Vinyan

Vinyan wirkt verstörend, was dem Regisseur Fabrice Du Welz nicht mittels plumper Effekthascherei, sondern durch die dunkle Schönheit seiner Bilder, die auf eindrucksvolle Weise das Drama einer Mutter schildern, gelingt.

Vinyan

Meeresrauschen, dumpfe Schreie und blutrot gefärbtes Wasser eröffnen Fabrice Du Welz’ Zweitwerk Vinyan, mit dem er sich anschickt, die fiktive Geschichte des englischen Ehepaares Jeanne (Emanuelle Béart) und Paul Belhmer (Rufus Sewell) zu erzählen, deren Sohn Joshua (Borhan Du Welz) seit dem verheerenden Tsunami im Jahre 2004 in Thailand als vermisst gilt. Geleitet von trügerischen Hinweisen und der verzweifelten Hoffnung ihr Kind doch noch lebend zu finden, begeben die beiden sich mit Hilfe der Triade auf eine Reise nach Burma. Diese entwickelt sich, anders als anfänglich zu vermuten, nicht nur zu einer Reise in eine fremde Kultur, sondern auch in eine mystische Traumwelt und die Abgründe der eigenen Psyche.

Die Konfrontation mit den Abgründen der menschlichen Natur setzt im Kino schon immer auch auf herausragende schauspielerische Leistungen. Emmanuelle Béart, kommt in ihrem mitreißenden Spiel einer Mutter, die ihr Kind nicht aufgeben will, so nahe wie nur irgend möglich. Ebenso wie Béarts Leistung verhilft die ganz eigene Bildsprache dem Film zu seinen überzeugendsten Momenten. Wenn beispielsweise Jeanne auf der verzweifelten Suche nach dem Triadenmitglied Thaksin Gao (Petch Osanthanugrah) einen thailändischen Markt durchforstet, nimmt die Kamera ihre Perspektive ein und wendet sich ständig in neue Richtungen. Dabei entsteht einerseits die pure und gleichzeitig einnehmende Ästhetik eines verwackelten Urlaubsvideos, und andererseits wird – auch durch die teils extrem übersättigten Rot- und Grüntöne – die zerrüttete Psyche einer Mutter evoziert, die nicht weiß, wie sie ihren Schmerz in einem vom Elend geprägten Umfeld mitteilen soll. 

Vinyan

Die Poesie der von Benoît Debies Kamera produzierten Bilder verfolgt zweierlei Ziele. Zum einen lässt sie wie in der Literatur der Surrealisten die Grenzen zwischen Realität und Traum verschwimmen – etwa als bei einem Ritual den Vinyan, verwirrten Geistern von grausam zu Tode gekommenen Menschen, durch aufsteigende Lampions der Weg ins Jenseits gezeigt werden soll. Zum anderen spiegelt sich Jeannes zunehmende Verwirrung in der sie umgebenden Natur wieder. Mit fortschreitender und gleichzeitig immer verstörenderer Handlung, wird auch die Natur immer unwirtlicher und wilder. Regenstürme, Schlamm und undurchdringliche Mangrovenwälder werden – gegensätzlich zur Marktszene zu Beginn des Films – in stark entsättigten Bildern gezeigt, welche die Bühne für Jeannes sich anbahnenden Wahnsinn bieten. 

Im Verlauf der Irrfahrt durch die burmesische Natur wird zunehmend klar, wie sich Joshua, gerade weil er abwesend ist, zwischen seine Eltern drängt. Dies verdeutlicht auch eine Sexszene, die die nunmehr asexuelle Beziehung von Jeanne zu Paul zeigt, der für sie mehr und mehr zum Hindernis wird. Doch nicht nur der ödipale Zwiestreit steht zwischen Paul und Jeanne, sondern auch ein Kampf zwischen Intuition und Ratio. Hier drängt sich förmlich der Vergleich mit Lars von Triers Antichrist(2009), Horrorfilm und Psychodrama zugleich, auf. Auch wenn die Parallelen des Plots frappierend sind, kokettiert Vinyan keineswegs so stark mit dem Horrorgenre wie Antichrist und sollte auch nicht leichtfertig in dieser Schublade abgelegt werden. Leider legt das durch den Verleih lancierte Marketing solcherlei Assoziationen nahe. Gerade das Spiel zwischen den angesprochenen Genres ist es, was Vinyan ebenso wie Antichrist zu einer völlig neuen Erfahrung macht. 

