Sister Stella L.

Aufklärung ist kein Abzeichen, sondern eine Wunde. Mike De Leon erzählt von der Wandlung einer Schmerzen lindernden Ordensschwester zur politisch aktiven Frontkämpferin.

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Mike De Leon gilt neben Lino Brocka und Ishmael Bernal als der dritte Meisterregisseur des zweiten goldenen Zeitalters des philippinischen Kinos. Verglichen mit seinen Kollegen ist seine Filmografie überschaubar: Wo jene – aufgrund ihrer frühen Tode in einem engeren Zeitraum – Dutzende Filme herunterkurbelten, oft mehrere in einem Jahr, hat De Leon seit seinem Debüt lediglich neun Langfilme fertiggestellt. Das mag etwas mit der charakterlichen Disposition des passionierten Einzelgängers zu tun haben („I just want to be alone. I’m no longer a director and I’m no longer public property“ – mit diesen Worten hatte er dieses Jahr einen Preis abgelehnt, den ihm die philippinische Filmkritik verleihen wollte), ein anderer Grund dürfte in den Filmen selbst zu suchen sein: Während in der Arbeit seiner Kollegen stets eine Spannung zwischen den Formeln des kommerziellen Genrekinos und dem politisch-ästhetischen Einsatz des Autorenfilmers spürbar bleibt (und zwar nicht nur zwischen den Filmen, also zwischen den vielen Auftragsarbeiten und den wenigen Herzensprojekten, sondern auch innerhalb der Filme), scheint bei De Leon beides bruchlos zusammenzugehen: Batch ’81 ist gerade deshalb die ultimative Allegorie auf die Marcos-Diktatur, weil der Film auch als klaustrophobischer Thriller wunderbar funktioniert; und Sister Stella L. ist gerade deshalb ein ergreifendes und hellsichtiges Zeugnis vom Widerstand gegen eben diese Diktatur, weil De Leon gleichzeitig ein begnadeter Melodramatiker ist.

Stella im Kloster, Stella auf den Straßen

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Es beginnt mit einer Spaltung: zweimal Sister Stella. Die eine, ältere (Laurice Guillen), mit Nachnamen Bautista, sieht ihren Platz außerhalb des Konvents, auf den Straßen, bei den Slumbewohnern, die sie über ihre politischen Rechte aufklärt, auch bei den streikenden Arbeitern, die sich vor den ausladenden Wagen der Bosse auf den Beton werfen. Früh im Film ein großartiges Travelling: Stella B. läuft mit Nick Fajardo, einem Journalisten, durch ein Armenviertel, die Kamera gleitet vor den Sprechenden her und fängt wie nebenbei um die beiden herum jenes Leben ein, von dem die Nonne berichtet: spielende Kinder, Straßenhunde, selbst die ärmlichen Häuserfassaden sind plötzlich nicht mehr Kulisse, sondern erhalten Subjektstatus.

Die jüngere Stella (Vilma Santos), mit Nachnamen Legaspi, also jene Stella L., die dem Film seinen Namen gibt, war früher, bevor sie ins Kloster ging, mit Nick Fajardo zusammen. Sie ist noch nicht so weit wie Stella B., sie schwankt noch zwischen der weißen Tracht der im Konvent lebenden, karitativ tätigen und deshalb immer nur nachträglich helfenden, bereits erlittene Schmerzen lindernden Ordensschwestern und der blauen Kluft der politisch aktiven Frontkämpferinnen. Eine junge Frau, die im Konvent nach einer Abtreibung Hilfe sucht, wirft ihr vor, sie habe selbst nicht gelitten und könne sie deshalb nicht verstehen.

