Wuthering Heights

Auch so können Literaturadaptionen aussehen. Die eigentliche Hauptrolle in Wuthering Heights spielt die Natur. 

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Mit Wuthering Heights hat die englische Regisseurin Andrea Arnold einen Film gedreht, der eine ungemeine Faszination für die Materialität der Dinge entwickelt. Immer wieder Gräser und Blumen in Nahaufnahme, Schnitzereien an Holzwänden oder appetitlich aussehende Früchte, die in einer späteren Einstellung bereits verfault sind. Die Struktur von Oberflächen ist ein wichtiger ästhetischer Bestandteil, wenn man diesen Film erlebt, erfüllt mitunter aber auch eine inhaltliche Funktion. Da gibt es etwa eine Szene, in der Catherine (Shannon Beer) und Heathcliff (Solomon Glave) im jungen Alter nebeneinander schlafen. Fast unmerklich verlagert die Kamera die Schärfe von dem Kopf des Mädchens zu dem des Jungen, und allein durch den Unterschied der Beschaffenheit ihrer Haare wird das ganze Dilemma dieser tragischen Liebesgeschichte zusammengefasst.

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Basierend auf Emily Brontës gleichnamigem Roman, beschäftigt sich Arnolds Adaption mit der ersten Hälfte der Handlung. Die Ereignisse sind dabei auf ihr Grundskelett heruntergebrochen, sodass gerade noch genug Information bleibt, damit auch ein weniger belesener Zuschauer folgen kann. Der Film setzt ein, als Findelkind Heathcliff von einem christlichen Gutsbesitzer aufgenommen wird. Während der ältere Sohn Hindley aus Neid einen ungemeinen Hass auf Heathcliff entwickelt, entsteht zur Tochter Catherine ein inniges Verhältnis, das sich irgendwo zwischen Seelenverwandtschaft und Liebesbeziehung bewegt. Der Tod des Vaters führt nicht nur dazu, dass Heathcliff, als Hindley (Lee Shaw) das Sagen hat, in der Hierarchie des Hauses heruntergestuft wird, auch Catherine wendet sich langsam besseren Kreisen zu und beginnt eine Liaison mit einem Adeligen. Ein Schritt, der die einstigen Kinderfreunde langsam ins Verderben führt.

Den Platz, den die Regisseurin durch die Reduktion der Handlung schafft, füllt sie mit reiner Sinnlichkeit. Die Handkamera stürzt sich immer wieder unmittelbar in tobende Naturgewalten, die, ganz dem romantischen Ideal entsprechend, die aufbrausenden Gefühle der Figuren spiegeln. Man fühlt sich dabei an die Bilderwelten von Malern wie William Turner und Caspar David Friedrich erinnert. Rationalismus muss hier draußen bleiben. Das zeigt sich sehr schön in jenen Momenten, in denen sich die wild wackelnde Kamera in die Dunkelheit stürzt und dem Zuschauer mit einem Durcheinander aus abstrakten Lichtkegeln jegliche Orientierung raubt. In dem, allein was seine Größe angeht, eher bescheidenen Format 4:3 solche Wucht entstehen zu lassen, ist schon eine Leistung für sich. Gemeinsam mit Kameramann Robbie Ryan und dem Sound Department reißt Arnold die Grenze zum Zuschauerraum ein, wie es sonst nur bessere 3D-Filme schaffen. Umgeben vom Tosen des Windes und Prasseln des Regens, wälzt man sich mit den Figuren im Schlamm und läuft mit ihnen über die weiten Felder. Dabei birgt die Maßlosigkeit, mit der sich der Film auf ästhetisierte Details der Landschaft stürzt, auch immer wieder die Gefahr, in Naturkitsch abzugleiten.

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Grundsätzlich zeigt Wuthering Heights aber, wie gute Literaturadaptionen aussehen können. Die etwas gestelzte Sprache und die Kostüme zählen zu den wenigen historischen Rückständen der Vorlage, ansonsten hat der Film wenig gemein mit den statischen und mutlosen Klassikerverfilmungen, die sonst in die Kinos kommen. Gesprochen wird ohnehin kaum, und wenn, dann ist dieses Gemurmel für jeden Nicht-Muttersprachler, der keine Untertitel zur Verfügung hat, eine echte Herausforderung. Mit der sehr spärlich eingesetzten literarischen Sprache und einer eben nicht im Vordergrund stehenden äußeren Handlung vernachlässigt Arnold jene Faktoren, die bei vielen Filmen mit Geschichte und Kostümen als Hauptsache inszeniert werden. Und nicht zuletzt verleiht sie dem Stoff auch eine neue soziale Dimension, denn die Rolle des Heathcliff – laut Vorlage „a dark-skinned gypsy“ aus den Slums von Liverpool–, besetzt sie mit zwei schwarzen Darstellern und deutet zudem an, dass der Junge auf einem Sklavenschiff nach England kam. Das Ausgestoßensein von Heathcliff gründet damit nicht nur auf einem Klassenunterschied, sondern auch dezidiert auf dem Rassismus seines Umfelds.

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Arnold hat erst spät angefangen, sich ihrer Regielaufbahn zu widmen. Davor war sie jahrelang als Moderatorin fürs Kinderfernsehen tätig. Anscheinend hat sie in diesem Arbeitsumfeld eine besondere Sensibilität für die Gefühlswelt junger Menschen entwickelt, wie es sich etwa in ihrem letzten Film Fish Tank (2009) beobachten lässt. Wuthering Heights nimmt jedoch eine andere Haltung zu seinen Figuren ein. Die Charaktere sind nur grob umrissen und definieren sich vor allem über ein einzelnes Begehren. Das führt zu einem seltsamen Spannungsverhältnis zwischen einer Inszenierung, die zumindest die für das Kino relevanten Sinne ansprechen möchte, und Figuren, deren innere Kämpfe einem immer etwas fremd bleiben. Die sehr ausgeprägte Empathie gegenüber der Heldin in Fish Tank weicht hier einer eher distanzierten und leicht unterkühlten Beziehung zu den Figuren. Nach der Uraufführung im Wettbewerb der Filmfestspiele von Venedig im letzten Jahr wurde Arnold diese künstlerische Entscheidung am meisten vorgeworfen. Dabei bleibt die Regisseurin gerade in dieser Hinsicht der Vorlage treu. Denn wie sie wurde auch Emily Brontë über 150 Jahre früher dafür kritisiert, ihre Leser mit Figuren zu konfrontieren, die sich jeglicher Identifikation verweigern.

Trailer zu „Wuthering Heights“


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Kommentare


tom

ein grotesk schlechter film...






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