The Place Beyond the Pines

Derek Cianfrance spricht die Vergangenheit heilig und wirft ein fahles, fades Licht auf die Gegenwart.

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Beginnen wir beim Titel: „Ort jenseits der Pinien“ ist die Übersetzung von Schenectady, dem aus dem Irokesischen stammenden Namen einer Kleinstadt im Bundesstaat New York, in der Derek Cianfrance (Blue Valentine, 2010) seine breit angelegte Erzählung über zwei Väter und ihre Söhne ersinnt. Schon mit diesem Titel ahnt man, worum es in The Place Beyond the Pines geht, nämlich um Vergangenheit und vielmehr noch um den Mythos, der sich aus ihr in die Gegenwart rettet. Was vom Ödipus übrig bleibt, das ist freilich nicht der Vatermord, geschweige denn der Inzest, es ist der Fluch, der durch die Schuld der Väter auf den Söhnen lastet, und es ist das Rätsel, das sie ihnen hinterlassen – wer diese Väter tatsächlich sind und waren. Zugegeben: Diese fossilen Spuren antiker Erzählungen sind gewiss nicht die prägnantesten, erst recht nicht die einzigen in einem Film, der an einigen Stellen sehr modernistisch erscheint. Folgt man ihnen dennoch, so lässt sich zumindest der Modus begreifen, in dem diese Geschichte erzählt wird: das Drama, das die Vergangenheit für die Gegenwart bereithält, die Konstellationen von Familien, Freunden und Feinden als lose Fäden, die sich immer enger schnüren, und die desaströsen Erkenntnisse, auf die die Figuren nichtsahnend und schicksalhaft entgegensteuern.

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Schon die Inszenierungsweise, mit der dieser Film beginnt, hält den mythischen Determinismus bereit. Luke (Ryan Gosling) geht in einer heruntergekommenen Bretterbude auf und ab, in seiner Hand schwingt er ein Klappmesser. Mit nacktem Oberkörper verlässt er den Raum und bewegt sich zügig durch das Getümmel eines Jahrmarkts, vorbei an den Leuchtorgien der Fahrgeschäfte, die eine geradezu mysteriöse Fröhlichkeit behaupten – die Kamera immer dichter hinter ihm. Vor einer jubelnden Menschenmenge geht er auf ein Motorrad zu, und für einen flüchtigen Augenblick sehen wir erstmals sein Gesicht, als hätte die Kamera ihn überlistet. Aber sofort verbirgt er es wieder unter seinem Helm. Natürlich: Diese Tuchfühlung macht ihn zum Fetisch, sowohl Luke als auch Gosling, aber sie verklärt ihn auch zu einer Art Schattenwesen. Seine stoische Ausdrucksverweigerung und die amateurhaften Tattoos tun ihr Übriges und künden schon von einem unheilbaren Riss, der zwischen ihm und der Welt klafft. Sein Habitus, dem die Kamera geradezu hörig ist, folgt jenem Weich-Hart-Paradigma, das Gosling spätestens mit Drive (2011) auf die Spitze trieb.

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In seiner epischen Anlage erscheint The Place Beyond the Pines streckenweise wie eine postmoderne Neuauflage von Les Misérables. Jean Valjean, der in Hugos Werk Brot für arme Kinder stiehlt, wird hier zum mitgenommenen Bankräuber, der Verantwortung für seinen Sohn übernehmen möchte. Dabei ist Lukes Geschichte noch die überzeugendste und eindrucksvollste, vermittelt durch die innere Zerrissenheit dieser Figur, das kühle Pathos, das Ryan Gosling verströmt, wenn er fürsorglich seinen Sohn in den Armen wiegt, und den hemmungslosen und aggressiven Exzess, wenn er die Angestellten einer Bank mit versagender Stimme anbrüllt: „Let me hear you fucking pray!“ Aufgebaut als Triptychon und damit wiederum bezugnehmend auf Darstellungsgebräuche vergangener Zeiten ist die Struktur aber letztlich interessanter als ihre erzählerische Ausstaffierung. Im zweiten Drittel erzählt Cianfrance, stilistisch zunehmend ambitionsloser, vom ehrgeizigen Polizisten Avery (Bradley Cooper), der Luke zu fassen kriegt, frenetisch als American Hero gefeiert wird und gleichzeitig selbst immer tiefer hineingerät in die Konspirationen seiner korrupten Polizeikollegen. Sein institutioneller Gerechtigkeitssinn provoziert schließlich auch das melodramatische Dilemma, das Cianfrance hier durchaus in erprobter Tradition nachempfindet.

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Es ist ein flüchtiger Moment, in dem sich die beiden Männer ein einziges Mal begegnen. Cianfrance gestaltet ihn bewusst so, dass sich die Ereignisse und Blicke nicht mehr in eine aktional-reaktionale Abfolge fügen. Was hier zu verhandeln, auszusprechen versäumt wurde, wird 15 Jahre später zur Mission der Söhne. Dies ist das dritte Kapitel, das Cianfrance in einer seltsamen und leider ziemlich übersättigten Mischung aus Teenagerdrama und Symbolfetischismus arrangiert. Diese beiden Söhne sind mehr tendenziöse Konstruktionen denn psychisch wundgeschürfte Jugendliche; schlampig ausgemalte Skizzen, die die Väter umrissen haben. In diesem Vorgehen zeigt sich letztlich, wie einfach es sich Cianfrance mit der Vergangenheit macht. Mythos und Melodrama, das sind hier einzig die Methoden, nach denen sie sich in letztlich doch recht konservative Register ordnen lässt. Doch so notwendig sie für die klassische Tragik sein mögen, so werden sie doch zur paranoiden Kindersicherung, wenn es darum geht, über die Gegenwart nachzudenken. Heilige Vergangenheit und obligater Determinismus entsaften The Place Beyond the Pines von allem Modernen, und wenn sie nach zähem dramaturgischen Hin-und-Her-Geschiebe endlich auf die abschätzbare Frage von Abdrücken oder Lebenlassen hinauslaufen, hat diese Frage längst aufgehört zu interessieren.

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Kommentare


bruckner

Mir scheint die These, die Cianfrances mit seinem Film verficht, ja prinzipiell eine, die sich gegen die Moderne richtet. Das allerdings mit sehr modernen Bildern. Auf alle Fälle spannend.






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