Karlovy Vary 2013: Kurzkritiken (2)

Thailand – Philippinen – Spanien. Drei Formexperimente: 36 verschiedene Einstellungen in 36, immer wieder die gleichen in Mamay Umeng und eine einzige in The Sad Smell of Flesh.

36 von Nawapol Thamrongrattanarit

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Mittendrin kommt der Abspann – oder ist das erst der Vorspann? Zögerlicher Beifall. Nawapol Thamrongrattanarit spart in seinem Debüt nicht mit Schabernack. Der thailändische Regisseur hat einen Film über Fotografie gedreht und über das Gedächtnis. Bei nur einer guten Stunde Laufzeit fallen die durchnummerierten und durch Kapitelüberschriften getrennten Einstellungen recht kurz aus. Und doch lässt sich 36 viel Zeit für die kleinen Unwägbarkeiten des zeitgenössischen Lebens: Der USB-Stick, der beim Einführen eine Fehlermeldung verursacht. Und der Passwort-Wiederherstellungsbildschirm vom Email-Dienst mit seiner wunderbaren Frage: „Where am I?“ Thamrongrattanarit meint es ernst mit seinen philosophisch deutbaren, alltäglichen Beobachtungen, so ernst, dass er eine leise Komödie gedreht hat. Einmal bewegen sich Sai (Koramit Vajrasthira) und Oom (Wanlop Rungkamjad) durch die Ruine eines früheren „Love Hotels“ und fragen sich, ob dieser Ort eine Geschichte habe. Denn einen Ort mit Vergangenheit sollen sie finden – sie ist Location Scout, er Art Director. Unentwegt fotografieren sie die Architektur aus allen Blickwinkeln, während uns der Überblick verwehrt wird. Und obwohl die Gespräche zwischen ihnen verspielter und intimer werden, illustrieren die starren Einstellungen dies nur indirekt. Die Kamera wechselt zwischen geheimnisreichen Bildern aller Größen, die die Handlung ins Off verbannen und lustvollen Spielereien mit Halbsichtbarem. Und wenn die Schauspieler einmal alle im Kader sind, was selten genug vorkommt, verdoppelt Thamrongrattanarit die Displays und führt mit Handy-, Computer- oder Fotobildschirmen weitere Ebenen ein, auf die sich die eigentliche Gedächtnis- oder Welterfahrung verschiebt. Es lässt sich nur schwer vermitteln, welch existenzielle Krise vom drohenden Verlust einer Festplatte ausgeht. In 36 kreist das Drama um einen solchen Anschlussfehler: Die Platte von 2008 kann nicht mehr angeworfen werden. Die Macht der Daten, auch das zeigt Thamrongrattanarit eindrucksvoll, ist eine der emotionalen Überlieferung, die uns im richtigen Moment aus der Bahn wirft, wenn der Computer fragt, wo wir sind. Wenn wir das nur wüssten.

Mamay Umeng von Dwein Baltazar

Mamay Umeng 02

Die philippinische Regisseurin Dwein Baltazar inszeniert den entschleunigten Alltag des alten Umeng und seiner Familie als ruhigen Strom der Wiederholungen. Immer wieder das Esszimmer, die Terrasse, das Schlafzimmer, der Blick in die Weite. Sukzessive werden die Sprünge zwischen den Lichtsetzungen größer, die repetitive Struktur gibt den Veränderungen in der Textur der Gegenstände Raum: Wie unterschiedlich dieselben Möbel bei anderem Lichteinfall wirken, wie stark die Laute der Natur hineinwirken in unsere Wahrnehmung und dabei jede Form von Musik überflüssig machen. Mamay Umeng ist ein Rezept für den genauen Blick und das aufmerksame Ohr. Das kann mitunter durchaus angestrengt wirken, wenn etwa der Großvater bei einer Geburtstagsfeier inmitten von lauter spitzen Hüten sitzt und abwesend durch die Gegend starrt. Solch schlichten Kontrasten erteilt Baltazar aber schnell eine Abfuhr. Eher sucht sie die dezente Empathie in Momenten der plötzlichen Lebendigkeit von Tanz und Gesang, bei denen Umeng selbst zum aktiven Protagonisten wird. Sie hat einen zarten Film gedreht, der form- weil materialbewusst ist, und im richtigen Augenblick von Kontemplation zu Aktion wechselt. Wenn ganz am Schluss eine beinahe psychedelische Musik ertönt, dann vereint sich beides auf eindrückliche Weise.

The Sad Smell of Flesh (El triste olor de la carne) von Cristóbal Arteaga Rozas

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Knapp eineinhalb Stunden folgt der Chilene Cristóbal Arteaga Rozas einem Mann – an einem Tag, der nicht sein wird wie die anderen. Es ist vor allem eine technische und handwerkliche Herausforderung, der sich Rozas dabei gestellt hat, denn The Sad Smell of Flesh ist in einer einzigen Einstellung gedreht. Trotz formaler Besonderheit verfolgt die spanische Produktion allerdings keinen stilistischen Selbstzweck. Obwohl sich die Gründe für eine solche Zuspitzung nicht vollends erschließen, schon allein ihre durchdringende Wirkung legitimiert sie. Rozas Handkamera bleibt immer dicht an Alfredo Barrera, wie er durch die Straßen von Vigo im Osten Spaniens fährt und läuft. Ein Gefühl der Erstickung ist schon lange präsent, wenn das Puzzle der tragischen Zusammenhänge seines aus der Bahn geratenen Lebens sich langsam ineinander fügt. Weil The Sad Smell of Flesh einen nie aus dem Griff seines kontinuierlich anschwellenden Crescendos lässt und das Drehbuch keine positiven Wendungen für Alfredo mehr kennt, stellt sich bald ein intensives Fluchtbedürfnis ein. Der überschuldete Arbeitslose, der seiner Familie seit geraumer Zeit die heile Welt vorspielt, ist am Ende seiner Kräfte und macht doch weiter und weiter. Rozas hat einen zugleich enervierenden und anregenden Film geschaffen, dessen Einseitigkeit als Aufforderung verstanden werden kann, die Existenzen vernichtende Sparpolitik der EU nicht weiter hinzunehmen.

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