Perret in Frankreich und Algerien

Learning by Seeing. Heinz Emigholz erforscht die Bauten der Brüder Perret und findet Transzendenz in der Bewegung.

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Die Arbeit des berühmten Fotografenpaars Bernd und Hilla Becher folgte einem einfachen Prinzip. In Schwarzweißfotos hielten sie Industriegebäude fest, die es schon bald nicht mehr geben sollte, blendeten alles Umliegende aus und betonten die skulpturale Qualität und Schönheit von Bauwerken, die eigentlich nach rein funktionalen Kriterien entstanden sind. Der Regisseur Heinz Emigholz macht in seinem neuesten Film Perret in Frankreich und Algerien im Grunde genommen genau das Gegenteil. Die Arbeiten der französischen Architekten Auguste und Gustave Perret, denen er sich widmet, sind längst fester Bestandteil der Architekturgeschichte. Umso spannender wirkt es, wenn Emigholz die Gebäude eben nicht isoliert und monumentalisiert, sondern sie stets eingebunden in ihre gegenwärtige Umgebung betrachtet.

Perret in Frankreich und Algerien ist der achte und vorerst letzte Langfilm aus der Reihe Architektur als Autobiografie, in der sich Emigholz zuvor bereits anderen großen Architekten der Moderne wie Adolf Loos, Rudolph Schindler oder zuletzt Pier Luigi Nervi widmete. Die Filme funktionieren nach dem gleichen Grundschema: Statt biografischen Stationen oder historischen Anekdoten geht es allein um die Arbeit der Architekten. In chronologischer Reihenfolge erforscht Emigholz mit meist fragmentarischen Aufnahmen die erhaltenen Gebäude. Charakteristisch sind dabei die schiefen Einstellungen, eine anti-zentralperspektivische Methode, die den Betrachter zwingt, anders auf das Vertraute zu blicken.

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Bei der Erschließung der Gebäude gibt es einen groben dramaturgischen Aufbau. Von der Fassade arbeitet sich Emigholz langsam ins Innere der Gebäude, begibt sich bis auf das Dach und schließlich auch zur Rückseite. Erstaunlich ist, wie schnell diese Aneinanderreihung pointierter Betrachtungen geschnitten ist. Da bleibt dem Zuschauer keine Zeit, kontemplativ in den Bildern zu versinken oder versteckte Details zu erkennen. Die Einstellung wird nur so lange gehalten, bis ihr Inhalt erfasst ist. Emigholz lenkt so den Blick auf ästhetische wie funktionale Hauptmerkmale der Architektur, im Falle der Perrets etwa auf Säulen und Balken, die den Stahlbetonbau stützen, oder eine sich frei im Raum schlängelnde Treppe. Da Emigholz auf ergänzende Erklärungen verzichtet, bedeutet das für den Zuschauer: Learning by Seeing. Allein über die aufmerksame Betrachtung und die führende Hand des Regisseurs können sich Bau- und Gestaltungsprinzipien der Gebäude erschließen. Wer architektonisches Vorwissen besitzt, ist hier zweifellos im Vorteil.

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Anders als beim letzten Film, Parabeton – Pier Luigi Nervi und römischer Beton (2012), lässt sich bei den Perrets die stilistische Kontinuität nicht ohne weiteres erkennen. Dafür sind ihre Bauten einfach zu unterschiedlich, reichen von neoklassizistischen Museen über vom Jugendstil beeinflusste Kirchen bis zu modernistischen Wohnhäusern. Immer wieder muss man inmitten der Fülle an Detailaufnahmen die Orientierung finden und beispielsweise Parallelen zwischen den verschiedenen Bauwerken ziehen. Da wären etwa die Rundbögen, die geometrisch vereinfachten Ornamente und die großzügigen Fensterfronten. Doch kaum denkt man, den Stil der Brüder Perret begriffen zu haben, wird man wieder von etwas Neuartigem vor den Kopf gestoßen.

Emigholz fordert den Zuschauer noch zusätzlich heraus, indem er teilweise mit Stadtansichten beginnt, auf denen nicht sofort ersichtlich wird, um welches Gebäude es nun gehen soll. Dieser Moment der Hilflosigkeit führt jedoch im Idealfall dazu, dass man einerseits das Bild nach bereits registrierten Stilmerkmalen scannt und andererseits ein Gefühl für die Umgebung bekommt. Auch nähere Ansichten enthalten häufig einen Ausblick auf die angrenzenden Gebäude und schärfen zum Beispiel das Profil eines herrschaftlichen Wohnhauses durch den direkten Vergleich mit anderen. Dabei sind die Aufnahmen stets fest in der Gegenwart verankert, sowohl mit dem Originalton, der das visuelle Bild durch ein sonisches ergänzt, als auch durch die beiläufigen Alltagsszenen von fußballspielenden Kindern und arbeitenden Erwachsenen, die sich am Rande abspielen.

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Eine zweite Ebene bekommt der Film schließlich, indem Emigholz seine architektonische Spurensuche von Frankreich auf das einst kolonialisierte Algerien ausweitet, wo die Perrets unter anderem eine Kathedrale und ein Krankenhaus errichteten. Die Wirkung der Gebäude ist hier sehr unterschiedlich, denn Algier hört sich nicht nur anders an als Paris oder Le Havre, es sieht natürlich auch anders aus. Vereinzelt lässt sich gar nicht mehr richtig beurteilen, ob die Muster eines Treppenhauses nun eine orientalische Referenz sind oder einfach nur durch die fremde Umgebung so interpretiert werden. Am augenfälligsten ist jedoch, wie unterschiedlich mit dem architektonischen Erbe umgegangen wird, denn während die französischen Bauten alle wie aus dem Ei gepellt aussehen, scheint es bei einem algerischen Yacht-Haus nur noch eine Frage der Zeit zu sein, bis es von einem Windstoß dem Erdboden gleichgemacht wird.

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Perret in Frankreich und Algerien wirkt insgesamt vielschichtiger und sinnlicher als die letzten Architekturfilme von Heinz Emigholz. Mitunter kommt es sogar zu regelrecht magischen Momenten. Es wirkt fast wie ein Schock, wenn der Film plötzlich die statische Einstellung als dominierendes Gestaltungsprinzip hinter sich lässt und aus einem sich bewegenden Aufzug auf den nahegelegenen Eiffelturm blickt. Doch damit nicht genug: Wenn Emigholz am Schluss in der Kirche des Heiligen Joseph wie durch einen Tunnel den Turm hinaufblickt, setzt er zu den Klängen eines Chorals zwei präzise Schwenks. So zurückhaltend und kontrolliert diese Geste auch ist, in einem ansonsten sehr nüchternen und analytischen Film wird daraus ein transzendentaler Augenblick.

Trailer zu „Perret in Frankreich und Algerien“


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