Tribute für Larry Cohen

Amerikanische Dystopien: Mit einem Tribute ehrt die Viennale den Drehbuchautor und Regisseur Larry Cohen.

Selten gibt es auf einem Festival so viel Altes zu sehen wie auf der Viennale. Neben Wiederaufführungen im Hauptprogramm und Retrospektiven kürzlich Verstorbener wie Eric Rohmer und Kameramann William Lubtchansky wurden auch die Lebenden geehrt: Klaus Lemke, Denis Côte und am umfangreichsten Larry Cohen.

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Cohen als Regisseur von B-Movies abzutun würde seinen reflektierten Filmen nicht gerecht werden. Bereits mit 17 Jahren begann er als Drehbuchautor fürs Fernsehen zu arbeiten - die Viennale zeigte seine zweite Arbeit als Autor mit Kraft Mystery Theater: Night Cry (1956) –, ab 1972 dann als Regisseur, überwiegend von Horrorfilmen und Thrillern. Seine Filme sind jedoch nicht nur formal mehr als reines Genrehandwerk, sondern verfügen auch immer über einen gesellschaftlichen Subtext. Die Viennale zeigte zwölf seiner Filme sowie einige Serienfolgen. Ausgewählt wurde dabei wohl vor allem nach Verfügbarkeit der Kopien. Warum sonst befinden sich unterdurchschnittliche Fernseharbeiten wie Cohens bisher letzte Regiearbeit Pick Me Up (2006), als Teil der Masters of Horror-Reihe entstanden, im Programm, während Filme wie Original Gangstas (1996), eine Rückbesinnung auf seinen frühen Blaxploitation-Klassiker Black Ceasar (1972), und The Stuff – Ein tödlicher Leckerbissen (The Stuff, 1985), ein skurriler Horrorfilm über einen mörderischen Joghurt, fehlten?

Ein Aufhänger wie The Stuff zeigt, dass Cohen keine Scheu vor den Niederungen des Unterhaltungsfilms hatte. Kein Plot kann doof genug sein, um nicht einen tollen Film daraus zu machen. Sein Film American Monster (Q – The Winged Serpent, 1982) spielt ganz bewusst damit, sich selbst nie zu ernst zu nehmen. Es geht darin um einen geflügelten Azteken-Gott, der sich im New Yorker Chrysler Building eingenistet hat und über den Dächern der Stadt sonnenbadende Schönheiten und Fensterputzer verspeist. Der für Cohen typische, zynische Humor wird durch einen Polizisten (David Carradine) personifiziert, der auf die Frage, warum das Monster gerade nach New York gekommen ist, nur ein trockenes „New York is famous for good eating” antwortet. Mit dem Monster und dessen Bekämpfung beschäftigt sich Cohen aber dann nur am Rande. Vielmehr erzählt er von einem unbeholfenen Kleinkriminellen (Michael Moriarty), der die Stadt mit seinem Wissen über das Monster erpressen möchte.

Q – The Winged Serpent

Das Faible für gesellschaftliche Dystopien und sein Talent, selbst einem haarsträubenden Plot noch Tiefe zu verleihen, beweist Cohen in Die Wiege des Bösen (It’s Alive, 1974), einem seiner größten Erfolge. Auf der Suche nach immer neuen Bedrohungen im Horrorfilm fällt die Wahl hier auf ein Baby, das seine Umgebung in Angst und Schrecken versetzt. Die Geschichte eines Neugeborenen mit Klauen, das gleich im Kreissaal die gesamte ärztliche Belegschaft niedermetzelt, ist natürlich purer Trash. Cohens Leistung liegt darin, diesen Trash zum einen sehr unterhaltsam zu inszenieren und gleichzeitig ein handfestes Familiendrama mit sozialkritischen Untertönen darin zu verpacken. Nach der Geburt nehmen die Eltern sehr unterschiedliche Positionen ein: Während sich die Mutter darauf beruft, dass es immer noch ihr Kind ist, beteiligt sich der Vater engagiert an der Jagd auf das Baby. Medikamente, die zu deformierten Säuglingen führen, und Eltern, die ihre Kinder nicht anerkennen wollen, zeigen, dass selbst in einem Horrorfilm wie Die Wiege des Bösen noch gesellschaftliche Realität Einzug erhalten kann. Am Schluss gelingt Cohen dann eine sehr berührende Szene, in der der Vater doch noch elterliche Gefühle entwickelt und sein verwundetes Kind vor dem Killerkommando der Polizei zu schützen versucht.

Cohens Spezialität besteht nicht nur darin, solides Genrehandwerk abzuliefern und diesen Filmen seinen eigenen Stempel aufzudrücken, seine besten Arbeiten sind jene, die sich Genre-Zuschreibungen ganz entziehen und etwas ganz und gar Einzigartiges darstellen. God Told Me To (1976) ist so ein im besten Sinne seltsames Werk, das zunächst wie ein unscheinbarer Polizeifilm beginnt. Ein Heckenschütze schießt in der New Yorker Innenstadt wahllos auf Passanten und gibt, kurz bevor er sich in den Tod stürzt, als Grund für seinen Amoklauf „God told me to” an. Weitere ähnliche Fälle folgen und führen einen christlichen Polizisten zu einem Mann, der sich als Inkarnation von Jesus begreift. Zunehmend verlässt der Film seine anfänglich eingeschlagene Kursrichtung und wird zu einer abgehobenen Mischung aus Science-Fiction, Horror und Reflexion über Religion, die den Zuschauer mit allerlei unbeantworteten Fragen zurücklässt. Wie Cohen hier die unbefleckte Empfängnis mit einer Entführung durch Aliens kreuzt und einen hippiesken Jesus auftreten lässt, der ein Wundmal in Form einer Vagina trägt, sollte man aber gesehen haben.

Its Alive

Noch beeindruckender, weil wilder und ausufernder ist Cohens Debütfilm Bone (1972), in dem seine Figuren ein weiteres Mal von einer Katastrophe heimgesucht werden. Ohne Vorwarnung oder Erklärung steht plötzlich ein großer schwarzer Mann (Yaphet Kotto) am Pool eines reichen Ehepaares. Der Fremde, der als Berufsbezeichnung „Vergewaltiger“ angibt, fordert, dass der Mann sein Bankkonto leerräumen soll, während die Frau als Geisel zurückbleibt. Und dann kommt doch alles anders, als man zunächst denkt. In seiner Allegorie auf die Ängste des Establishments spielt Cohen mit sozialen Stereotypen, überzeichnet sie und verkehrt sie schließlich in ihr Gegenteil. So abgehoben der hysterische und teils slapstickhafte Film ist, werden doch immer wieder Verweise zur politischen Realität (Vietnam, Black Power Bewegung) hergestellt. Nicht nur inhaltlich, auch formal ist Bone wohl Cohens radikalster Film: Extreme Weitwinkel und ungewöhnliche Kameraperspektiven verzerren das Geschehen, stroboskopisch dazwischen geschnittene Erinnerungsbilder dienen als Störelemente. Ein brutaler, aber auch wahnsinnig lustiger Film über ein Amerika im Umbruch, der selbst heute kein wenig gestrig wirkt.

Zuletzt muss auch noch ein Lob an die Viennale für dieses Tribute ausgesprochen werden. Oft genug widmen sich Filmfestivals in ihren Retrospektiven ausschließlich etablierten Namen oder Regisseuren mit einem offensichtlichen Kunstwillen. Mit Cohen, wie bereits 2007 mit Stephanie Rothman, zeigt die Viennale, dass sich wahre Filmkunst auch in Ecken findet, die als schmuddlig verschrien sind.

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