The Day She Returns – Kritik
Berlinale 2026 – Panorama: Ängste und Wünsche kommen auf den Tisch, Suff geht mit Melancholie einher und das Alltägliche verwandelt sich in Fiktion. In The Day She Returns spielt Hong Sang-soo mit altbewährten Motiven – und schließt unerwartet an sein Frühwerk an.

Wenn es neben James Benning einen Dauergast auf der Berlinale gibt, dann ist es Hong Sang-soo. Der südkoreanische Filmemacher hat eigentlich jedes Jahr einen neuen Film im Wettbewerb oder einer anderen Sektion – The Day She Returns läuft dieses Mal im Panorama. Wie üblich bei Hong lesen sich die End Credits wie ein wunderliches Ein-Mann-Projekt: Regie, Drehbuch, Produktion, Kamera, Schnitt, Musik, Ton: Hong Sang-soo. Und wie er persönlich dem Berlinale-Publikum berichtete, sei sein Antrieb zum neuen Werk schlicht gewesen, mit Freund:innen, die Zeit hatten, zusammen zu arbeiten und als Drehort ein Restaurant zu nutzen, in das er gern einkehrt.
Viel Improvisation, schneller Dreh, noch schnellere – nicht zuletzt durch die langen Plansequenzen bedingte – Schnittarbeit: fertig ist ein Hong-Film. Alle seiner Werke spielen mit ihren runtergekochten Produktionsmitteln sowie mit dem humorvollen Variieren von altbewährten Motiven, Figurenkonstellationen und Witzen in einem ureigenen Kosmos. Hong baut mit seinen Filmen letztlich einen einzigen großen Film. Jeder neu dazukommende ist auch eine Fortsetzung der vorangegangenen, ein weiterer Baustein in einem größeren Gebäude.
Was ist ein guter Film?
Statt jedoch die Phase tiefemotionaler und zugleich gradlinig erzählter Filme der letzten Jahre fortzusetzen, besinnt sich Hong mit The Day She Returns auf seine mehr strukturell gedachten, ja „kopflastigeren“ Anfänge. Hier hatte der Filmemacher sichtlich Gefallen daran, in die vermeintlich so alltäglichen Geschichten aus dem Leben südkoreanischer Slacker und Midlife-Krisler Wiederholungen, zweite Realitäts- und Erzählebenen sowie irritierende Auslassungen einzufügen – etwa im rätselhaften Tale of Cinema (2005) oder in, ein Ausläufer dieser Phase, Right Now, Wrong, Then (2015).
Im jüngsten Film könnte die Grundanlage auf den ersten Blick nicht simpler anmuten: „Was ist ein guter Film?“ wird einmal gefragt. The Day She Returns scheint den Beweis antreten zu wollen, dass es für einen witzigen, cleveren, guten Film nicht mehr braucht als zwei Gläser deutschen Biers, zwei Räume, eine Handvoll Darsteller:innen und eine Digitalkamera, die Schwarzweiß-Bilder in mittelguter Auflösung liefert. Das Ganze wird dann zum Abschluss feinsäuberlich in fünf Kapitel unterteilt. Aber The Day She Returns ist bei aller Schlichtheit auch, und da wird es doch vertrackter, eine Geschichte über das Geschichtenerzählen, ein Metafilm, in dem Hong vom eigenen Filmemachen erzählt.
Zwei Frauen, zwei Bier

