AnyMart – Kritik
Berlinale 2026 – Forum: Nach und nach verwandelt sich die trockene Komödie AnyMart über einen jungen Supermarkt-Angestellten in einen Horrorfilm. Der wahre Schrecken ist die Eiseskälte, die Regisseur Yusuke Iwasaki in der japanischen Gesellschaft aufspürt.

Ob sie nun 7-Eleven, FamilyMart oder Lawson heißen: Convenience Stores sind in vielen Ländern Asiens so omnipräsent, dass man monatelang vor Ort sein kann, ohne je einen einzigen vollwertigen Supermarkt aufzusuchen. Die Läden haben Tag und Nacht auf, sind ziemlich günstig und führen ein großes Sortiment an hochverarbeiteten, herrlich ungesunden Lebensmitteln.
In einem solchen Convenience Store arbeitet auch der an Lustlosigkeit kaum zu überbietende Teenager Sakai (Shota Sometani). In seiner Filiale läuft ein fünfsekündiger Gameboy-Musikloop in Dauerschleife, bei dem man sich nach einer Weile aus dem Fenster stürzen will; nur ist das Gebäude leider ebenerdig. Neben diesem Akustik-Terror hat es Sakai auf Arbeit noch mit sozial gestörten KundInnen, einem übereifrigen Kollegen („Du hättest den Rooibos-Tee aufgefüllt, wenn dir die Kunden am Herzen lägen!“) und einem apathischen Chef zu tun, der strikte Frisurregeln vorgibt.
Verzweiflung in verzerrter Optik

Regisseur Yusuke Iwasaki – selbst Sohn eines Ladenbesitzers – inszeniert diesen trostlosen Ort in seinem Langfilm-Debüt AnyMart mit viel trockenem Humor: Mal zeigt er per Zoom-out und zu (betont unpassenden) bedrohlichen Klängen aus dem Off eine Theke voller einzeln verpackter, vorgegarter Hühnerbrüste, ehe er auf das ausdruckslose Gesicht Sakais umschneidet. Mal sehen wir, wie die schlecht bezahlten Angestellten ein absurdes Mitarbeiter-Gelübde ablegen müssen. Am Bildrand taucht zudem mehrfach eine übertrieben grinsende Pappmaché-Figur auf, die im weiteren Verlauf eine gespenstische Wirkung entwickelt.
Ab und zu entflieht die Kamera dem Laden und folgt Sakai zu Dates, die allerdings nicht minder deprimierend ausfallen: Erst zeigt ihm eine Cat Lady ihre verstorbene Katze, dann will eine Krankenschwester mit ihm über die hohe Suizidrate Japans sprechen. Ein absolutes Highlight ist zudem eine Szene, in der die extreme Anspannung und Verzweiflung eines Angestellten durch die Fisheye-Linse einer Türklingel-Kamera grotesk-verzerrte Züge annimmt.
Eine Gesellschaft am Gefrierpunkt

Verzweiflung und Suizidrate sind denn auch zwei Stichworte, um die es Regisseur Yusuke Iwasaki zu gehen scheint: Zwar ist AnyMart über die gesamte Spielzeit wunderbares Unterhaltungskino – erst als trockene Komödie, später als Horror mit grandiosen Slapstick-Morden und eins-zwei deftigen Gore-Effekten. Unter dieser Oberfläche schimmert aber regelmäßig eine bis zum Gefrierpunkt erkaltete Gesellschaft hindurch: Ob eine Frau gerade einen Nervenzusammenbruch erleidet oder ein Mann sich vom Dach stürzt – immer wieder schauen Unbeteiligte gezielt weg oder gehen einfach desinteressiert weiter statt sich um ihre Mitmenschen zu kümmern.
Empathie ist in dieser Welt Fehlanzeige, alle sind ersetzbar: Eine an sich vorbildliche Mitarbeiterin des AnyMart wird wegen einer Lappalie gefeuert, den Namen eines gerade verstorbenen Angestellten hat der Chef schon nach wenigen Tagen vergessen. Der Film verknüpft diese soziale Kälte mit der streng hierarchischen Arbeitskultur, die in Japan nach wie vor weit verbreitet ist. Als eine neue Kollegin sich einmischt und für andere einsetzt, weist der Chef sie zurecht: „Mach, was dir gesagt wird und nicht was du denkst, was du tun solltest.“ Was er verlangt, ist im Grunde ein Roboter anstelle eines Menschen. Vielleicht ist es kein Zufall, dass Roboter in Japan noch weiter verbreitet sind als Convenience Stores.
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