spielt sich das Drama am Boden ab, doch schon in der zweiten Minute zeigt ein Blick in den Himmel welches die „wahren Helden“ sind, obwohl sie im Film lediglich in Form eines abgestürzten Piloten verhandelt werden: die deutschen Flieger und ihre Maschinen. Der Film hat sichtlichen Spaß am Schauspiel der Kampfflugzeuge, denen lange Schwenks über das Rollfeld eine emphatische Bühne bereiten. Saubere Kommandozentralen bilden weitere Freudenräume des Films, sie heben sich deutlich von der Wuseligkeit des spanischen Dorfes und der Unübersichtlichkeit der Befehlszentren der internationalen Truppen ab. Exzessiv werden Flüchtlinge inszeniert, als sei vor den Republikanern nur Massenflucht vorstellbar. Eine deutliche Dichotomie zwischen Ordnung und Unordnung entsteht, zwischen Nationalisten und den sog. „Rotspaniern“; eine ähnlich rassifizierende Inszenierung der Italiener findet sich in den grünen Teufeln.
Teresas Verlobter, ein Franco-Offizier will sie zu Beginn des Films aus dem Dorf „retten“, das die Republikaner eingenommen haben. Doch sie bleibt pflichtbewusst im Dorf, in dem sich die Konflikte abspielen, die der Film mit zum Teil drastischen Mitteln inszeniert. So werden die Republikaner als marodierende Truppen dargestellt, üble Gesellen in Untersicht, gleichzeitig dämonisiert sowie fratzenhaft zu Untermenschen erklärt, belästigen sie Frauen und nehmen keine Gefangenen. Die Gesichter dreier dunkler Gestalten mit grimmigen Mienen erinnern ungut an die Inszenierung sog. „jüdischer Physiognomie“ im Nationalsozialismus. Mit starken osteuropäischen Akzenten ausgestattet, verfolgen sie den Bürgermeister, der als alter Sozialist den Republikanern zugeneigt ist, und als Einziger ein menschliches Gesicht zeigt.
Im Zentrum stehen Teresa und ihre Hilfsbereitschaft, sie wird von Marianne Koch verkörpert, die „schauspielernde Ärztin“, für die der Film deutlich ein Starvehikel bildet. Ihr gelten viele Großaufnahmen und Glamourbeleuchtung. Als Spanierin vermag sie nicht so recht zu überzeugen. In einer Nebenrolle als Tochter des Bürgermeisters spielt die junge 16jährige Karin Dor, die Reinl, fast 30 Jahre älter als sie, im selben Jahr geehelicht hatte. Besonders perfide und durchtrieben, machthungrig und skrupellos wird der kommunistische Kommissar der internationalen Brigaden gezeichnet. Diesen gehören im Film natürlich weder Spanier noch Deutsche an, es sind alles räudige Osteuropäer, der einzig Gute unter ihnen ist ein naiver Amerikaner – eine Verbeugung der US-amerikanischen Verleihfirma und der ehemaligen Besatzungsmacht gegenüber, gleichzeitig Häme, denn der Ami ist einerseits linkischer Gentleman, andererseits ein verweichlichter Typ Mann, der so gar nicht dem Männlichkeitsbild der Nachkriegsdeutschen dient: Für dieses steht stellvertretend der schneidige, wie – scheinbar – moralisch aufrichtige Franco-Offizier, dem die Heldin sich, nach ihrer zurückhaltenden Eskapade mit dem deutschen Bomberpiloten wieder ganz zum Frauchen geworden, anschmiegt. Im ruhigen souveränen Verlobten von Teresa wird das Idealbild eines Nazi-Offiziers vermittelt, eine Wunschprojektion und rückwärtsgewandte Rehabilitierung des faschistischen Militärs. Dekoriert mit christlicher Gesinnung und Gläubigkeit. Er ist sozusagen der neue „Bürger in Uniform“, eine Rehabilitierung des Bildes vom Soldaten, gut passend zur Zeit der Wiederbewaffnung und Gründung der Bundeswehr.
Bei einem Gespräch Teresas mit dem kommunistischen Kommandanten, der mal im Ruhrpott gearbeitet hat, wird Ännchen von Tharau gesungen: ein klassisches Beispiel für die romantische Verklärung des Volksliedes und die Bewahrung ostpreußischer Traditionen.
Einmal die „Guten“ sein

