Vitus
Erzählt wird die Geschichte eines Wunderkindes, das lieber den ganzen Tag träumend und fliegend verbringen möchte, als genial sein zu müssen. Ein vermeintlich oft gesehener Plot auf sehr poetische Weise erzählt.

Vitus, der Titel des Films, ist zugleich der Name seines außergewöhnlich hoch begabten Protagonisten, eines Jungen von sechs Jahren (Fabrizio Borsani). Bereits im Kindergarten interessieren ihn die Bände des Brockhaus mehr als die Spiele der Erzieherin. Auch später in der Schule ist er von den Fragen seiner Lehrer unterfordert und begehrt so manches Mal gegen diese auf. Denn es ist ihm ein Leichtes, sie mit Fangfragen in die Enge zu treiben und so seinen Rauswurf zu provozieren. Dann hat er endlich seine Ruhe und kann sich ganz seiner Leidenschaft widmen: dem Klavierspiel. Bereits nach wenigen Übungsstunden klimpert Vitus Schumann, als wäre dies eine Leichtigkeit. Für seine Mutter (Julika Jenkins) ist beizeiten klar, ihr Vitus wird eines Tages ein Starpianist sein. Dafür gibt sie Job sowie Privatleben auf und widmet sich ganz der Karriere ihres Sohnes. Doch sie hat die Rechnung ohne Vitus gemacht. Denn dieser verbringt seine Zeit lieber mit Bastelarbeiten und Träumereien auf dem Land beim Großvater (Bruno Ganz), als dass er sich zum Genialsein zwingen ließe. Um den autoritären Erwartungen der Mutter zu entfliehen, entscheidet sich Vitus (als Zwölfjähriger nun von Teo Gheorghiu gespielt) für den Sprung vom Balkon. Er überlebt, doch seine erstaunlichen Begabungen scheint er danach verloren zu haben.

Geschichten über hochbegabte Kinder, die an ihrer Gabe scheitern, da sie ihnen ihre Kindheit raubt, gibt es in der Filmgeschichte bereits in Unmengen. Als bekanntestes Beispiel kann hierfür Wunderkind Tate (Little Man Tate, 1991), von und mit Jodie Foster, angeführt werden. Auch das Geschehen in Vitus läuft anfangs recht unspektakulär die einzelnen Stationen jener klassischen Figurenentwicklung ab: die Entdeckung des überdurchschnittlichen Talents, die Begeisterung der Eltern und die zu hohen Erwartungen, die von da an entstehen. Es folgt gewöhnlich die Verweigerung seitens des Kindes, das lieber mit Freunden rumhängt, anstatt die verpatzten Träume seiner Eltern zu verwirklichen. Die vorhersehbare Eskalation leitet meist eine Wandlung der Figuren und der Geschichte ein. Fredi M. Murer begibt sich ab der Mitte des Films auf Abwege der tradierten Geniegeschichtserzählung und gibt ihr eine unerwartete Richtung.
Der Tod des geliebten Großvaters bringt Vitus dazu, seine Verstocktheit aufzugeben und die Familie vor dem Ruin zu bewahren. Denn in Murers zeitgemäßer Wunderkindversion spielt der Protagonist nicht nur fehlerfrei Klavier und ist Klassenbester, sondern versteht es ebenso, gewandt an der Börse zu spekulieren und Konzerne aufzukaufen. Dass diese etwas abgehobene Geschichte auf der Leinwand trotzdem funktioniert und an keiner Stelle exaltiert und irreal plump wirkt, ist vor allem der Leistung der Schauspieler zu verdanken.

Neben der beständigen Glanzleistung von Bruno Ganz und der authentisch hochmütigen Julika Jenkins als Vitus’ Mutter ist insbesondere das Debüt des jungen Teo Gheorghiu anzuführen. Auch im wahren Leben reich mit Talent beschenkt, spielt er hier die Figur des Vitus mit einer überzeugenden Mischung aus kindlicher Naivität und stoischem Kalkül. Dessen lausbübische Hartnäckigkeit und charmante Art, seinen Willen bei jedermann durchzusetzen, ziehen über die gesamte Länge des Films in den Bann, so dass trotz überharmonischem Schluss die Sympathie zu der Figur stets die Oberhand behält. Insbesondere Szenen wie Vitus’ unvermittelter Heiratsantrag an seine frühere Babysitterin, die er in einem Luxusrestaurant argumentativ von den Vorzügen einer Ehe mit einem wesentlich jüngeren Mann zu überzeugen versucht, oder das geheime Ausleben gemeinsamer Träume mit dem Großvater, der an Vitus’ Seite wieder zum Kind wird, verwandeln die etwas abgenutzte Thematik in eine überraschend individuell und poetisch erzählte Geschichte einer Familie, die auf ganz banal menschlicher Ebene berührt und überzeugt.
Filmkritik von Andrea Wildt
Veröffentlicht am 22.11.2006
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Film-Angaben
Titel: Vitus
Schweiz 2006
Laufzeit: 122 Minuten
Regie: Fredi M. Murer
Drehbuch: Peter Luisi, Fredi M. Murer, Lukas B. Suter
Produktion: Christian Davi, Christof Neracher, Fredi M. Murer
Darsteller: Fabrizio Borsani, Teo Gheorghiu, Julika Jenkins, Urs Jucker, Bruno Ganz
Kinostart: 21.12.2006
DVD-Angaben
Titel: Vitus
Vertrieb: Indigo
Bild: 2,35:1, 16:9
Sprache(n): Deutsch (DD 5.1, DTS 5.1), Französisch (DD 5.1)
Untertitel: Deutsch
Altersfreigabe: ohne Altersbeschränkung
Spieldauer: 122 Minuten
Extras: Making-Of „Die Vitusmacher“ (Dokumentarfilm von Rolf Lyssy, 53 min.); Interview mit Bruno Ganz; Original Castingvideo von Teo Gheorghiu; entfallene Szenen
Verleih ab: k.A.
Verkauf ab: 09.11.2007
Copyright Vitus
Fotos: © Schwarz Weiss Filmverleih
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