White Epilepsy

Body. Horror. Grandrieux. Grandios.

White Epilepsy 01

Halluzinogene Drogen ähneln computergenerierten Bildern: Mit ihrer Hilfe kann man Dinge sehen, die es real nicht gibt. Philippe Grandrieux’ Film White Epilepsy (2012) ähnelt dagegen bewusstseins-erweiternden Drogen. Er zeigt Dinge, die es gibt, die man aber so noch nie gesehen hat. Im Zentrum steht dabei das häufigste Motiv der Filmgeschichte: der menschliche Körper.

White Epilepsy unternimmt – wie einst die Arbeiten von Eadweard Muybridge – einfach nur Bewegungsstudien. Zwei Körper, nackt, im Wald – im Naturzustand sozusagen. Doch aus dieser ganz schlichten Situation entwickelt Grandrieux in zehn geduldigen Einstellungen einen neuen Blick auf den menschlichen Körper – einen Blick, der unsere Sinne schärft, unser Bewusstsein erweitert, uns etwas Altbekanntes auf ganz andere Art als zuvor sehen lässt.

Philippe Grandrieux ist selbst in Cineasten-Kreisen weitgehend unbekannt. Das Musikvideo zu Marilyn Mansons Lied Putting Holes in Happiness dürfte das mit Abstand am weitesten verbreitete Werk des 58-jährigen Franzosen sein. Sein erster Film war die 210-minütige TV-Doku Berlin (1987). Zwischen 1998 und 2008 produzierte er drei experimentelle Spielfilme: den Horrorfilm Sombre (1998), die tief pessimistische Osteuropa-Tragödie La vie nouvelle (2002) und das in einer zeitlosen Landschaft spielende Inzest-Drama Un Lac (2008). Diese drei Arbeiten werden der New French Extremity zugerechnet, einer Welle zumeist brutaler und emotional niederschmetternder Filme, die wegen ihrer Körper-Faszination und ihrer oft haptischen Stilistik auch als cinéma du corps bezeichnet wird. In La vie nouvelle gelang Grandrieux in einer schockierenden Szene mit Negativ-Bildern die totale Dehumanisierung des menschlichen Körpers, in Un Lac vollbrachte er das Kunststück, aus unscharf gefilmten Händen mehr Grusel zu erzeugen, als es die meisten Horrorfilme mit ihren Monstern und Serienmördern je schaffen.

White Epilepsy zeigt nun die Körper eines Mannes und einer Frau – und zwar größtenteils im unheimlichen Grün des Nachtsichtmodus. Die Körper bewegen sich in Super-Zeitlupe – die Kamera hingegen bewegt sich im Vergleich zu Grandrieux’ vorherigen Filmen sehr wenig und arbeitet auch nur selten mit Unschärfen. Umso radikaler ist das Bildformat. Entgegen dem Trend zu immer breiteren Bildern setzt White Epilepsy auf ein Seitenverhältnis von etwa 9:16, was ungefähr der Form eines senkrecht stehenden Handys entspricht. Links und rechts bleibt die Leinwand vollkommen schwarz und wirkt so fast wie ein Triptychon.

Allerdings ist das Bild selbst auch extrem dunkel, die Waldnacht macht aus der Umgebung eine Art Black Cube, vor dessen Hintergrund sich die beiden Körper bewegen. Unendlich langsam erkunden sie einander, sie stürzt sich auf ihn, drückt ihn nieder, scheint mal mit ihm zu schlafen, mal ihm Schmerzen zuzufügen. Oft ist unklar, welche Körperteile, welche Handlungen aktuell zu sehen sind, ob es Sex ist oder Gewalt oder beides. Gerade aus dieser Ungewissheit zieht dieser erstaunlich unterhaltsame Film seine Spannung. Die eigene Fantasie ergänzt das Gesehene im Kopf zu einer logischen Abfolge und wird dabei immer wieder in die Irre geführt.

Diese Desorientierung gelingt Grandrieux, indem er den Raum geschickt fragmentiert, Körperteile mit dem Bildkader abschneidet, das Geschehen mit schwarzen Haaren verhüllt oder die Gesichter der Figuren von der Kamera abwendet. Besonders stark ist aber, wie er Köpfe – und einmal minutenlang sogar einen ganzen Körper – im Dunkel der Nacht versteckt.

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Körper ohne Köpfe, zum Buckel verformte Rücken, die unter der Haut hervorstechenden einzelnen Glieder der Wirbelsäule: Indem er Körperteile isoliert oder deformiert zeigt, erschafft Grandrieux neue, andersartige Anblicke des menschlichen Leibes. Als Zuschauer beginnt man den verstehen wollenden Blick abzuschalten und den Bildern nur noch sinnlich, ästhetisch zu folgen. So lassen sich in den ineinander verschlungenen Gliedmaßen amorphe Körperlandschaften entdecken. Wie bei einem umgekehrten Rorschachtest entsteht aus dem Konkreten etwas Abstraktes, Formloses.

Man muss diesen Blick erst erlernen, doch wenn man sich einmal von der Repräsentation gelöst hat, erweitert sich die visuelle Wahrnehmung. Es sind gerade der Minimalismus des Plots und die entschleunigten Bewegungen der Figuren, die diesen leicht entrückten Zustand ermöglichen. Je asketischer ein Film ist, desto intensiver nimmt man die kleinen Details wahr, die sonst im Sinnesrausch unterzugehen drohen. Wie sich bei Erblindeten das Gehör schärft, so schärft sich hier mangels Handlung der Blick für Formen, Farben und Texturen.

Doch kaum hat man sich in diesen Bewusstseins-Modus fallen lassen, reißt Grandrieux einen urplötzlich mit einem grandios vorbereiteten Schockmoment aus der cineastischen Meditation. Die Trance-Blase zerplatzt, das triebhafte Arsenal der New French Extremity – Eros und Thanatos – dringt mit Gewalt ein. Aus der ästhetisch-anatomischen Studie wird ein Horrorfilm, der im Zuschauer Angst vor dem nächsten Bild aufsteigen lässt. Die akustische Ebene legt von Beginn an die Grundlage für diesen Umschwung mit ihrer verzerrten, düsteren Waldnacht-Geräuschkulisse (knackende Äste, krähende Vögel, dazu das raubtierartige Stöhnen und Fauchen der zwei Körper).

Grandrieux hat seine zuvor schon avantgardistische Arbeitsweise noch einmal radikalisiert – ein Plot existiert hier kaum, die Form ist alles. Was die griechische Tragikomödie Attenberg (2010) in einzelnen Momenten wagt, dehnt der Franzose auf Spielfilmlänge aus: Die Auflösung natürlicher Körperformen steht im Zentrum von White Epilepsy. Um nicht von diesem Konzept abzulenken, lässt Grandrieux die dargestellte Gewalt von der Frau ausgehen und macht den Mann zum Opfer – wäre es andersherum, würde man dem Geschehen mit einem unwohlen Gefühl, einem politisierten Blick folgen und sich eher auf die Handlung als auf das Stilistische konzentrieren.

Grandrieux’ neuem Film liegt eine ganz simple Idee zugrunde: das Studieren menschlicher Anatomie. Doch wie er dabei nicht nur neue Bilder findet, sondern auch einen neuen Blick etabliert, ist zutiefst beeindruckend. White Epilepsy wirkt bei flüchtigem, rasch urteilendem Hinsehen wie eine jener musealen Video-Installationen, an denen man achtlos vorbeigeht. Vielleicht sollten wir dort öfter stehen bleiben und unseren Körper verrenken, um eine neue Perspektive auf die Welt zu gewinnen.

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