Verbotene Filme

In Betonbunkern werden Filme der NS-Zeit vorm Feuer geschützt. Braucht die Gesellschaft noch Schutz vor ihnen?

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Der Mann kann seine Begeisterung kaum im Zaum halten. „Ganz toll“ sei es, wie der soeben gesehene Film Heimkehr (1941) „auf durchschnittliche, nicht zu dick aufgetragene Weise“ die polnische Kriegstreiberei und den Terror gegen die deutsche Minderheit am Vorabend des Zweiten Weltkriegs vorgeführt habe: Von einem deutschen Überfall auf Polen könne keine Rede sein. – Dasselbe Kino, eine andere Aufführung: Wieder ist dieser Zuschauer schwer angetan, diesmal von Wolfgang Liebeneiners Euthanasie-Film Ich klage an (1941), der seiner Meinung nach „die Grundfragen sehr gut behandele“ und in „jedem modernen Land“ spielen könne.

Ein schwarzes Schaf im aufgeklärten Publikum

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Die sogenannten Vorbehaltsfilme, jene circa 40 Werke aus der NS-Zeit, die bis heute nicht regulär aufgeführt werden dürfen, haben also noch echte Fans. Zweimal taucht dieser Herr in Felix Moellers Dokumentarfilm wie ein böser Geist unter lauter aufgeklärten und abwägenden Zuschauern auf und scheint die ungebrochen gefährliche Wirksamkeit der NS-Propagandafilme zu beweisen. Die Pointe aber ist: Der Kerl saß ja eben in einer von der Murnau-Stiftung genehmigten Rahmenveranstaltung – offensichtlich mit schon vorher fester Überzeugung, und offensichtlich trotz Einführungsvortrag und Anschlussdiskussion, wie sie bei diesen Aufführungen vorgeschrieben sind, unbelehrbar. Wenn auf irgendjemanden eine Freigabe dieser Filme keinen schädlichen Einfluss mehr haben könnte, dann auf ihn und seinesgleichen.

Ob und für wen diese Werke heute noch gefährlich sind, dieser Frage widmet sich Verbotene Filme und erzählt dabei eine kurze Geschichte des NS-Kinos und seiner Propagandastrategien von brachial bis subtil (mit einem kurzen, die thematische Gewichtung etwas verunklarenden Kapitel über die Korrumpierung der Filmstars Emil Jannings und Heinrich George). Moeller zeigt sowohl zahlreiche einschlägige Szenen aus den Filmen selbst – sodass man ihre Wirkung zumindest ausschnittweise an sich testen kann – als auch Vorführungen und Publikumsdiskussionen in Kinos in München, Paris und Jerusalem, beides flankiert von Talking-Heads-Interviews mit Filmwissenschaftlern, Filmemachern und Vertretern der Murnau-Stiftung und der FSK.

Sadistische Polen, tyrannische Väter

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Ist es nun gefährlich, Jud Süß (1940) zu sehen – oder gefährlicher, ihn nie gesehen zu haben und also nicht zu wissen, wie Propaganda funktionieren kann? So sieht es Filmemacher Oskar Roehler, zwischen einem aufklärerischen und einem ästhetizistischen Standpunkt oszillierend, während Veit Harlans Film und seine teuflisch gelungene Machart bei den meisten Befragten gerade am meisten Bedenken weckt. Dabei machen ein paar Ausschnitte aus Heimkehr deutlich, wie perfide auch dieser viel unbekanntere Film die Täter-Opfer-Rollen umkehrte. Von dramatischer Musik unterlegt, werden Deutsche von Polen entrechtet, gedemütigt, gesteinigt, ins Gefängnis geworfen: Der Film nimmt, wie Filmwissenschaftlerin und critic.de-Autorin Sonja M. Schultz kommentiert, spiegelbildlich alles vorweg, was die Deutschen später ihren Opfern antaten.

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Ein einigermaßen informierter Zuschauer wird dem kaum auf dem Leim gehen, ein ahnungsloser, ohnehin schon nach rechts driftender Jugendlicher aber vielleicht doch? Andere Filme variieren das Motiv von rebellischen Jungnazis, die gegen ihre SPD-Väter aufbegehren. Wenn Heinrich George in Hitlerjunge Quex (1933) als dicker Bärbeiß seinem Filius mit Ohrfeigen und Grölgesang die „Internationale“ eintrichtern will und dieser wacker mit dem HJ-Kampflied dagegenhält, ist das heute einerseits von grotesker Komik, andererseits aber durchaus plausibel, dass – wie die unvermeidlichen „Szeneaussteiger“ im Halbdunkel bekräftigen – solche archetypischen Coming-of-Age-Sujets auch bei zeitgenössischem rechtem Nachwuchs noch Anklang finden.

Ein Stapel Jud Süß bei Aldi an der Kasse

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Allerdings ist einer Verbreitung des Materials ohnehin kein Einhalt zu gebieten – wie kinderleicht es im Internetzeitalter zugänglich ist, bezeugt der Film, wenn er einen Ausschnitt aus Der Ewige Jude (1940) als YouTube-Clip zeigt. Bauchschmerzen bereitet eher die Vorstellung, welche konkreten Aufführsituationen und Erwerbsmöglichkeiten eine Freigabe schaffen würde. Wenn Moeller vom Jüdischen Zentrum München zum gegenüberliegenden Filmmuseum schneidet und anschließend eine Besucherin zeigt, die an der Kasse eine Karte für Jud Süß kauft, betont er suggestiv das Unbehagen, das einem beim Gedanken an diesen Film als Teil des Kinoalltags unwillkürlich überkommt. Grölende Nazihorden in den Sälen – womöglich noch in von rechten Betreibern kuratierten Filmreihen – scheinen den Befragten ebenso schwer erträglich wie ein Stapel Jud-Süß-DVDs bei Aldi an der Kasse. Ein anderes, weniger offen eingestandenes Problem ist der Akt der Freigabe als solcher, der ja irgendwann von irgendwem vollzogen werden müsste – und wer möchte schon, darauf weist FSK-Geschäftsführerin Christiane von Wahlert hin, dafür in die Schlagzeilen, Nazifilmen freie Fahrt zu geben?

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Ganz neutral ist Verbotene Filme nicht – die Platzierung und Gewichtung der Kommentare, etwa Götz Alys eindeutiges Schlussstatement, machen ihn zum vorsichtigen Plädoyer für eine Freigabe –, aber Moeller fächert umsichtig die Komplexität einer Frage auf, die ganz verschiedene Kategorien von der Kunstfreiheit über die Wirkungsforschung bis zur Sozialethik berührt und deren Beantwortung auch immer davon abhängt, wie weit man den Selbstregulierungskräften unserer Gesellschaft über den Weg traut. Daneben sensibilisiert er auch für den technisch schwierigen Umgang mit fragilem Filmmaterial, wenn er gleich in der Anfangsszene die klimatisierten Betonbunker des Bundesfilmarchivs in Hoppegarten zeigt, die fünf Tonnen Filmrollen – auch denen aus der NS-Zeit – Schutz gibt. Wie hochexplosiv Nitrozellulose ist, wurde in Inglourious Basterds (2009) eindrücklich vorgeführt. Die von Tarantino imaginierte Chance, mit den Filmen auch den Führer selbst in die Luft zu jagen, blieb historisch ungenutzt – zu Asche zerfallen könnte bei Unachtsamkeit nur noch das dunkle filmische Erbe selbst.

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