Liebhaberinnen – Kritik
In Koxis Liebhaberinnen sprechen und performen die Schauspieler*innen Elfriede Jelineks gleichnamigen Text. Es geht um alternde Körper und was es bedeutet, den eigenen Leib ein Leben lang vermarkten zu müssen.

Die Programmtexte der Berlinale machen es ihren Filmen in diesem Jahr nicht leicht. „Liebhaberinnen ist eine dunkle Tragikomödie über die Unmöglichkeit weiblicher Erfüllung und wenig empowernde Mutter-Tochter-Beziehungen. ‚Nutze das Patriarchat!‘ cum Selbst-Vermarktungsoptimierung. Unterm Strich: Geändert hat sich nicht viel.“ So stellt das Festival den ersten Langspielfilm von Caroline Kox vor, die sich von nun an (oder nur für diesen Film) „Koxi“ nennt. Ob man will oder nicht – hat man das vorher gelesen, geht man anders in den Film, ist vielleicht schon skeptisch, obwohl er für seine Anmoderation ja gar nichts kann. Kommt dann auch noch die Schwere des Namens Elfriede Jelinek hinzu, nach der schon vor über 20 Jahren ein Forschungsinstitut an der Universität Wien benannt wurde, wird die Erwartung noch zusätzlich beladen. Sieht man aber Koxis Liebhaberinnen, eine Bearbeitung von Jelineks gleichnamigem Buch (1975), vergisst man diesen Rahmen erstaunlich schnell.
Brüche im Spiegel
Am Anfang steht ein Zoom. Brigitte (Johanna Wokalek) steht wie schon so häufig am Personaleingang einer Messe und wartet auf ihre Chefin. Sie drückt auf ihrem Handy herum und landet nach einem Hinweis ihrer Mutter auf dem Social-Media-Account der Jugendlichen Paula (Hannah Schiller), deren Gesicht sie auf dem Display vergrößert. Den ganzen Film über immer wird sie immer wieder Paulas Fotos und Videos anschauen, begegnen werden sich die beiden kein einziges Mal. In Paulas Videos, die stets im Handy-Format gezeigt werden, sieht Brigitte Teile ihres früheren Selbst.
Ebenso wenig wie Jelinek macht Koxi hier den offensichtlichen Gegensatz zwischen einer älteren und einer jüngeren Frau auf, die sich auf dem gleichen Lebensweg befinden. Vielmehr versucht sie, beide erst einmal aus sich heraus zu begreifen; das ist eine der Stärken ihres Films. Sie interessiert sich mehr für die Brüche im Spiegel, den Paula für Brigitte darstellt. Im Blick von Brigitte auf Paulas Foto sieht man die Augenringe, die ihr selbst, ökonomisch so weit abgehängt, dass sie ihre Wohnung permanent untervermietet und im Fitnesscenter schläft, nur allzu vertraut sind. Sie erkennt in Paula nicht nur etwas von sich selbst als jüngeres Ich, sondern sieht im digitalen Foto auch schon, wie Paula einmal aussehen wird.
Körper, die knacken und ächzen

Zugleich etabliert der Zoom direkt zu Beginn, was auf dem Spiel steht, nämlich der eigene Körper und das, was aus ihm gemacht wird. Dabei findet Liebhaberinnen ein interessantes Verhältnis zum Text von Jelinek, weil die Schauspieler*innen ihn sprechen und gleichzeitig mit ihren Körpern performen. Besonders Johanna Wokalek hat sehr großen Spaß daran, mit Gesten und Bewegungen in ein Verhältnis zum von ihr gesprochenen Text zu treten. Ja, es geht um alternde Körper und darum, was es für eine Frau bedeutet, ihr Leben lang ihren Körper vermarkten zu müssen. Aber vor allem geht es um die Frage, was eigentlich ein „alternder Körper“ ist. Ob das nicht vor allem eine äußere Zuschreibung ist. Wenn Brigittes Lächeln nicht mehr gut genug ist, ihre Sexualisierbarkeit nachlässt und sie damit nicht mehr in ihren Hostess-Job hereinpasst, dann hat das wenig mit tatsächlicher körperlicher Alterung zu tun.
Die Körperlichkeit der Menschen und vor allem die Formbarkeit finden ihren Ausdruck auf der Tonspur. ASMR-Körper, die aber nicht entspannen, sondern knacken und ächzen, die sich Spritzen setzen und vor denen man sich, das scheint gewollt, auch ekeln soll.
Leichte Zielscheiben

Die Beziehung, die Brigitte mit dem reichen und mutterkomplexbeladenen Heinz (Ben Münchow) eingeht, treibt die Verhältnisse auf die Spitze. Es ist der einzige Ausweg, um an einen neuen Zahn und finanzielle Sicherheit zu bekommen. Das ist manchmal haarscharf an einer ironischen Brechung vorbei, aber alles in allem auch oft ziemlich düster. Etwas heiterer und dabei auch manchmal etwas schwach sind die Bloßstellungen der Selbstoptimierung, mit der sich Brigitte aus ihrem Elend herausziehen möchte. Auf die Spitze treibt es der Film hier, als Brigitte später selbst zum Coach wird und in ihrer Rolle als „Alpha Female“ TED-Talks hält. Eine so leichte Zielscheibe für seinen Spott hat Liebhaberinnen aber überhaupt nicht nötig, weil er an vielen Stellen sehr viel schärfere Beobachtungen vornimmt.
Paula fällt im Laufe des Films immer mal wieder hinten über. Koxi lässt sie nur in Videos, Livestreams und am Schluss im Fernsehen auftauchen, präsentiert ihre Sehnsucht nach einem Leben außerhalb des Dorfs und der Wohnung ihrer kranken Mutter nur durch diese fragmentarischen Bilder und macht aus ihr so eine rein digitale Projektionsfläche für Brigitte.
Zu meinem Erleben des Films gehört nicht nur der Programmtext, der Jelinek-Roman ist auch ein kleines Lieblingsbuch von mir. Mich, und ich glaube auch Koxi, interessiert aber so etwas wie Verfilmbarkeit nicht. Liebhaberinnen ist vielmehr ein schöner Film über das Lesen des Jelinek-Textes, von dem ich beim ersten Lesen nicht viel verstanden habe, und über ein Gefühl und eine (Körper-)Sprache für die alltägliche Grausamkeit im Umgang mit weiblichen Körpern.
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