Im Schatten des Dr. Mengele

Die Retrospektive des diesjährigen Festivals von Locarno wird sich dem Kino der jungen BRD widmen. Ende April gab es in Frankfurt bereits einen kleinen Vorgeschmack. Dabei waren deutsche Filme zu entdecken, die von Migranten gedreht wurden, unversöhnlich auf die eigene Vergangenheit blicken – und erstaunlich viele englische Dialoge haben.

Die Nackte und der Satan 1

Im Jahr 1959 trieb ein dämonischer Arzt auf deutschen Leinwänden sein Unwesen. Horst Frank spielt in dem Horror-Reißer Die Nackte und der Satan einen wahnsinnigen Wissenschaftler, dessen Forschungsdrang keine moralischen Zweifel kennt. In einem herrschaftlichen Anwesen, das von Regisseur Victor Trivas als expressionistisches Schattenreich inszeniert wird, versündigt er sich gegen die Natur. Zwischen blubbernden Reagenzgläsern eröffnet sich ein Szenario des Grauens: Mithilfe von Drähten hält der Arzt den amputierten Kopf seines Vorgesetzten am Leben, der mit letzter Kraft um seinen Gnadentod bettelt. Und das Haupt einer buckeligen Nonne pflanzt er auf den adretten Körper einer Nachtklub-Tänzerin. Ein Doktor, der Experimente mit Menschen durchführt, dürfte damals beim Publikum unangenehme Erinnerungen geweckt haben. Und tatsächlich, Trivas’ Horrorfilm (ein Genre, das in der BRD der 1950er Jahre eher stiefmütterlich behandelt wurde) lehrt das Publikum mit einem Dr. Frankenstein das Fürchten, der bei genauerem Hinsehen eher ein Josef Mengele ist.

Nur auf dem Papier entnazifiziert

Zwischenfall in Benderath 2

Nachdem Die Nackte und der Satan seinerzeit von den Kritikern regelrecht in den Boden gestampft wurde, konnte Trivas keine weitere Regiearbeit mehr verwirklichen. Aus heutiger Perspektive funktioniert der Film nicht nur als wahnwitziges B-Movie, sondern zeigt auch, wie sich die jüngere Geschichte einst in das heimische Genrekino eingeschrieben hat. Sehen konnte man den Film Ende April im Frankfurter Filmmuseum, wo Olaf Möller einen Vorgeschmack auf die diesjährige Locarno-Retrospektive „Geliebt und verdrängt – Das Kino der jungen Bundesrepublik Deutschland von 1949 bis 1963“ gab. Die sieben Beiträge, die selbst nicht in Locarno gezeigt werden, thematisch aber verwandt sind, konzentrierten sich vor allem auf die Nachwehen der Judenverfolgung. Während der kurze Dokumentarfilm Israel, Staat der Hoffnung (1955) beispielsweise voller Idealismus das neue Land für die Vertriebenen vorstellt, zeichnen die Spielfilme das düstere Bild eines Deutschlands, das nur auf dem Papier entnazifiziert wurde.

Der Ruf

Deutschland erscheint aber in der Reihe mitunter auch als Sehnsuchtsort, der selbst bei den Ausgestoßenen Heimatgefühle weckt. Das zeichnet sich etwa daran ab, dass die Hälfte der Frankfurter Filme von Migranten stammt. Während der Russe Trivas und der Ungar János Veiczi bereits vor der Machtübernahme der Nazis das Land verließen, um nach dem Krieg wieder zurückzukehren, hat sich Veiczis Landsmann Josef von Báky mit den Faschisten arrangiert und deshalb auch während ihrer Regierungszeit Projekte verwirklichen können. Sein Film Der Ruf (1949) geht so hart mit dem unauslöschbaren Erbe der Nazis ins Gericht, dass man ihn gar als eine Wiedergutmachung interpretieren könnte. Zugeschnitten ist er ganz auf Hauptdarsteller und Drehbuchautor Fritz Kortner – der wiederum erst von den Nazis zum Migranten gemacht wurde.

Sieg der unverbesserlichen Burschenschaftler

Der Ruf 3

Der Ruf erzählt von einem jüdischen Professor, der vom amerikanischen Exil nach Deutschland zurückkehrt und dort von einem missgünstigen Haufen rechter Akademiker zugrunde gerichtet wird. Schon der Auftakt des Films ist großartig: Während draußen die kalifornische Sonne auf den Asphalt brennt, sitzen die Auswanderer in abgedunkelten, verrauchten Zimmern und sprechen in zerfahrenem Denglisch wild aufeinander ein. Viel zu selten bekommt man solche Szenen in deutschen Filmen zu sehen, in denen das Schicksal der Auswanderer im Mittelpunkt steht; ihre sprachliche, aber auch emotionale Zerrissenheit. Der von Kortner gespielte Professor ergreift immer wieder Partei für die Deutschen, beharrt darauf, dass man sie doch nicht alle über einen Kamm scheren dürfe. Und obwohl er den Rücken in der alten Heimat von einer Gruppe linker Studenten gestärkt bekommt, bleibt der Sieg bei den unverbesserlichen Burschenschaftlern.

