Trance

Hypnose, Heist und eine Intimvollrasur.

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Das Aktionsbild des Verbrechens, die Handlung im eigentlichen Sinne, wird noch in der Eingangs-Sequenz von Trance augenzwinkernd abgetan: Schnell geschnittene Bildfolgen präsentieren betont linear die Sicherheitsabläufe eines Gemälde-Auktionshauses im Falle eines Diebstahlversuchs, um dann eben einen solchen Raubüberfall direkt folgen zu lassen. Auktionator Simon (James McAvoy) wird dabei niedergeschlagen, ist aber, wie sich schnell herausstellt, selbst Teil des Verbrechens. Problem nun: Das geklaute Goya-Gemälde kam nie bei Bandenchef Franck (Vincent Cassel) an, Simon hat durch den Schlag einen Gedächtnisverlust erlitten und kann sich nicht mehr erinnern, was er mit dem Bild gemacht hat. Eine Hypnosebehandlung soll Abhilfe schaffen, die attraktive Therapeutin Elizabeth (Rosario Dawson) wird engagiert. Doch statt die Erinnerungslücken wieder mit unbewusstem Wissen zu füllen, ist die geheimnisvolle Schöne plötzlich Mittelpunkt einer sich unkontrolliert entfaltenden Dynamik aus Begierde, Betrug und der eigenen Vergangenheit.

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Boyle täuscht zu Beginn einen stringenten Heist-Thriller an, zieht dann aber gleich mehrfach doppelte Böden ein und suspendiert konsequent jegliche Plot-Linearität. Auslösendes Moment ist die Einführung der weiblichen Hauptfigur, die unverhofft flink vom Rand der Geschichte ins Zentrum der Erzählung rückt und diese sogleich aufzulösen beginnt. Die eben noch einsam weinende und bieder daherkommende Therapeutin, welche die Fäden zu Beginn scheinbar nur dank ihrer beruflichen Fähigkeiten in der Hand hält, entpuppt sich als kühl berechnende Femme fatale. Ihre Undurchschaubarkeit infiziert das gesamte Bilderspiel: Mit immer sporadischer werdenden Montage-Kodierungen von Ebenen-Übergängen entzieht Trance dem Zuschauer nach und nach die Kontrolle über die Abfolge des Gesehenen. Und nicht nur die sequenzielle Ordnung, auch beinahe jeder einzelne Frame wird trügerisch: In futuristischen Interieurs arbeitet Boyles langjähriger Kameramann Anthony Dod Mantle (der unter anderem auch eng mit der dänischen Dogma-Bewegung verbunden ist) immer wieder mit verzerrten Schräg-Ansichten und komplex aufgebauten Spiegel- und Glaskonstruktionen. Dunkle Settings und eine immer wieder einfallende neonfarbene Kontrastierung in Rot, Gelb, Lila oder Grün treiben den Neo-Noir-Style des Films auf die ästhetische Spitze.

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Im Unterschied zu verwandten Filmen aus dem Mindgame-Bereich – man denke etwa an Christopher Nolans Memento (2000) – visualisiert Boyle in Trance nicht nur ein dysfunktionales, subjektives Erinnerungsvermögen, sondern forciert zusätzlich den Blick auf dessen (pseudo-)klinische Behandlung. Ergebnis ist eine Multiperspektivierung, die durch die Tatsache, dass sich auch die übrigen Gang-Mitglieder einer Hypnosebehandlung unterziehen, noch intensiviert wird. Das Motiv der singulären Rekonstruktion des unter einer psychopathologischen Störung leidenden Protagonisten wird radikal vervielfacht. Die Amnesie Simons wird zu einer Art Projektions-Container, der unablässig mit nicht zuzuordnenden Vorstellungs- und Erinnerungsbildern gespeist wird und ebensolche auch wieder ausspeit. Die psychische Unkontrollierbarkeit von Bildlichkeit ist formales (Nicht-)Prinzip: Dem clean Durchkonstruierten des Nolan-Films entgegnet Trance mit einem unbeherrschten und unbeherrschbaren Bilderstrom. Aufseiten des Zuschauers darf intensiv gepuzzelt werden: Immer wieder biegt Trance nochmal um eine weitere Ecke ab, verstrickt sich dabei aber nicht in Ungereimtheiten – auch weil man zu keinem Zeitpunkt das Gefühl hat, dass das Ganze auf eine lineare Logik oder den einen entscheidenden Clou hinauslaufen soll. Diese potenzielle Offenheit, die Kontingenz des freien Spiels bestätigt sich dann auch im zwar doch noch auftauchenden, in seiner symbolischen Lächerlichkeit aber kaum zu überbietenden neuralgischen Punkt des Films, der den Protagonisten doch noch auf die entscheidende Fährte lockt: Es ist die mit Goya geteilte Vorliebe für die weibliche Intimvollrasur.

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