Die Nonnenkluft als offenes Visier

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Im Lauf des Films wird die jüngere Sister Stella die ältere beerben – eine Schlüsselszene zeigt die Stabübergabe: beide Stella-Gesichter nebeneinander in einer Splitscreen-Einstellung. In dieser zentralen Hinsicht ist Sister Stella L. geradlinig didaktisches Kino: Die Zögernde wird zur Entschlossenen, die Zuschauerin zur Handelnden. Und selbst die Nonnenkluft hat bald nicht mehr dieselbe Bedeutung, steht nicht mehr für Verzicht und Selbstverleugnung, sondern ganz im Gegenteil für ein offenes Visier: Gerahmt von der Haube blickt das Gesicht, das allen Selbstschutz, alle Verstellung hinter sich gelassen hat, nicht mehr, wie in der ersten Einstellung des Films, verklärt zu Gott, sondern frei und offen in die Welt: Ganz am Ende hält Stella eine Ansprache direkt in die Kamera, direkt ins Publikum hinein, eine säkularisierte Predigt, die gleichzeitig ethisch-moralische Selbstpositionierung und Aufforderung zum Kampf ist. Nonnentracht und Framing gemeinsam isolieren das Gesicht, das zu einer durchlässigen Membran zu werden scheint, die eine Verbindung schafft zwischen Kino und Welt.

Sister Stella L. ist 1984 entstanden, in den letzten Jahren des Marcos-Regimes, in einer Zeit, in der der Zensur die Kontrolle über das Kino zu entgleiten schien: Zwar hatte De Leons Film nach seiner Fertigstellung mit Aufführungsverboten zu kämpfen, aber die bloße Tatsache, dass plötzlich mitten in der Industrie – Sister Stella L. und auch Lino Brockas ein Jahr später sehr ähnliche Motive aufgreifender Bayan Ko – My Country wurden von Lily Monteverde, der grande dame des kommerziellen philippinischen Kinos produziert – offen politisches Kino möglich wurde, verweist auf den schleichenden Autoritätsverlust des Regimes. Und tatsächlich ist Sister Stella L. ein Film, der nicht nur von Unterdrückung spricht, sondern gleichzeitig die Grundzüge eines neuen, pluralistisch organisierten Gemeinwesens entwirft.

Kampf den äußeren und inneren Widerständen

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Wie im zwei Jahre vorher entstandenen Batch ’81 steht das Verhältnis von Individuum und Institution auf dem Spiel. Diesmal allerdings gibt es nicht die eine, alternativlose Institution, die alle Freiräume zustellt und die einen, wenn sie einmal Blut geleckt hat, mit Haut und Haaren verschlingt. Stattdessen gibt es mehrere konkurrierende Institutionen: Kirche, Zeitung, Gewerkschaft; und die Einzelne hat nicht nur die Wahl zwischen ihnen, sondern auch innerhalb der jeweils gewählten, in sich pluralistischen Institution Gestaltungsspielraum. Allerdings realisiert sich dieser Spielraum nur im Kampf gegen Widerstände; und der politische Einsatz des Films besteht eben darin zu zeigen, dass diese Widerstände nicht nur äußerlicher Natur sind (Polizei, Zensur, Streikbrecher, Ordensregeln), sondern sich auch in den Individuen selbst einnisten, in Form von Traditionen, religiösen Dogmen, falschen Selbstverständlichkeiten, kurzsichtigem Eigennutz.

Manchmal kann einem der moralische Rigorismus des Films (der nicht immer ganz weit entfernt ist von der Totalität des Terrors, den Batch ’81 vorführt) durchaus Angst machen: Steckt wirklich in jedem von uns eine Stella B., die nur darauf wartet, sich nach erfolgreicher Selbstdisziplinierung qua Selbstaufklärung Bahn zu brechen? Das Tolle am Film ist dann aber, dass er den Erkenntnisprozess, den Stella L. durchläuft, nicht als nüchterne Abhandlung, sondern als gefühlsintensives Melodrama erzählt (das in zwei Todesfällen kulminiert und sich auch in den melancholischen Gitarrenklängen mitteilt, die an die Stelle der Cembalohetzjagd aus Batch ’81 treten): Stella L. wird zum mündigen revolutionären Subjekt durch Einfühlung in Schmerz, Aufklärung ist kein Abzeichen, sondern eine Wunde.

Trailer zu „Sister Stella L.“


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Kommentare


oddie avelin cruz

Nice movie.about the suffering of laborers in marcos regime..excellence performance of the lead star..movie queen of phil.cinema vilma santos..kudos also to the other actors there are also good in this movie..we salute mike de leon for job well done.. a classic movie ..a must see movie all over the world..paging CNN and OSCAR this film one of the best off all time..






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