Peak - Über allen Gipfeln

Ein Spitzenfilm zur Après-Ski-Postapokalypse.

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In das Lied der beiden Volksmusiker zu Beginn seines Debütfilms will Hannes Lang nicht miteinstimmen: Deren musikalische Beschwörung eines alpinen Naturidylls erweist sich schnell als Schall und Rauch, wenn die Kamera bei der Annäherung an das mächtige Bergpanorama ein dichtes Netz von Skiliften in der Ferne und dicke Kabelrohre zu Füßen der Musikanten erfasst. Ein Industrialsoundtrack, komponiert von Schneekanonen und Pistenraupen, übertönt bald die Zitherklänge. Maschinendröhnen und Elektronikpiepen begleiten diesen Streifzug durch winterliche Erholungsgebiete im Hochgebirge, wo der Spaß nicht billig ist und die Betriebsabläufe der Natur ständig optimiert werden.

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Wobei die Idee vom Streifzug nicht ganz passend ist: Bis auf ein paar zögerliche Schwenks und schleichende Fahrten verharrt die Kamera meist in vollkommener Bewegungslosigkeit, als wolle sie sich trotzig den Dynamiken um sie herum in den Weg stellen. Die Coolness der Snowboarder lässt sie kalt; ungerührt von rasenden Skifahrern, Schneerutschen, Menschenlaufbändern und Sesselliften wagt Lang einen Blick auf die unsichtbaren Prozesse, die im Lebensraum Alpen abseits, aber nicht unabhängig vom Winterurlaubswahn ablaufen. Dieser distanzierte wie ausdauernde Blick und das Erzählen der menschlichen Protagonisten bezeugen die minimalen, aber folgenreichen Temperaturerhöungen im Sommer samt Gletscherschmelze ebenso wie das Vergreisen der Bergbevölkerung und lassen Peak zu einer Bestandsaufnahme des Verschwindens werden.

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Ein absurdes Szenario zwischen Science-Fiction und Heimatfilm entfaltet sich, in dem Après-Ski nicht nur bedeutet, die Berggipfel mit der Spitze der Charts zu beschallen. Nach dem Ski, das heißt hier auch hinzuschauen, wenn die Mordsgaudi längst vorbei ist und der Massentourismus postapokalyptische Landschaften hinterlassen hat: Urlaubsorte, die im Sommer zu Nekropolen aus Beton werden; Schrott und kleine Schätze, die die Schneeschmelze freigibt; Wälder, die die Felder der letzten Bergbauern verschlingen.

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Mit der Dokumentation sind Lang und seinem Team Aufnahmen von Bestand gelungen, die sich nicht darin erschöpfen, Hypothesen bebildern zu wollen und sich didaktischen oder pädagogischen Zwecken unterzuordnen. Die assoziative Montage, eine vieldeutige Metaphorik und das Fehlen eines Kommentars, der die Bildfügungen festlegt und deutet, rücken Peak nicht bloß in die Nähe des Essayfilms, sondern auch weit weg vom Gros der Dokumentarfilmproduktionen oder den Lehrstunden eines Erwin Wagenhofer. Eher schon ließen sich angesichts des entschieden Cineastischen des CinemaScope-Formats und der verweilenden Einstellungen Parallelen zum Filmemacher Béla Tarr ziehen: Verdammnis (Kárhozat, 1988) in den Alpen, mit weniger Melodie und Menschen, dafür in Farbe.

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So erzählt Peak zwar durchaus konkret vom ökologischen Bergab und einem Kapitalismus, der verzweifelt versucht, seine Krise unter Teppiche aus blütenweißem Schnee zu kehren. Doch Lang bietet keine Gebrauchsanweisung für ein besseres Leben oder eine Wohlfühlgarantie durch aufgeklärtes Besserwissen. Etwas Abstrakteres, Universelleres verbirgt sich zwischen den extremen Totalen von Bergketten und den aus der Distanz verschwindend kleinen Menschenkörpern: Für ein paar Momente, einen Atemzug lang meint man etwas Erhabenes zu erblicken zwischen Freizeitspaß und Gewinnmaximierung. Wo man doch dachte, man sei schon blind vor lauter Kunstschnee.

 

Trailer zu „Peak - Über allen Gipfeln“


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