So kann der Titel Solange Du lebst für die Sehnsucht nach einem revisionistischen Geschichtsverständnis stehen, in dem die kriminelle Legion Condor den Hintergrund für eine heroisch-romantische Geschichte bildet. Er spricht von der Sehnsucht, Sieger sein zu können. Eine ähnliche Motivation bildet auch die Triebkraft für Die grünen Teufel von Monte Cassino. Für die Deutschen bildete diese ungemein lange und tragische Schlacht entlang der sog. Gustav-Linie einen Interpretationsspielraum an, in dem sie einmal die „Guten“ waren, weil es mit einer verdeckten Aktion der Wehrmacht gelang, ein unschätzbares Kunsterbe zu retten, bevor die Alliierten das Kloster vollständig zerstörten. Natürlich verfälscht der Film diese Geschichte zwischen Kunstraub und Kunstrettung und baut apologetische Momente für das kriegsführende Deutschland ein: „Vielleicht ist ja wirklich alles falsch, was Deutschland tut“, wird dem degradierten Fähnrich in den Mund gelegt, der einen Partisanen verschonte. Dann folgt die „Einsicht“: „So ein kleiner Mann wie ich, der hat eben nicht aus der Reihe zu tanzen.“ Die Soldaten im Schützengraben sind sich eh einig: „Wir können doch alle nichts anderes machen, als immer wieder jawoll zu sagen.“ Ich nehme an, das hat dem deutschen Publikum 1958 gut gefallen, der Film war vor allem bei Männern ein großer Erfolg. Die Figur des historisch verbürgten Oberstleutnant Julius Schlegel gerät gegen Ende des Films zu einer einsamen Lichtgestalt, wenn er die Kreuzgänge des Klosters als Heilsbringer durchwandelt: Friede auf Erden und die Mönche singen Hallelujah, bevor das Kloster von den Alliierten bombardiert wird, aber erst nachdem die Kunstschätze in die Engelsburg nach Rom transportiert wurden. Aus damaligem Kalkül (eine Vielzahl der Werke waren Göring zum Geburtstag versprochen) wird im Film die selbstlose Aufopferung eines Heeresoffiziers.
„Heimat!“ Prädikat: wertvoll

Zurück zu Solange Du lebst. Am Ende erschießt der deutsche Pilot den kommunistischen Kommissar, blickt gen Himmel zu den Flugzeugen empor und seufzt sehnsuchtsvoll: Heimat! Die Heimat wird beschworen, aber das Verlangen bleibt merkwürdig banal; Beziehungstreue wird gehalten, aber bleibt merkwürdig steril. Insofern ist Solange Du lebst nicht nur ein Film mit einer hemmungslosen profaschistischen Tendenz, sondern auch ein typisches Beispiel für Handwerk, das technisch funktioniert, aber ohne Gewissen und Lebendigkeit bleibt. Spukhaft ragen expressionistische Beleuchtung und Ufa Inszenierungsstil in den Film, geben ihm Oberfläche, aber keine Substanz.
Max Ophüls schrieb 1956: „Ich hatte in Paris gelesen, dass die Ufa neues Gelände kauft. Dieses Gelände wird nichts wert sein, wenn man auf dem neuen Gelände weiter Filme macht auf dem alten Terrain“.
Es gab verschieden Formen des Protests gegen den Film in Ost und West, und Karin Niehoff fragte in ihrer Kritik im Tagesspiegel welche Entschuldigung eigentlich die Filmbewertungsstelle dafür vorzubringen habe, dass sie diese kaum verbrämte Nazi-Verherrlichung mit dem Prädikat „wertvoll“ auszeichnete.
Der Text ist eine überarbeitete Fassung einer Einführung für die Reihe „Filme ohne Rast“ im Berliner Zeughauskino.











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