Auslandsreise – Kritik

Berlinale 2026 – Forum: Eine Gruppe Millennials, alle nicht mehr ganz jung, findet so etwas wie Heimat in nerdig-kleinteiligen Gesprächen über Literatur. Ted Fendts Auslandsreise ist eine poetische Kreuzberg-Miniatur und eine Meditation über die Verletzlichkeit der Seele.

Die Heimat sei die Kindheit, sagt Alejo, der vor gut 15 Jahren nach Berlin gezogen ist. Buenos Aires sei eine wunderschöne Stadt, aber er würde nie wieder dorthin zurückziehen. Man brauche dort viel Geld, um angemessen leben zu können, und das würde und wolle er nie haben. Er erzählt dies Leonie, die es ebenfalls – zuvor hat sie in Bochum studiert – vor gut 15 Jahren nach Berlin verschlug und die gerade noch immer eine zu Ende gegangene Beziehung verschmerzt.

Dann sind da noch Hanna, die, ein Kind erwartend, nach Bremen zurückkehren wird, und Florian, chronisch auf Wohnungssuche, der mit seinem vorgezeichneten Weg zum Steuerberater-Dasein in Tübingen hadert. Scheinbar typische Berliner-Wahlheimat-Biografien typischer auf-die-40-zugehender, geisteswissenschaftlich ausgebildeter, sinnsuchender Millennials. Heimatlos in einem existentiellen Sinn sind sie alle nicht, tief und robust in der Welt verwurzelt sind sie aber ebenso wenig. 

Typische Idealisten und eigensinnige Melancholiker 

Das Schöne an Ted Fendts Auslandsreise ist, dass mit diesen kurzen biografischen Zweizeilern schon alles über seine Figuren gesagt ist. Oder besser: Alles Weitere liegt auf dem Grund des Films und lässt sich nicht ohne Weiteres nutzbar machen für, sagen wir, die psychologische Zustandsbeschreibung einer Generation, die, bei aller weltgeschichtlichen Privilegierung, ihr Recht auf eigene Tragödien anmeldet. „Alles Weitere“, das heißt hier: die Art, wie die Figuren sprechen, wie sie den Kopf neigen, eine Buchseite umblättern, ein Zitat aussprechen, einen Koffer hinter sich herziehen. 

Reine Kinofiguren: immer nur in dem Maße typisch, wie sie eigensinnig sind, wie sie im laufenden Film – und nur dort und für keinen anderen Zweck als den laufenden Film – auf ihre Art lebendig werden. Figuren in einem Übergang aus grob skizzierter Vergangenheit in eine weitgehend unbekannte Zukunft, ohne Frust, Beschwerden oder sichtbare Erregung, stattdessen ausgestattet mit nerdig-akademischen Nischeninteressen.  

Verbunden ist die Gruppe durch einen Lesekreis, zu dem sie sich in wechselnder Besetzung zusammenfindet. Gelesen wird dieses Mal nicht Dante, wie in Fendts zweitem Langfilm Classical Period, sondern die italienische Schriftstellerin Anna Maria Ortese. 

Wie in allen drei bisherigen Spielfilmen Fendts, besteht auch der Großteil von Auslandsreise aus quasifachlichen (weder im strengen Sinne akademischen noch bloß fachsimpelnden) Gesprächen über Literatur – genauer gesagt über bestimmte Passagen aus Orteses Romanen „Iguana“ und „Der Hafen von Toledo“. Es geht um das Mischverhältnis des Realistischen und des Fantastischen, um den Vergleich von italienischem Originaltext und deutscher Übersetzung, um den möglichen spanischen Einfluss auf die Biografie und das Werk der Autorin. 

Auch das ist besonders an Fendts Figuren: Es ist kaum auszumachen, in welchem Verhältnis sie zueinander stehen. Fraglos handelt es sich um Freundschaften, zugleich bleiben die Figuren aber einander aktiv fremd. Als Alejo Leonie von seiner Kindheit berichtet, verlässt diese alsbald die Szene, ganz so, als könne diese geschilderte Erinnerung weder für sie noch für den Film, in dem sie auftritt, von möglichem Wert sein. Die Freundschaften sind hier beraubt um oder befreit von der Schwere wie auch der Trivialität des Privaten; Bande zwischen Idealisten und Melancholikern. 

Zwischen Nerdiness und Nostalgie

Ted Fendt, der zuletzt in Outside Noise auch selbst in einem seiner Filme auftrat, bleibt in Auslandsreise nun wieder hinter der Kamera. Dennoch ist er auch in diesem Film in gewisser Weise part of the gang. Die Neigung seiner Figuren für das literarische Schaffen Orteses ist vergleichbar mit seiner Neigung für das 16mm-Filmbild: eine Neigung zwischen Nerdiness und Nostalgie für eine zu Unrecht ins geschichtliche Hintertreffen geratene poetische Materialität und deren ästhetisches Erleben.

Das Berlin-Bild, das Fendt in seinen 16mm-Bildern einfängt, ist eines der schönsten der letzten Jahre. Auslandsreise spielt ausschließlich auf den wenigen Quadratmetern zwischen Chamissoplatz, Mehringdamm und Gneisenaustraße in Kreuzberg. Und obwohl Fendts ohnehin nur gut 60-minütiger Film überwiegend aus bildfüllenden Einstellungen seines Personals besteht, sind es die wenigen Totalen über den Stadt- und Naturraum, die die innerlichen Horizonte der Figuren abstecken. 

Mal sieht man die Gruppe auf Klappstühlen unter einem Baum in einem Innenhof sitzen. Das Bild glimmt förmlich vom Sommerlicht, das sich ihm einschreibt. Eine nostalgische Fantasie. Kein Sommernachmittag, möchte man sagen, könnte sich je vergangener anfühlen als ein derart auf 16mm gravierter.

Mal hält die Kamera auf den Mehringdamm. Der Verkehr rauscht durch das Bild und schlägt eine geradezu ohrenbetäubende, lärmende Schneise in den ansonsten gleichbleibend ruhigen Gesamtklang des Films. Und ohne dass dies je explizit und ausgesprochen Thema wäre – aber keine Seele, möchte man sagen, könnte ihre Verletzlichkeit dringlicher ausdrücken, als durch diese audiovisuelle Metapher.

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