Marty Supreme – Kritik
Egotripping at the gates of hell. Das Leben ist in Josh Safdies Sport- und Scheißkerldrama Marty Supreme ein aggressiv-aufreibendes Tischtennismatch, ein rasend schnelles Hin und Her. Zum Glück gibt es den coolen, lebenslustigen Tyler the Creator und die stolze, abgeklärte Gwyneth Paltrow.

Marty Mauser (Timothée Chalamet) steht mit einem Bein in der Zukunft. Zumindest in der von ihm imaginierten. Felsenfest ist er überzeugt, dass er der größte Tischtennisspieler seiner Zeit werden wird. In seinem Fahrwasser werde die Sportart zu einer der populärsten. Von seinen Mitmenschen will er dementsprechend als der Star behandelt werden, als der er sich qua Selbsthypnose empfindet. Die meisten Leute sehen ihn ihm aber bestenfalls einen talentierten, aufmüpfigen Niemand, der sich erst einmal beweisen muss. Wer könnte es ihnen verübeln – seine Akne und das Kassengestell seiner Brille lassen die Aura jugendlicher Selbstüberschätzung einfach nicht verschwinden. Und Chalamet spielt seine Figur zwar als charismatisches Energiebündel, doch seine dumpfen Blicke, wenn er feststeckt, zeigen doch einen Einfaltspinsel, der seinen eigenen Lügen zu sehr auf den Leim gegangen ist.
Die enorme Diskrepanz zwischen Selbst- und Fremdwahrnehmung bringt Marty in Teufels Küche. Das Fernziel sind die Weltmeisterschaften in Japan, der Sieg und der folgende Starruhm. Auf dem Weg dorthin verscherzt er es sich aber nicht nur mit dem Tischtennisverband – bei den British Open sieht er den Schlafsaal für die Athleten als Affront und quartiert sich folglich auf Kosten des Verbands im Londoner Ritz ein – er verdirbt es sich auch mit seinen Verwandten, die andere Pläne für seine Zukunft haben, sowie mit Investoren und mit Gangstern, die er lediglich als auszunehmende Gänse betrachtet – sie alle werden ihm noch ihre Rechnung präsentieren. Am Ende wird es für ihn eine Hatz gegen die Zeit und ums Überleben, will er es überhaupt zur WM schaffen.
Zwangsläufig Tennis

Zwangsläufig sehen wir Marty bei diversen Tischtennismatches. Bälle werden dabei brutal auf die andere Seite gepfeffert, mit Effet angeschnitten, gerade so erreicht. Sie landen irgendwie noch auf der Kante, werden für Schaukämpfe artistisch jongliert, mit Vorderhand, Rückhand oder gleich hinterm Rücken geschlagen. Immer mit höchster Intensität: Marty Supreme ist zweifellos ein Tischtennisfilm. Doch nicht, oder nur bedingt, weil diese Sportart großartig von Interesse wäre – sie bleibt Mittel für den dramaturgischen Zweck und, auf die gesamte Laufzeit gesehen, eher Randerscheinung. Um Tischtennis geht es vielmehr, weil sich im rasend schnellen, intensiven Hin und Her die Schlagabtausche spiegeln, die auch auf menschlicher Ebene den Film ausmachen: In Marty Supreme ist jegliches Miteinander ein Eins gegen Eins, in dem sich durchgesetzt werden muss.
Treffen Leute aufeinander, startet sofort die Überzeugungsarbeit. Die Argumente gehen vor und zurück. Es wird geplappert, gezetert, gefleht, gemeckert, geschrien, das Gegenüber ignoriert, schweigend gestarrt, abgeduckt, sich zurückgezogen, dem Entschwindenden hinterhergerannt. Selten kommt der Film zur Ruhe, uns gönnt er sie schon gar nicht. Zumal die Einsätze immer höher werden, die Folgen immer mehr Zerstörung versprechen, und zuweilen auch Handschellen, Messer und Schrotflinten als Argumente eingebracht werden. Es ist eine ständige Eskalation. Jedes Einknicken der anderen Seite ist schwer erkauft, wenn überhaupt bezahlbar.
Hustler und Dickköpfe

