Die Blutgräfin – Kritik

Berlinale 2026 – Special: Ulrike Ottingers langjähriges Herzensprojekt Die Blutgräfin ist ein zwangloser Filmexzess und eine komplexe Tiefenbohrung in die todessehnsüchtige Geschichte Wiens.

Wiener Blut! Ulrike Ottingers seit den späten 1990er-Jahren anvisiertes Herzensprojekt Die Blutgräfin ist die Art von zwanglosem, weit ausgreifendem Filmexzess, in dem die schauspielernde Rampensau Lars Eidinger, nicht gerade bekannt für zurückhaltende Performances, eher noch ein erdendes Element ist. Als mondäne Gallionsfigur gelangt Isabelle Huppert zu Beginn des Films durch die Seegrotte Hinterbrühl ins Wien der Gegenwart: ein unterirdisches Einfallstor, das einst ein gewaltiges Bergwerk zum Abbau von Gips beherbergte, später der Wehrmacht als geheime Flugzeugfabrik diente und in dem nun regelmäßige Bootstouren für Touristen angeboten werden.

Unzählige Orte in Wien können einen solchen weit in die Vergangenheit reichenden Taumel erzeugen, und auch Hupperts Figur ist eine geradezu überzeitliche Gestalt. Mit einer Handtasche in der Form eines Sargs, mit einer Fledermaus, die ihr an einem Kettchen ums Handgelenk baumelt und gute Dienste als Brieftaube leistet, spielt sie die wiedererweckte Erzsébet Báthory – eine ungarische Gräfin, die einst im Blut junger Mädchen gebadet haben soll und heute zu den bekanntesten Vampirgestalten der Populärkultur gezählt wird. Ihrem glamourösen Blutrausch weiß die Stadt keinen Widerstand zu leisten: Von der Gruft unterhalb des Heldenbergs, wo die Dragqueen Conchita Wurst ihren ESC-Hit „Rise Like A Phoenix“ mit einem Chor aus Habsburger Generälen singt, hinauf zum Dachstock des Stephansdoms, wo ein moderner Vampir (der wunderbare Thomas Schubert) darum ringt, seinen Gelüsten nicht nachzugeben, erliegen alle dem lustvollen Bummel der Comtesse.

Die Blutgräfin ist eine komplexe Tiefenbohrung in die todessehnsüchtige Geschichte Wiens (Ottinger schrieb das Drehbuch gemeinsam mit der österreichischen Autorin Elfriede Jelinek) und zugleich ein Festakt der höheren Blödelei. Figuren tragen Namen wie Baron Rudi Bubi von Strudl zur Buchtelau oder Nepomuk Nachbiss. Geisteswissenschaftler referieren auf einer Konferenz zu „Vampiren und ihrer Identität im Zeitalter der virtuellen Reproduzierbarkeit“ über die Semantik der Fledermaussprache. Polizisten ermitteln in Kaffeehäusern und Beisln, um der Völlerei mit Buchteln und Würschtln zu frönen. Es herrscht ewige Faschingszeit, die schließlich bei den Jahrmarktsattraktionen im Prater ihren Höhepunkt findet: „Man muss kühles Blut bewahren. Wenn man einen Kühlschrank dafür hat.“

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