Thomas Harlan – Wandersplitter

Er hat den eigenen Vater geliebt und doch bekämpfen müssen. Thomas Harlan ist der Sohn des Jud Süß-Regisseurs Veit Harlan. Er ist noch vieles mehr – vor allem ein wunderbarer Geschichtenerzähler, dem dieser Film beim Erinnern zusieht.

Thomas Harlan – Wandersplitter

Hartnäckige, eigenwillige und auch schmerzhafte Vergangenheitssplitter dieser nie ganz zu fassenden deutschen Krankheit, des Nationalsozialismus, begleiten Thomas Harlan durch sein Leben. 1929 geboren, war er, wie die meisten in dem Alter, ein Nazikind – noch dazu ein privilegiertes, dem Goebbels eine Spielzeugeisenbahn schenkte und das einmal Hitler bei Tisch lauschen durfte. Nach dem verlorenen Krieg wurde Vater Veit Harlan als einziger deutscher Künstler wegen „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“ angeklagt. Dessen handwerklich perfekter und hochwirksamer Hetzfilm Jud Süß (1940) war den Einsatzkommandos in Osteuropa vor ihren Erschießungsaktionen ebenso vorgeführt worden wie Wachmannschaften in den Konzentrationslagern: ein psychologischer Wegbereiter des Holocaust. Veit Harlan jedoch wurde in zwei Prozessen freigesprochen – von einem Richter, der ehemals selbst dem NS-Regime gedient und an einem der „Sondergerichte“ Todesurteile verhängt hatte. So konnte der Regisseur des „Dritten Reichs“ auch in der Bundesrepublik weiterhin Filme drehen; einige seiner Werke finden sich bis heute in den öffentlich-rechtlichen Programmen.

Thomas Harlan – Wandersplitter

Was tut ein junger Mann, der erkennt, dass sich der heiß geliebte Vater für Propaganda hergegeben und diese gezielte geistige Mobilmachung bis kurz vor seinem Tode niemals kritisch gesehen hat? Was empfindet einer, der miterlebt, wie gut der Zusammenhalt der ehemaligen NS-Eliten auch nach dem Krieg noch funktioniert? Thomas Harlan ging auf die andere Seite, wurde links, kommunistisch und – zur Hälfte durch Zufall, zur Hälfte aus Zwang – zum privaten Verfolger von Kriegsverbrechern. Aus polnischen Archiven lieferte er Beweise gegen rund 2000 NS-Täter, die unbehelligt in Westdeutschland lebten. Beim Stöbern in den Akten, so Harlan, „eröffnete sich ein ganzes Vaterland“. Seine Aktivitäten brachten ihm eine Anzeige wegen Landesverrats ein und verschlangen Jahre seines Lebens, bis er irgendwann von selbst diese schreckliche wie schrecklich nötige Arbeit abbrechen musste, „um nicht im Sumpf unterzugehen“.

Doch Thomas Harlan verfügt nicht nur über einen bohrenden Gerechtigkeitssinn, sondern auch über ein großes Erlebnis- und Erzähltalent. Er reiste viel, hauste mit Klaus Kinski unter Pariser Brücken und fuhr mit falschem Pass nach Israel, er lebte in Künstlerkreisen, schrieb Bücher, Theaterstücke und drehte Filme. Er hatte, was man wohl ein wildes, neugieriges Leben nennen kann. All das merkt man dem Mann mit dem weißen Haarschopf, dem zerknautschten Gesicht und dem unterdrückten schweren Atem an, den die Dokumentaristen Christoph Hübner und Gabriele Voss für zahlreiche Drehtermine in einem süddeutschen Lungensanatorium besucht haben. Die beiden Filmemacher haben sich für Thomas Harlan – Wandersplitter ganz aufs Zuhören eingelassen und sich für eine schnörkellose Talking Head-Perspektive entschieden, bei der die Kamera unbewegt und sehr dicht an Harlans Gesicht bleibt. Als Zuschauer gerät man schnell in den Erzählsog und ist beeindruckt von dem, was hier einer erlebt, immer wieder durchdacht und mit sich herumgetragen hat – und wie leicht er das mit ganz präzisen Formulierungen vor dem inneren Auge lebendig werden lässt.

Thomas Harlan – Wandersplitter

Die einzelnen Episoden sind dabei selbst „Wandersplitter“, die ein Eigenleben führen und unterschiedlich nachwirken: etwa die Erinnerung an eine geheimnisvolle Entführung in Russland oder das Sterben Veit Harlans in den Armen des Sohnes, der den Vater ein Leben lang anprangerte. Um der Fülle der Erinnerungen gerecht zu werden, haben sich Hübner und Voss für eine flexible Form der Vorführung entschieden. Thomas Harlan – Wandersplitter kann in den Kinos regulär als 96-Minuten-Version gezeigt werden. Den jeweiligen Veranstaltern steht es aber auch frei, bei Bedarf und Interesse des Publikums weitere der Kurzkapitel anzuhängen und – idealerweise – ein Gespräch über das Gesehene in Gang zu setzen: Das digitale Format macht es möglich. Es lohnt also diesmal besonders, nach Aufführungen in Anwesenheit der Filmemacher Ausschau zu halten. Zeitgleich zur Leinwandfassung erscheint eine DVD mit über vier Stunden Material, die unter anderem Ausschnitte aus Thomas Harlans kontroverser Arbeit Wundkanal (1985) enthält, einer kruden, wütenden Anklage gegen einen ehemaligen hochrangigen SS-Mann und Massenmörder, der sich vor Harlans Kamera selbst spielt – ein explosives Gemisch aus Dokument und Fiktion.

In Wandersplitter funktioniert der Dokumentarfilm ganz klassisch als Medium, das nicht viel mehr tun muss, als aufzuzeichnen. Dem Menschen Thomas Harlan zuzuhören, ist eine kleine Entdeckung: von Lebensgeschichten, von deutschen Geschichten und von Poesie.

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