Wildwechsel

Eine gescheiterte Liebe in der bayerischen Provinz oder wie ein Fernsehfilm zum Streit zwischen Fassbinder und Franz Xaver Kroetz führte. 

Wildwechsel Teaser

Es gab eine Zeit, in der das deutsche Fernsehen noch Experimentierfeld für junge Regisseure war. Einer von ihnen hieß Rainer Werner Fassbinder und drehte in den 1970er Jahren zahlreiche Filme, die zwar für den kleinen Kasten bestimmt waren, es im Nachhinein aber doch noch auf die große Leinwand schafften. Einige, wie Martha (1974), zählen heute sogar zu den wichtigsten Arbeiten des Regisseurs. Dann gab es aber auch Filme wie Wildwechsel (1974), die damals viel Aufhebens machten und heute zu den wenigen blinden Flecken in Fassbinders Filmografie gehören. Der Grund dafür mag sein, dass die Geschichte dieses Films eine Geschichte voller Missverständnisse war.

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Alles fing mit der Adaption eines Theaterstücks an. Autor war der vermeintlich seelenverwandte Franz Xaver Kroetz, eigentlich einer der wichtigsten und radikalsten Dramatiker des Landes, den man heute aber eher wegen seiner Hauptrolle in Helmut Dietls Miniserie Kir Royal (1986) oder als Nervensäge in deutschen Talkshows kennt. Sowohl Kroetz wie auch der junge Fassbinder mit seinem antiteater schrieben moderne bayerische Volksstücke in der Tradition von Marieluise Fleißer. Mit stilisierter Alltagssprache und bar jeglicher Sentimentalität erzählen die Dramen von tragischen Außenseiterfiguren und sozialen Missständen. Fleißer selbst nannte die beiden Autoren einmal ihre Söhne.

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1971 veröffentlichte Kroetz dann ein Stück mit dem Namen Wildwechsel, basierend auf einer wahren Begebenheit. Die 13-jährige Hanni beginnt darin ein Verhältnis mit dem sechs Jahre älteren Hilfsarbeiter Franz. Hannis Eltern, besonders ihr Vater, setzen alles daran, die Beziehung zu unterbinden. Doch selbst nachdem Franz wegen Verführung Minderjähriger kurzzeitig ins Gefängnis muss, lassen die Liebenden nicht voneinander ab. Als Hanni schwanger wird, drängt sie ihren Freund dazu, den verhassten Vater zu töten. Einen Mord und eine Fehlgeburt später stellen die beiden resigniert fest, dass sie nie wirkliche Liebe verbunden hat.

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Nach der Ausstrahlung von Fassbinders TV-Adaption gab es gleich zwei Skandale. Einen, weil der Film nackte Haut zeigte, und zwar nicht nur, wie man es gewohnt war, von einer Frau, sondern auch sehr ausführlich von einem Mann. Der andere Skandal hatte damit zu tun, dass der Autor der Vorlage so gar nicht einverstanden war mit der Verfilmung und sie verbieten lassen wollte. Wirklich nachvollziehen lässt sich Kroetz’ Aufregung nicht, arbeitet Fassbinder doch extrem nah an der Vorlage, variiert nur wenig und übernimmt sogar die meisten Dialoge direkt aus dem Drama. Das Erstaunliche dabei ist, dass der Film nicht typischer für Fassbinder sein könnte. Ein kühl inszeniertes Melodram, in dem es nur Opfer gibt. Eine junge Liebe, die an den äußeren Umständen scheitert. Und ein böser Blick auf die bornierte Elterngeneration, die der Nazi-Zeit noch hinterherhängt.

Wildwechsel Feature

Die extremen Stilisierungen früherer Filme hat Fassbinder hier schon weitgehend hinter sich gelassen. Wildwechsel folgt neben anderen Fernseharbeiten wie Pioniere in Ingolstadt (1971) und Ich will doch nur, daß ihr mich liebt (1976) in der Filmografie des Regisseurs noch am ehesten einem klassischem Realismus, in dem lediglich die ausdruckslose und abgehackte Art des Schauspiels noch verfremdend wirkt. Emotionen sind den Menschen abhanden gekommen. Sie wirken wie narkotisiert von der kleinbürgerlichen Enge ihrer Heimat. Selbst das Liebespaar blökt sich hier die meiste Zeit an, unfähig, seine wahren Gefühle zu artikulieren.

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Auch wenn Fassbinder später selbst immer wieder nachsynchronisiert hat und dabei ein möglichst profilloses Deutsch anstrebte, finden sich gerade in früheren Filmen immer wieder schöne Beispiele von individuellem Duktus. Der Schauspieler Harry Baer hat über die Jahrzehnte eng mit Fassbinder zusammengearbeitet, war in wechselnden Funktionen an fast allen Filmen beteiligt, hat letztlich aber nur zwei Hauptrollen gespielt. Wildwechsel ist eine davon und zeigt, dass Baer neben Irm Hermann zu den Darstellern mit der prägnantesten Sprachmelodie zählt. Gott sei Dank gab es keine Schauspielschule, die ihm diese Eigenheit ausgetrieben hat. Wenn er redet, durchdringt eine melancholische Sexyness die ganze Leinwand. In Wildwechsel spielt er einen bayerischen James Dean, der zum Rebellieren viel zu lethargisch ist.

Wildwechsel 01

Wildwechsel ist sehr einfach und nüchtern inszeniert. Die meisten Szenen spielen in bühnenhaften Innenräumen, und doch versucht die Kamera häufig Konventionen wie das Schuss-Gegenschuss-Verfahren durch Spiegel oder fehlenden Blickkontakt zu vermeiden. Zeitweise treibt es Fassbinder dann auch nach draußen, auf die Straße, aber auch, besonders eindrucksvoll, in eine Hühnerschlachterei. Er filmt die grausame, monotone Arbeit und platziert seine Figuren zwischen toten Tieren und lärmenden Maschinen. Hier ist es naturgemäß schwierig, Mensch zu sein.

Was Kroetz an der Verfilmung nun so „obszön“ und „denunzierend“ fand, wird wohl sein Geheimnis bleiben. Zwei Szenen, in denen Hanni noch entschiedener als sexuelle Aggressorin inszeniert wurde, ließ der Dramatiker noch vor der Fernsehausstrahlung entfernen. Dabei verbindet die beiden „Söhne“ Fleißers doch viel mehr, als sie trennt. Aber auch wenn der Dramatiker seine etwas angestaubte Vorstellung von Texttreue durchgesetzt hat, gelang es Fassbinder, sich den Stoff im besten Sinne anzueignen. Der Gewinner des Streits bleibt vorerst aber Kroetz. Denn so lange er sich weigert, die Rechte an seinem Stück freizugeben, wird Wildwechsel auch weiterhin einer der wenigen Filme Fassbinders sein, die der Öffentlichkeit verwehrt bleiben. 

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