Die Verführten

Endlich mal wieder richtig rausputzen: Ein verletzter feindlicher Soldat bringt in Sofia Coppolas neuem Film die sexuell ausgehungerten Bewohnerinnen einer Mädchenschule gegeneinander auf.

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Ein schattiger Märchenwald irgendwo in den Südstaaten. Bis auf die wenigen Bewohnerinnen einer Mädchenschule ist hier weit und breit keine Menschenseele zu sehen. Die Kamera bleibt auf Distanz, zeigt die jungen Frauen beim Pilzesuchen oder Verrichten der Gartenarbeit und lässt sie dabei beinahe in der Southern-Gothic-Kulisse verschwinden. In diese Parallelwelt dringt nun der amerikanische Bürgerkrieg, personifiziert durch einen verwundeten Soldaten der verhassten Yankees. Und obwohl die Damen John (Colin Farrell) aufnehmen und seine Wunden pflegen, begegnen sie ihm doch mit demonstrativer Verachtung. Zumindest versuchen sie es. Denn durch die Ankunft eines kernigen Mannsbilds wird auch ein lange unterdrücktes sexuelles Verlangen geweckt. Schulleiterin Martha (Nicole Kidman) beansprucht den Fremden zunächst ganz für sich. Sie sperrt ihn in ein Zimmer wie ein Schmuckstück in eine Schatulle, droht ihm ständig damit, ihn den heimischen Truppen auszuliefern, während ihr Blick verrät, dass sie eigentlich ganz andere Dinge mit ihm anstellen möchte. Und es dauert nicht lange, bis sich auch die restlichen Bewohnerinnen für den Fremden interessieren.

Das sanfte Licht der Abendsonne

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Der Roman von Thomas Cullinan, auf dem Sofia Coppolas neuer Film basiert, schafft eine beklemmende Situation, in der sich kriegerische Spannungen, unkontrollierte Lust und ein der Liebe innewohnender Besitzanspruch zu einer giftigen Mischung zusammenbrauen. Schnell entsteht unter den Frauen ein erbitterter Konkurrenzkampf, den der Soldat geschickt für seine Zwecke zu missbrauchen weiß. Doch für diese Spannungen interessiert sich Coppola nur sehr bedingt. Man fühlt sich eher an ihren Erstling The Virgin Suicides (1999) erinnert, der ebenfalls von einer nur scheinbar heilen Welt erzählt, in der Mädchen mit hellen Gewändern vom sanften Licht der Abendsonne modelliert werden und dabei so hübsch aussehen, dass man kurzzeitig vergessen könnte, unter was für einem sittenstrengen Regime sie leben. Spätestens wenn Edwina (Kirsten Dunst) John um den Hals fällt und ihn anbettelt, mit ihr durchzubrennen, zeichnet sich auch ab, dass er für die Mädchen nicht nur als Schwarm interessant ist, sondern auch als möglicher Weg in die Freiheit.

Es ist sicher nicht fair, Coppolas Adaption des Stoffs mit der 1971 entstandenen Verfilmung von Don Siegel zu vergleichen, aber es hilft, um zu verstehen, was die Regisseurin alles nicht an dieser Geschichte interessiert. Während Siegel ebenso die ungezügelte Leidenschaft wie auch die Brutalität, die sie hervorbringt, ins Zentrum rückte, streift Coppola die Konfliktsituationen nur. Vieles überspringt sie ganz oder verkürzt es zu einem kurzen Spannungsmoment – wie etwa den nächtlichen Besuch zweier Soldaten, der bei Siegel sehr drastisch vor Augen führt, dass Frauen an solch einsamen Orten ohne weiteres zum Freiwild der eigenen Leute werden konnten. Coppola widmet sich dagegen stärker der isolierten Welt der Mädchen, ihren Ritualen und Oberflächen. In geschmackvoll arrangierten, stets in mysteriösem Helldunkel gehaltenen Bildern (Philippe Le Sourd) sind die Pastelltöne der Kleider perfekt aufeinander abgestimmt und die Bewohnerinnen während eines musikalischen Abends sorgfältig ums Klavier drapiert.

Der Coppola-Touch

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Mit seinem Faible für das Schöne findet Die Verführten immer wieder zu sich. Coppola hatte schon immer einen Hang zum klassisch Mädchenhaften. Die Ankunft des Mannes ist für die jungen Frauen auch eine willkommene Gelegenheit, sich mal wieder richtig rauszuputzen. Die Haare werden gerichtet, das Make-up großzügig aufgelegt und Kleider angezogen, die aus Mangel eines entsprechenden Anlasses ansonsten im Schrank bleiben müssten. Man bekommt das Gefühl, dass sich die Mädchen hier nicht nur für John schön machen. Sie genießen es auch, sich zu verwandeln, eine Rolle zu spielen, die ihnen im Alltag nicht vergönnt ist – und dass jemand anwesend ist, der ihr Äußeres auch angemessen honoriert, macht es eben noch besser. Diese Sehnsucht nach sexueller Anerkennung spitzt Coppola in einer ziemlich komischen Szene zu, in der die Protagonistinnen mit ihrem Gast bei Tisch sitzen und sich gegenseitig mit ihren Outfits und Komplimenten zu übertrumpfen versuchen. Überhaupt sind der Humor und eine für die Situation eigentlich eher ungewöhnliche Lässigkeit die Hauptmerkmale von Die Verführten.

Richtig böse wird man hier nie aufeinander – auch nicht, wenn die Situation zu eskalieren droht. Es herrscht eine nicht unerschütterliche, aber doch hartnäckige Solidarität unter den Frauen, die sich am Ende zu einem rebellischen Akt formiert. Aber so grausam das eigentlich ist, fühlt sich das hier alles ein bisschen nach harmlosem Kaffeekränzchen an. Was die Regisseurin an dem Stoff wirklich interessiert hat – außer ihm den typischen Coppola-Touch zu verleihen –, bleibt im Verborgenen. Als das größte Problem erweist sich dabei, dass sie immer wieder gegen die Dramaturgie der Geschichte arbeitet. Sie vermeidet konsequent das große Drama, hat aber außer einem ästhetischen Konzept und einigen gelungenen Einzelszenen nichts, was sie ihm entgegnen könnte.

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