Dreams Rewired – Mobilisierung der Träume

Diagonale Graz 2015: Diese audiovisuelle Symphonie, die vordergründig vom modernen Menschen im Bann neuer Technologien erzählt, führt wahrhaftige Geschichtsschreibung vor Augen.

Dreams Rewired 01

Schon von den ersten Momenten an glaubt man als Zuschauer, Dreams Rewired, der essayistische Dokumentarfilm von Manu Luksch, Martin Reinhart und Thomas Tode, wolle einen verschlingen angesichts des reißenden Bilderstroms, der sich sogleich eröffnet. Zunächst sind es frühe Aufnahmen von Massenszenen, dicht gedrängt quetschen sich Dutzende Menschen – sei es in manchen Bildern auch nur durch Doppelbelichtungen generiert – durch ein verblichenes Schwarz-Weiß-Bild. Bald schon folgen animierte Schaubilder, Szenen eines Science-Fiction-Stummfilms, Grafiken, Werbebilder, Hypnosescheiben im schnellen Takt. Dreams Rewired schnürt bekanntes und noch mehr unbekanntes Archivmaterial aus der Gründerzeit des Kinos, von vorkinematografischen Serienfotografien bis hin zu Langfilmszenen der 1930er Jahre, zu einem gewaltigen und schillernden Bilderbogen des modernen Lebens zusammen.

Menschheitsgeschichte als Mediengeschichte

Was der Film nahezubringen versucht, ist trotz unzähliger Fragmente und ungebändigtem Rhythmus dennoch schnell durchschaut. Seine Geschichte der Medien ist im Grunde eine Geschichte des Menschen. Er erzählt – mit Tilda Swinton als Voice-over in vielerlei Klangfärbungen – von der Heraufkunft des modernen Menschen, der mit der Akzeleration, Elektrifizierung und Reproduktion der Welt eine neue Subjektivität erlangt und zu einer Art paranoidem, nervösem Wesen heranwächst. Dreams Rewired ist aber weder nostalgisches Schwelgen im Vergangenen noch ein pessimistischer Blick auf Kultur- und Zivilisationsgeschichte. Der Mensch bleibt hier doch immer Herr seiner selbst, wofür die Regisseure visuell auch ein stimmiges Resümee finden. Ganz am Ende gibt es Bilder von stillstehenden Figuren am Kai oder am Straßenrand zu sehen, doch sind es keine Standbilder. Die Figuren haben einfach innegehalten, bei genauem Hinsehen erkennt man ein paar Körperzuckungen. Bewegungslosigkeit mit 24 Bildern pro Sekunde, doch ohne einen der zahllosen Filmtricks, die in Dreams Rewired fast bis zum Exzess illustriert werden. Mensch und Kino gehen eine folgenreiche Verbindung ein, Film braucht den Menschen als Rohmaterial, verarbeitet ihn, täuscht ihn. Jedoch verliert er nie vollkommen seine Autonomie.

Im Reigen des Nebensächlichen

An Vollständigkeit ist Dreams Rewired nicht im Geringsten gelegen. Die Regisseure vermeiden es tunlichst, ihre Dokumentation von den gängigen Filmpatronen aus dem kulturellen Gedächtnis beherrschen zu lassen. Von Charlie Chaplin nur minimale Ausschnitte. Stattdessen wird zum Beispiel eine ganz bestimmte Tonfassung von Eisensteins Panzerkreuzer Potemkin (Bronenosec Potjomkin, 1925) kurz zum primären Thema. Wir sehen Bilder von Gerätschaften, die es ermöglichen, das Radio vom Strumpfband aus zu steuern, oder Aufnahmen einer jungen Frau, die auf ihren Betten liegend Zeitschriften durchblättert. Ihr Zimmer ist mit Postern behangen, was auf amüsante Weise eine Bravo-Jugend aus längst vergangenen Zeiten suggeriert. Auch wenn nicht ein Meilenstein über den anderen gestapelt wird, so ist Dreams Rewired natürlich dennoch höchst selektiv. Der Film ist alles andere als beliebig zusammengestöpselt, was man ihm schon wieder ankreiden könnte, denn bei allem Mut zur inhaltlichen Lücke ist er formal so harmonisch, dass es gar nicht mehr zu einem assoziativen Zusehen verleitet, was ein wenig schade ist. Archivmaterial und Erzähltext sind fast zu perfekt aufeinander abgestimmt, und das Bild stellt ständig überdeutlichen Bezug zu seiner eigenen Medialität oder zur Medialität im Allgemeinen her. Menschen im Kino oder an Kameras, Spielfilmszenen mit kuriosen Fantasiemaschinen, kreuz und quer verlaufende Kabel von einem Bildrand zum anderen.

Erkenntnisse jenseits von Schulbuch-Historie

Und doch muss man Dreams Rewired eines hoch anrechnen, denn er macht auf ein Problem von Geschichtsschreibung im Allgemeinen aufmerksam. Ihm fehlt eine Form von Indizierung und Kommentierung, die dem Dokumentarfilm eigentlich eingeschrieben ist. Keine ergänzenden Texttafeln, keine Jahreszahlen, kein Abarbeiten einer vorgegebenen Chronologie. Man darf als Filmfreund ein wenig auf die Suche gehen in der Überfülle des Materials, Hilfestellung braucht man jedoch nicht erwarten. Irgendwo im Reigen der Eindrücke ist eine Szene aus Menschen am Sonntag (1930) zu entdecken, ebenso auch Porters Der große Eisenbahnraub (The Great Train Robbery, 1903). „Wie im Vorbeisehen“ könnte man aufgrund der Fülle des Archivmaterials behaupten, das hier Verwendung findet. Dass sich der Unkundige daran vielleicht gar nicht stören mag, liegt zum einen an der unheimlichen Dynamik, die der Film pausenlos an den Tag legt, vielmehr aber daran, dass es im Grunde kaum darum geht, einen penibel durchdachten historischen Abriss zu liefern. Hier wird sich gar nicht erst bemüht, Ordnungen und Bedeutungshierarchien zu schaffen, als müsse man all das, was der Film zu vermitteln versucht, in ein Lehrbuch pressen. Geschichte lässt sich nicht in Zeittafeln, in Rubriken oder Schemata zurechtlegen, sondern ist ein wirres Geflecht aus Bruchstücken, die nebenher bestehen, sich ablösen, ineinandergreifen. Und vor allem aber ist Historie zu keinem Abschluss zu bringen und niemals ganzheitlich zu erfassen. Nach dem Sehen von Dreams Rewired hat man als Zuschauer mehr Anschlussfragen im Kopf als Antworten bekommen. Aber hat der Film damit eigentlich nicht alles richtig gemacht?

Trailer zu „Dreams Rewired – Mobilisierung der Träume“


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Kommentare


Gudrun Hekl

bitte den film erneut ansehen. wenn ich mich recht erinnere, kommt chaplin sehr wohl vor.


jlo

Stimmt, er kommt zweimal kurz vor. Ich entschuldige mich! Das wird berichtigt!






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