Du Welz macht viele Anleihen beim klassischen Horrorkino, jedoch stets mit dem Ziel, damit die psychosomatischen Einblicke in Jeanne Belhmers Innenleben zu tragen. Einige sich rein selbstbezweckende Darstellungen von düster dreinblickenden Kindern weniger hätten hier dem Film sicher nicht geschadet, dennoch setzt Du Welz die wenigen bewussten Schockmomente effektiv und pointiert.

Vinyan

Was der Regisseur scheinbar ebenfalls mit Lars von Trier teilt, ist eine Vorliebe zur andeutenden Erzählweise. Die dabei präsentierten Interpretationsansätze werden aber häufig nicht zu Ende geführt. So verrät der Film beispielsweise nicht, warum die beiden thailändischen Begleiter der Belhmers in einem verlassenen burmesischen Dorf einem weisen Jungen begegnen und dieses Ereignis wie beiläufig im Strudel der immer surrealer werdenden Vorkommnisse verschwindet. Gerade solche scheinbar verwirrenden Andeutungen sind es aber auch, die den Zuschauer so nahe wie möglich an Jeanne Belhmers Psyche heranführen.

Der eingangs eröffnete akustische und visuelle Bogen findet schließlich am Ende des Filmes seine abschließende Entsprechung. Fabrice Du Welz findet den richtigen Ton, sowohl für die öffentliche, als auch für die private Katastrophe.

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Kommentare


Gast

So ein Bruch!
Menschenfeind war 10x besser...

noch nie einen schlechteren Film gesehen.
Das ende grenzt an Kinderpornografie.
Wie kann man Kinder dazu zwingen eine nackte Frau unsittlich zu befummeln.

***
Ihr widert mich an *rrrt pfuuuuii*


flitzfitz

Der Film ist leider eine Enttäuschung. Eine ins Absurde schlitternde Handlung gepaart mit einigen grotesken Schockmomenten in einer furchteinflößenden Natur. Weder das Leid der Mutter noch der Konflikt zum Ehemann werden gekonnt dargestellt. Überall wimmelt es ohne Erklärung von verstörten Zombiekindern. Viel Effekthascherei.


ule

Dieser Idiot von einem Regisseur teilt nichts, aber auch gar nichts mit Lars von Trier, lieber Tim. Aber offensichtlich hat dieser Stümper in Dir jemanden gefunden, der dem öden Gesuppe eines auf "hintergründig intelligent" getrimmten D-Movie-Schocker- Filmchen etwas abgewinnen kann. Das erinnert mich dann doch an Texte von Peter Maffay oder Bob Dylan, in die ja auch eine Menge hinein interpretiert wird, obwohl da nichts ist, gar nichts. Da kommt auch nichts mehr hinzu, wenn wie in diesem lächerliche Film Kids Erwachsene befummeln müssen. Was für ein Schocker... oh mei und ja, Lars von Trier, na klar ;-)


Leander

Offensichtlich erzielte der Film die gewünschte Wirkung und hat ihre Urängste wachgekitzelt, geschätzte Herren der Schöpfung :-)

Ich hab den Film vor einer Weile im Fernsehen gesehen und finde, die Kritik trifft es ziemlich gut. Für mich stellt der Film auf experimentelle, symbolische Art die Natur, in ihrem Wesen nihilistisch und unpersönlich, der menschlichen Hybris gegenüber, was auch die zwei unterschiedlichen Texteinblendungen am Anfang und Ende verdeutlichen. (Schwarz auf Weiss und Weiss auf Schwarz). Natürlich gewinnt am Ende die Natur.

Und zu den Kinderpornografie-Vorwürfen: Das ist ja sowas von lächerlich. Das ist natürlich ein Symbol für den Wahnsinn der Frau. Die Kinder, die dicht gedrängt um Sie herumstehen und ihren vom Schlamm bedeckten Oberkörper anfassen und streicheln, symbolisieren vermeintliche Geborgenheit. Wäre es ihnen lieber gewesen, wenn Sie Hand in Hand um Sie herumtanzen und singen: "Oh liebste Mutter, bei uns im Urwalde nun bist Du geborgen, tata tatü"?






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