Eine berühmte Schauspielerin (Song Sun-mi) wagt nach über zehnjähriger Schauspielabstinenz ihr Comeback. Um ihren neuen Film zu promoten, führt sie in einem Restaurant mehrere Gespräche mit Journalistinnen (alle auf ihre Weise großartig: Cho Yun-hee, Kim Seon-jin und Kang So-yi), von denen uns Hong in den ersten drei Kapiteln des Films je eines zeigt. Immer in derselben Einstellung, immer ähnlich verlaufend. Auf das schüchterne Herantasten der Journalistinnen – die von Hong stets schonungslos offengelegten Ehrerbietungen und Bewunderungsphrasen dürfen nicht fehlen –, folgen Klatschpressenfragen zur zurückliegenden Scheidung und zur Motivation, es der Welt auf künstlerischer Ebene noch einmal zeigen zu wollen. Doch die Interviews drehen sich; die Interviewerinnen werden mehr und mehr zu Interviewten. Die ältere Frau will von deren jungen Leben erfahren, Ängste und Wünsche kommen auf den Tisch. Unterbrochen wird der Dialog in allen drei Interviews vom Bierdurst der Schauspielerin – einer Hymne auf deutsche Braukunst gar; eine neue Spirituose im alkoholdurchtränkten Hong-Kosmos!
Interpretationen der Welt
Wie immer geht bei Hong Suff mit Melancholie einher. In das Restaurant schleicht sich Schwere ein. Was als berufliche Pflichtübung für die Schauspielerin beginnt, berührt irgendwann die großen Fragen vom Sinn des Lebens. Diese Entwicklung verläuft jedoch nicht gradlinig, dafür erstarren die Interviews zu oft in Phrasendrescherei und löst sich das Fremdeln zwischen Jung und Alt zu wenig auf. Besonders deutlich wird das bei der gespenstisch gleich dreifach gestellten Schlussfrage: Ob die Schauspielerin einen Tipp für junge Leute habe. Die Antwort: Liebe am meisten dich selbst. Ein leerer Satz. Deutlicher kann man einer Moral von der Geschicht’ keine Absage erteilen. Wenn man annimmt, dass auch Hong durch seine Figuren spricht, dann kann man einen Satz wie „Es gibt zu viele Interpretationen in der Welt“ auch als klares Bekenntnis gegen diese Art des Moralisierens verstehen – und für das Offendaliegende, das klar Ausgesprochene.
Hongs Film erzählt von mehreren Menschenschicksalen, und das, ohne uns etwas aus ihrem Leben zu zeigen. Stärker als vielleicht bei allen anderen seiner Filme verlässt er sich in The Day She Returns für seine feine Figurenpsychologie auf das mündliche (Nach-)Erzählen. Das Publikum muss sich im Kopf seine eigenen Bilder bauen, da Hongs Kamera das meiste ins Off verlagert und sowieso mit ihrer unscheinbaren Schwarzweißfotografie sichtlich kaum Interesse an inszenatorischer Schönheit zeigt. Was zählt, ist, dass Kino etwas Wahres über das Leben erzählt, dass es Menschen vor die Kamera bekommt, die dieser Wahrheit mit gewohnter Souveränität Stimmen verleihen.
Dialog des Dialogs

Vom Schauspielen handeln die letzten beiden Kapitel und damit das letzte Drittel von The Day She Returns. Der Schauspielstar nimmt nämlich noch einmal Schauspielunterricht. Die Aufgabe des Tages: Die Interviews des Nachmittags zu einem Dialog zusammenzuschreiben, zu verinnerlichen und dann mit einer anderen Schauspielschülerin – Hongs aufregendste Jungdarstellerin momentan: Park Mi-so – zu re-enacten. Noch ein viertes Mal ein Interview? Nicht ganz. Ein anderer Raum, eine Verdichtung, eine Fiktion. Der vorgetragene Dialog beginnt wie in Kapitel 1 bis 3, umschifft dann jedoch die Passagen, die der Schauspielerin vorab zu nahe gingen, baut stattdessen die Message aus, die es der Jugend mitzugeben gilt. Auffällig kommt hier die Übung wiederholt ins Stocken. Die Phrasen gehen offenbar nicht gut von den Lippen. Schöner und wahrer ist es doch, wenn nicht Bedeutsamkeiten, sondern echte, in Fiktion eingeflossene Alltagserfahrungen sprechen. Es ist nicht abwegig, diese Erkenntnis auf Hongs Kino in seiner Gesamtheit zu beziehen.
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