Zwischenfall in Benderath 3

Ein derart radikaler Blick auf die eigene Vergangenheit ist im westdeutschen Nachkriegskino eher eine Seltenheit. Anders verhält es sich da schon im DDR-Kino, das mit zwei DEFA-Produktionen ebenfalls in der Reihe vertreten war. Die im Osten behauptete Distanz zum Dritten Reich und die Feindschaft zum Westen boten eine weitaus bessere Grundlage, das Verdrängte ins Rampenlicht zu zerren. Was damals schiefgelaufen war, betraf einen schließlich nicht selbst, ja konnte sogar für eigene politische Zwecke instrumentalisiert werden. Zu beobachten ist diese Strategie etwa in János Veiczis Zwischenfall in Benderath (1956), der den Antisemitismus hinter der heilen Fassade einer fiktiven westdeutschen Kleinstadt entlarvt.

Zwischenfall in Benderath

Obwohl der Film mitunter ein bisschen steif und lehrstückhaft wirkt, sind gerade die längeren Wortgefechte ungemein fesselnd inszeniert. Im Mittelpunkt der Handlung steht eine Schüler-Clique, die man auch einem erwachsenen Publikum noch zumuten konnte; fleißig, mit politischem Bewusstsein und auch beim Rebellieren noch überraschend brav. Als der Jude Jakob (Uwe-Jens Pape) zum wiederholten Mal von einem Nazi-Lehrer schikaniert wird, tritt die Clique in einen Streik. Solange, bis der Lehrer sich entschuldigt hat. Und während bei den Elternabenden langsam ans Tageslicht kommt, wie tief der Judenhass noch in den Köpfen der Älteren sitzt, personifizieren die Jungen eine gelebte Utopie des Egalitären und damit auch irgendwie die Idee der DDR.

Paranoia-Kino des Klassenfeindes

Jetzt und in der Stunde meines Todes

Deutlich virtuoser verkleidet Konrad Petzold seine propagandistischen Absichten. Mit dem fetzigen Verschwörungs-Thriller Jetzt und in der Stunde meines Todes (1963) zeigt er, wie es den Nazis auch nach dem Krieg noch gelingt, ihre Macht zu verteidigen. Petzolds bedingungslose Hingabe zum Genrekino – die dem Film von der zeitgenössischen Kritik gewohnt verkrampft als Kolportagehaftigkeit vorgeworfen wurde – erinnert dabei streckenweise an das Paranoia-Kino des Klassenfeindes USA. Der Plot handelt von der hartnäckigen Journalistin Ella (Inge Keller), die vor dem Hintergrund des Eichmann-Prozesses versucht, die verborgenen Machenschaften ehemaliger Nazi-Funktionäre zu entlarven. Im Zuge der Ermittlung steigt auch die Gewissheit, dass der Westen sich noch fest in braunen Händen befindet. Dass das Drehbuch des DEFA-Regisseurs Egon Günther politisch durchaus berechnend ist, schmälert den Eindruck von Jetzt und in der Stunde meines Todes kaum. Mit seiner modernen Heldin, seinem internationalen Flair und dem souverän ausgeführten Handwerk des Spannungskinos zeigt der Film, wie viel Potenzial das deutsche Genrekino im Umgang mit dem Nationalsozialismus hat. Inmitten der wehleidigen „Wir-waren-doch-auch-nur-Opfer“-Filme ist dafür heute nur leider kaum Platz.

Im Hinblick auf den gelungenen Auftakt der Reihe darf man gespannt sein auf die deutlich größere und thematisch weiter gefasste Filmauswahl, die in Locarno präsentiert wird. Erfreulich ist auch, dass das Programm in leicht abgewandelter Form demnächst in Berlin zu sehen ist. Beide Termine sind ein guter Anlass, sich endlich einmal ausführlich dem sträflich vernachlässigten deutschen Kino der 1950er Jahre zu widmen – und den eng gefassten Kanon ein wenig ins Wanken zu bringen.

Zur Website der Locarno-Retrospektive "Geliebt und verdrängt: Das Kino der jungen Bundesrepublik Deutschland".

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