„Mir geht es um ökonomisches Erzählen“
Interview mit Maximilian Erlenwein zu Schwerkraft
Schwerkraft, der herausragende Film der diesjährigen Filmwoche in Saarbrücken, wurde prompt mit diversen Preisen ausgezeichnet. Sie gingen an Hauptdarsteller Fabian Hinrichs und an seinen Freund, den Autor Maximilian Erlenwein. Neben dem Drehbuchpreis gewann er auch den Max Ophüls Preis. In einem Saarbrücker Weinkeller hatten wir Gelegenheit, über Schwerkraft zu sprechen.
critic.de: Mit Fabian Hinrichs hast Du bereits in Deinem Kurzfilm Blackout (2005) zusammengearbeitet – welchen Einfluss hatte er auf die Entwicklung der Rolle des Frederik?
Maximilian Erlenwein: Nach Blackout war mir klar, dass ich wieder einen Film mit ihm in der Hauptrolle machen wollte. Wir haben zusammen in einer WG gelebt, da beeinflusst es einen natürlich schon, wenn man immer wieder auf den Schauspieler trifft, der die Rolle verkörpern soll, an der man gerade schreibt. Aber das Thema, das Milieu der Kriminalität stand schon vor der Besetzungsentscheidung fest. Ursprünglich ging es da um eine ganz andere Figur. Fabian ist so ein vielseitiger Schauspieler, der hätte auch diese Figur spielen können, aber ich habe die Idee verworfen. Die jetzige Rolle hat nichts mit der Person Fabian Hinrichs gemeinsam, aber gewissermaßen lotet sie ideal sein schauspielerisches Potential aus.
Die Exposition ist sehr verdichtet, in den ersten Momenten werden wir mit dem gesamten Personal vertraut gemacht, die Probleme und Motive sind alle sofort sichtbar. Wie kam es zu dieser konzeptuellen Entscheidung?
Das entspricht meinem Verständnis von ökonomischem Erzählen. Man muss Sachen in der Exposition extrem verdichten, um nicht in einen unangenehmen erklärenden Stil zu verfallen. Die Exposition muss gleich mehrere Sachen erfüllen, eine reine Einführung in die Figuren reicht nicht. Da muss schon der Subplot präsent sein, Spannung soll entstehen, Interesse geweckt werden.
Du zeichnest ein ungewohntes, abstraktes Bild der Großstadt, erst am Ende kennzeichnet ein Schild am Bahnhof die Metropole als Leipzig.
Ja, und das war gar nicht intendiert. Es wäre mir lieber gewesen, wenn da nicht „Leipzig“ stünde. Der Film sollte in einer anonymen Großstadt spielen. Ich wollte die Geschichte nicht konkret verorten, um ihr eine Allgemeingültigkeit zu verleihen. Es sollte auch kein Sozialdrama sein, das in einer bestimmten gesellschaftlichen Situation verortet ist. Es ist eine weiter gefasste Erzählung.
Der Film hat eine sehr überzeugende, eigenwillige Ästhetik, auch in den Innenräumen. Da gibt es eine Szene zwischen Frederik und seiner Putzfrau, die ist inszeniert wie ein Stillleben.
Die Entscheidung, das so zu drehen, ist am Set entstanden. Ursprünglich wollte ich die Szene höher auflösen, mit dem Schuss-Gegenschuss-Verfahren arbeiten. Doch dann entschied ich mich, alles in einer Einstellung aufzunehmen. Das Unangenehme und gleichzeitig Komische kommt so am besten raus. Das hat sich im Schnitt als die richtige Entscheidung erwiesen. Insgesamt ist viel am Set entstanden, auch visuell.
Du scheust Dich nicht, amerikanische Stoffe und Themen aufzugreifen. Eine Szene erinnert stark an Michael Manns Heat (1995). Hattest Du da keine Sorge?
Grundsätzlich ist ja alles schon mal dagewesen, da darf man keine Angst haben. Jede Geschichte basiert doch auf Archetypen und auf Storyprinzipien. Ich orientiere mich auch deshalb am amerikanischen Erzählkino, weil da meine Kinosozialisation herkommt, das sind die Filme, die ich liebe.
In Schwerkraft gibt es ständig Wiedersehen, Begegnungen. Was verbindest Du damit?
Die Begegnungen stehen für eine Konfrontation mit der Vergangenheit, mit unterdrückten dunklen Trieben. Bei den Begegnungen handelt es sich um Spiegelungen. So wie Frederik Nadine wiedersieht, trifft Vince erneut auf Reinier. Es geht jeweils um eine dunkle Vergangenheit.
Inwiefern handelt es sich bei Schwerkraft um eine ausgelebte Männerphantasie?
Das hat im Entstehungsprozess keine Rolle gespielt. Aber natürlich geht es im Prinzip darum, dass die Hauptfigur stellvertretend ist für den Zuschauer. Hier darf er mal alles ausleben. Das bringt auch das Entertainment. Die Grundgeschichte ist ja eine Tragödie, und dennoch war es nicht in meinem Interesse, einen deprimierenden Film zu drehen.
Welche Rolle spielt Psychobilly für Tempo und Rhythmus des Films?
Musik ist grundsätzlich ganz besonders wichtig für mich. Mit Psychobilly hatte ich eine grobe Richtung vorgegeben. Das sollte die Musik von Vince sein. Früher war es auch die von Frederik.
Jakob Ilja, den Gitarristen von Element of Crime, habe ich in der WG kennengelernt. Er ist sehr an Filmmusik interessiert, hat da mittlerweile auch schon irrsinnig viel gemacht. Er verfügt über ein wahnsinnig gutes dramaturgisches Verständnis. Er ist wirklich auch ein Filmmusiker. Obwohl das grundsätzlich nicht seine Richtung ist, hat er zugestimmt. Wir hatten einen sehr intensiven und erfüllenden Prozess, diese Musik zu machen. Einige Songs gab es schon vorher, aber das meiste ist im Rohschnitt entstanden. Ich hatte mir vorher schon einen fiktiven Soundtrack ausgedacht, aber die Songs waren alle zu teuer, um sie zu verwenden. Als mit Jakob Ilja dann noch eine kreative Kraft hinzukam, ist viel mehr Score entstanden, wovon ich ursprünglich dachte, der sei gar nicht nötig. Das habe ich dann gelernt. Jetzt bin ich sehr stolz auf den Soundtrack. Ich wollte Filmmusik machen, die man sich danach gerne als Soundtrack kauft, dass die Leute denken: „Was fürn cooler Song“.
An welchem Stoff arbeitest Du gerade?
Gemeinsam mit meiner Co-Autorin Julia Willmann entwickle ich einen Stoff, in dessen Zentrum ein älterer Mann steht, der gegen seine inneren Dämonen ankämpfen muss. Das hat diesmal ein kleines fantastisches Moment und wird hoffentlich wieder sehr entertaining. Eine äußerst schräge Geschichte.
Interview von Sascha Keilholz
Veröffentlicht am 27.01.2010
Fotos: © Farbfilm / Max Ophüls Preis
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