Nobody's Daughter Haewon – Kritik

„Ich bin der Teufel!“ Wenn eine junge Frau träumt und lebt und vom Träumen lebt.

Nobody s Daughter Haewon 05

Munter wird Soju nachgeschenkt, doch der Reiswein kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass an diesem Trinkgelage etwas nicht stimmt. Als die schöne Haewon (Jung Eunchae) den Raum verlässt, nutzt Professor Seongjun (Lee Sunkyun) die Gelegenheit, bei den verbliebenen Studenten nachzufragen: „Wieso mögt ihr Haewon eigentlich nicht?“ Die Antworten sind so aberwitzig wie konfus. Sie sei ein Mischling, sagt einer, und alle anderen merken verdutzt an, sie hätten das gar nicht gewusst. Sie sei so aristokratisch, sagt ein anderer, jemand habe ihm erzählt, sie sei mit einem Porsche zur Schule gefahren worden, gesehen hat er es aber nie. Und dann entflammt ein kleiner Streit, weil der eine, der in der Ecke sitzt, zum Missfallen seiner Sitznachbarin einmal mit Haewon eine Beziehung hatte. Das Ganze in einer einzigen, leicht aufsichtigen Einstellung von der Seite gefilmt. In Nobody’s Daughter Haewon (Nugu-ui Ttal-do Anin Haewon) ist also alles wie immer bei Hong Sang-soo. Die Lust zum Trinken verlässt Haewon auch anschließend nicht. Aber das Besäufnis, Standardsetting im Kino des Koreaners, wird von hier an eine einsame Angelegenheit für sie. Am Schluss bittet sie einen alten Mann auf einer Bank um ein Glas Soju und noch eins, bis seine Flasche fast leer ist. Aber sie trinken nicht zusammen, Haewon dreht ihm für ihre großen Schlucke den Rücken zu und atmet tief ein: Alkohol tut gut, er lindert ihren Schmerz, aber mit dem ist sie allein. Und dann liegt ihr Kopf wieder auf dem Tisch neben Norbert Elias’ Buch Über die Einsamkeit der Sterbenden. Sie hatte uns schon vorher erklärt: Bibliotheken machen sie schläfrig. Alles also nur geträumt?

Nobody s Daughter Haewon 04

Nach In Another Country (Da-reun na-ra-e-suh, 2012) hat Hong nun erneut eine Frau zur Protagonistin gewählt. Die ewige Wiederkehr von Figuren, Motiven, Settings und Gesprächen in Hongs Filmen setzt sich auf wunderbare Weise fort. Auch deswegen kann er es sich problemlos erlauben, Ebenen und Hintergründe mit verwirrenden Andeutungen zu kennzeichnen. Sie tragen zum Spaß noch bei. Dennoch hat Hong mit Nobody’s Daughter Haewon einen im Vergleich zu den beiden Vorgängern eher geradlinigen Film gedreht, der den vergnügten Ton von In Another Country wieder aufgreift. Denn trotz der anhaltenden Sorgen, einer wie eh und je leicht apathisch-depressiven Figur im Zentrum, ihr zufliegender Aufmerksamkeit von außen und viel tragischem Liebesgerede liegt ein Schleier der Reife auf dem Kamerablick, ein Augenzwinkern in der schlichten Form.

Nobody s Daughter Haewon 07

Im Wesentlichen besteht Nobody’s Daughter Haewon auch wieder aus einer ganzen Reihe an herausragenden Szenen, die wirken, als seien sie nicht von dieser Welt. So entzückend und verschroben, so ehrlich und frei erfunden zugleich. Gleich zu Beginn gibt es einen solchen Augenblick, da läuft Jane Birkin Haewon entgegen, fragt nach dem Weg, gibt ihr ein Autogramm, und plötzlich nimmt die Szene eine Wendung, die in Worte kaum übersetzbar ist: Die beiden Frauen nähern sich an, über die Liebe zu Birkins Tochter – gemeint sein dürfte Charlotte Gainsbourg, ihr Name fällt nicht –, die Haewon bewundert und die Birkin in der Koreanerin wiedererkennt. „Ich würde meine Seele verkaufen, um zu werden wie sie!“, wiederholt die junge Frau, denn Birkin versteht sie erst nicht. Kurz darauf liegen sich die beiden in den Armen. Freude als Ausdruck von Sehnsucht, Zuneigung als Erkennen des eigenen Mangels.

Nobody s Daughter Haewon 03

Nobody’s Daughter Haewon kreist um Beziehungen und deren Updates: Haewon wird umworben, vom eingangs erwähnten Professor, von einem gestylt bärtigen Mann im Buchladen, von einem älteren Koreaner, der in Kalifornien lebt, „so schnell wie möglich eine Frau zum Heiraten“ finden will, mittels „mind control“ ein Taxi herbeirufen kann und am Telefon mit Martin Scorsese spricht. Hong wechselt die Ebenen wie die Stimmungen von einem Augenblick zum nächsten, abrupt wird die harmonische Freude über eine Liebesaffäre beendet mit dem Hinweis auf die Depression des Partners, der noch immer täglich seine Pillen schluckt. Der zweite Satz von Beethovens siebter Symphonie erklingt vom rauschenden Walkman, der Professor weint und kann nicht mehr aufhören. Der fliegende Wechsel zwischen heiteren und angespannten Situationen mag mit dem unsicheren Status der jeweiligen Sequenzen korrespondieren – was ist Traum, was ist Gegenwart, was ist Erinnerung –, aber ohnehin führen solche Zuweisungen mehr in ein Labyrinth als auf den Jahrmarkt. Sinn und Erlösung ist es, sich zu verlieren. Weniger funktioniert Nobody’s Daughter Haewon als Episode oder als Ventil, vielmehr ist er dessen sublimierte Form, die das Leben bereichert, ohne es vergessen zu machen, die entführt, ohne die Aufmerksamkeit zu zerstreuen. Der Film wächst fast unbemerkt, und er hallt nach. Er zieht uns hinein in einen Strudel nicht beantwortbarer Fragen, wäre er ein David Lynch, er würde uns nicht viel mehr verwirren.

Trailer zu „Nobody's Daughter Haewon“


Trailer ansehen (1)

Neue Trailer

alle neuen Trailer

Neue Kritiken

Kommentare


SCHOLER

Ohne Zweifel der schlechteste, inkompetenteste Film des Wettbewerbs:
ein Langeweiler ohne Logik, ohne Spannung, ohne Humor, ohne Struktur,
ohne "a single redeeming feature". Aber Kultregisseure können sich erlauben,
was Kommerzregisseure definitiv aus dem Spiel treiben würde.






Kommentare der Nutzer geben nur deren Meinung wieder. Durch das Schreiben eines Kommentars stimmen sie unseren Regeln zu.