The Square

Ein adretter Mann aus Schwedens bürgerlicher Mitte düst in einem Moralparcours herum – und Ruben Östlund hätte ganz gern eins auf die Fresse.

The Square  3

Zu den unzähligen Fragen über den aktuellen Entwicklungszustand der (westlichen) Gesellschaft, die Ruben Östlunds The Square eher auf- als anreißt, gesellt sich die nach dem Status und dem Wert der Kunst von heute – nach dem State of the Art schlechthin. Wo verlaufen die Grenzen zwischen Kunst und Nicht-Kunst; wo, wie und mit welchen Konsequenzen finden zwischen den Sphären Transfers statt? Wird eine stinknormale Handtasche, so die Frage, mit der dieser Film beginnt, schon dadurch Kunst, dass man sie in einem Ausstellungsraum platziert? Welche Halbwertszeiten haben Kunstwerke? Welche Gesetze werden in ihnen formuliert, exekutiert, gebrochen, reformuliert, abgeschafft? Klar, große, heikle, irgendwie auch langweilige Fragen. Aber es hilft nichts – man muss sich wohl an ihnen totbeißen, will man wenigstens ansatzweise zum Selbstverhältnis dieses äußerst schwierigen, unerträglich arroganten und obergescheiten, zuweilen dann aber doch auch sehr starken Films durchstoßen.

Fresst die Scheiße, die ihr produziert!

The Square  2

Christian (Claes Bang) ist Chefkurator in einem Stockholmer Kunstmuseum, er trägt eine rote Brille, einen nach beiden Seiten fallenden Schal, gut sitzende Hemden. Er ist schreckhaft, verkopft, selbstverliebt und egoistisch. An die Kunst glaubt er dann, wenn sie ihn selbst nicht betrifft. Bevor er Reden schwingt, übt er vor dem Spiegel, spontan zu sein. Wenn er besoffen ist, wird er vor demselben Spiegel zum autoerotisch angeturnten Supermacho. Christian vor dem Spiegel – das sind die Szenen, die Östlund am meisten genießt; es sind die Szenen, in denen er seine Karten ganz offen auf den Tisch legt. Den Spiegel vorhalten – das ist es, was er will, was er sich anmaßt, wofür er das Kino in die Pflicht nimmt. Östlund ist ein selbstgekröntes Großmaul, ein Erziehertyp. Um selbst hinter dem Spiegel, als den er die Leinwand denkt, hervorzukommen, dafür ist er sich zu schade. Aus der Distanz ist es leicht, Grenzen zu sprengen. Sich selbst schmutzig zu machen, kommt nicht in Frage.

Christian ist keine Figur, sondern ein Typus, ein Modell. An ihm soll etwas exemplifiziert werden, an seinen Reaktionsweisen, an den Peinlichkeiten, an der Scham, an den Neurosen, an der Auf- und Angegeiltheit. Aber was? Nun, das ist unser Brei. Östlund baut die Versuchsanordnung, die Kaninchen können dann die anderen sein. Er will uns glauben machen, hier ginge es um Moral, um das, was sie in ihrer tiefsten Schicht bestimmt und zugleich ins Schleudern bringt; er will große entlarvende Manöver starten, er will uns verunsichern, er will Selbstekel provozieren. Ja, er will, dass wir uns im Müll suhlen – genau das macht Christian gegen Ende des Films, bevor ihm von seinem Regisseur wieder ein bisschen Rehabilitierung vergönnt wird. Fresst die Scheiße, die ihr produziert!

Die Moral als Artefakt

The Square  4

Das ausgestellte Problem des Films: Christian werden auf dem Museumsplatz Handy und Portemonnaie geklaut. Über GPS trackt er das Gebäude, in dem die Diebe wohnen – ein Plattenbau am Stadtrand, den man nur durch eine sehr lange Tunnelfahrt erreicht. Um das Entwendete wiederzubekommen, wirft er in jeden Briefkasten ein Drohschreiben mit der Aufforderung, die Sachen zurückzugeben. Das klappt auch. Dumm nur, dass durch die Aktion auch Unschuldige terrorisiert wurden. Gleichzeitig startet eine Werbefirma eine ultradiskriminierende Kampagne für die neue Ausstellung zum Thema Moral. Christian kriegt mit voller Breitseite an gleich zwei Fronten auf die Fresse. Das schicke, kunstbourgeoise Leben wird rissig, das weiße Hemd eingesaut. The Square ist kein Film, der direkte Adressierungen vornimmt. Er hat nichts von einer Was-würdest-du-tun?-Rhetorik, auf die es andere moralische Versuchsanordnungen anlegen würden. Dieser Film ist völlig in sich selbst verschlossen; er will Spiegel sein, nicht zum Gespräch einladen. Die Art und Weise, wie bei ihm die Moral auf dem Spiel steht, hat einen Nimm-und-Friss-Charakter, genau jenen Charakter, über den er sich lustig macht (beziehungsweise – das scheint eher der Gestus – jederzeit lustig machen könnte), wenn er die amorphen Artefakte in den Ausstellungsräumen des X-Royal Museums abfilmt. In The Square ist die Moral eine leere Erfahrung, eine bloße Oberfläche, ein Exponat.

Zwischen Kunst und Mensch

Was richtig ist und was falsch, ist Östlund völlig Wurst; handlungsbezogene Fragen zu Ethik und Gesellschaft werden in The Square nur zum Schein gestellt. Wer denkt, in diesem Film ginge es um die große Frage nach der Verantwortung zwischen den Menschen, sitzt einem Täuschungsmanöver auf. Wenn es überhaupt um Verantwortung geht, dann um die Verantwortungslosigkeit der Kunst und um die Verantwortungslosigkeit gegenüber der Kunst. Zwischen Kunst und Mensch sind alle Verbindungen gekappt – genau das diagnostiziert Östlund, und er tut das deshalb, weil er sich das wünscht. Einmal – und es ist, zugegeben, eine tolle Szene – gibt ein Künstler eine Performance bei einem Galadinner: Wie ein Gorilla springt er durch den Saal, betatscht das Publikum, legt ihnen Servietten auf den Kopf. Dann brüllt und stampft er, er wird aggressiv, wird handgreiflich, reißt eine junge Frau vom Stuhl, zerrt sie über den Boden. Das geht zu weit: Der Gorilla wird verdroschen. Das ist es, was Östlund will. Auf seine Zuschauer gibt er einen feuchten Dreck. Er will uns – denn das ist die Kunst in seiner Fantasie – an den Haaren über den Boden schleifen, er will nicht mit uns reden, er will uns provozieren. Und der allerfeuchteste seiner Träume – und den will ich ihm nicht erfüllen – ist, dass wir nach vorne rennen und ihn verdreschen, dass wir die Leinwand bekämpfen und geschlossen auf sie einprügeln. Hach, das wäre doch mal Kunst.

Trailer zu „The Square“


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