Dementsprechend bevölkern den Film Dickköpfe, die alle nur ein Ziel kennen. Stiftmagnat Milton Rockwell (Kevin O’Leary), Martys Onkel Murray (Larry Sloman) und Ram Sethi (Pico Iyer), Kopf des Tischtennisverbands, wollen, dass sich ihren Egos untergeordnet wird. Gangster Ezra Mishkin (Abel Ferrara) will seinen Hund zurück – der von Marty für viel Geld zum Veterinär gebracht werden soll, aber bei einem schießwütigen Hinterwäldler landet. Rachel (Odessa A’zion) will Marty als Lebensgefährten, und Martys Mutter (Fran Die Nanny Drescher) will ihn für sich allein. Und Marty will selbstredend niemandem das von ihm Verlangte geben, sondern jeden nur für seine Ziele ausnutzen oder loswerden. Alle sind sie Hustler, die ihr Gegenüber zu ihren Zwecken über den (Tischtennis-)Tisch ziehen wollen – und die auch in Filme wie Robert Rossens Haie der Großstadt (1961) oder Scorseses Die Farbe des Geldes (1986) passen würden, wo sich ebenfalls Sport, (Klein-)Kriminalität und Durchsetzungswille verbinden.
Das Hin und Her in Marty Supreme folgt keiner kunstvoll orchestrierten Dynamik, sondern erhebt den Ausnahmezustand zur Normalität. Es fordert unser Nervenkostüm heraus, nie fällt der Druck ab. Zwar arbeiten Josh und Benny Safdie hier nicht mehr als Filmemacher zusammen; trotzdem bekommen wir das, was von einem Film der Safdie Brüder zu erwarten ist. Wobei dieses erste Werk, das unter Joshs alleiniger Federführung entstand, bei aller unablässigen Anspannung doch einen Tick lockerer und kurzweiliger geraten ist als die gemeinsamen Filme.
Ein trügerischer Hauch von Licht, Luft und Entspannung

Was an Kameramann Darius Khondji liegen mag, dessen auf 35mm gedrehte Bilder lichtdurchtränkter und luftiger sind als etwa die Nacht- und Neon-Welten von Good Time (2017) und Uncut Gems (2019). Vielleicht liegt es aber auch an dem Funken unwahrscheinlicher Hoffnung, die ganz unwillkürlich in den Film einbricht – eine Hoffnung, die lange Zeit geradezu unmöglich scheint – tritt Marty Supreme doch sehr vordergründig und unnachgiebig als garstige Abrechnung mit der skrupellosen Egozentrik der USA auf: Unsere egomane Hauptfigur ist im Sport dezidiert Team USA, und der Film wird, obwohl in den 1950er Jahren spielend, von Hits der 1980er Jahre befeuert, von Hymnen des Jahrzehnts des zurückkehrenden Neoliberalismus und der Habgier.
Zuvorderst entsteht die größere Lockerheit aber durch die Schauspieler derjenigen Figuren, die aus dem beschriebenen Muster ausbrechen. Durch den Rapper Tyler The Creator (als Martys Freund Wally), der zwar gerne nichtsahnende Amateure in Tischtennishallen ausnimmt, aber keinen Stress in seinem Dasein braucht und Lust am Leben verbreitet. Wie auch durch Gwyneth Paltrow als stolze und abgeklärte ehemalige Filmdiva Kay Stone, die gerne ihre Karriere neu starten will und doch immer wieder ihrer irrationalen Begierde nach dem aufdringlichen Marty nachgibt. Beides komplexe Persönlichkeiten, die auf eine Welt außerhalb des aufzehrenden Laufrads des Films deuten. Mit ihnen zu verweilen, verspricht immer wieder einen Hauch von Entspannung. Diese angedeutete Freiheit jedoch wird uns letztendlich verwehrt, und das nicht grundlos: Sie ist nur Teil eines perfiden Spiels, das den Schmerz im Film noch verstärken und damit seine angestrebte Katharsis, sein nachhallendes Finale noch befeuern wird. Warum die von Fran Drescher so wunderbar fordernd gespielte Mutter allerdings so wenig Spielzeit bekommt, ist schon schwerer zu erklären.
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