Marketa Lazarová – Kritik

In der betörend-unheilvollen Mittelalter-Welt von Marketa Lazarová bleiben weder Heide noch Christ unbefleckt. Fast fünfzig Jahre nach seiner Entstehung kommt František Vláčilnuns Film restauriert in die deutschen Kinos.

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Am Anfang ist die Leere, trostlos gedehnt in einer Totalen; ein wüster, karger Landstrich, wie erstarrt im eisigen Winter. Doch dann, wie aus dem Hinterhalt, regt sich Leben in der Kälte: Pechschwarze Wölfe laufen durch die Schneelandschaft auf die Kamera zu, ein Falke holt zum Flügelschlag aus. Erst dann sehen wir den ersten Menschen in diesem dicht besiedelten Mittelalterepos, in dem Menschen nur selten einzeln vorkommen; denn in Marketa Lazarová bricht sich – dem titelgebenden Namen zum Trotz – das Individuum nur mühsam Bahn durch das komplizierte Geflecht an Verbindungen. Der Mensch ist Handlanger seiner jeweiligen Zugehörigkeiten, Vollstrecker von Entscheidungen, die an anderer Stelle getroffen werden oder aber tiefsten Instinkten entspringen. Und ganz wie es die Montage suggeriert, steht er den vorangegangenen Tieren in nichts nach: Wie der Falke späht Mikolás (František Velecký) die Reisekolonne auf der Reichsstraße aus, wie der Wolf holt sein einarmiger Bruder Adam (Ivan Palúch) zum Angriff aus. Später begegnet uns noch ein gut gelaunter Mönch, der sein Lamm begattet; die Unterscheidung Mensch-Tier ist vollends aufgehoben.

Großangriff auf Moral und Zuschauer

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Mit dem Überfall auf die Reisenden nimmt das Unheil seinen Lauf, denn wo die Existenz des Menschen derart mit der Gemeinschaft verflochten ist, ist das Delikt am Einzelnen Kriegserklärung. Kozlík (Josef Kemr), der seine beiden Söhne mit dem Überfall beauftragt hat, fürchtet nun die Vergeltung des Königs und schickt Mikolás zu seinem Nachbarn Lazar, um ihn für den bevorstehenden Kampf zu gewinnen. Der aber weigert sich, und so entführt Mikolás aus Rache dessen Tochter Marketa (Magda Vášáryová), moralischer Leuchtturm des Films inmitten all der mit Nachdruck und sicherlich nicht ohne Freude verdorbenen Gestalten. Doch wie der Erzähler im Voice-over anfangs warnt: „Des Rutengängers Rute biegt sich ständig über diesen unterirdischen Gewässern“, so wird auch die eigentlich der Kirche versprochene Marketa von der Lust eingeholt. Freude an der Vergewaltigung, sodomisierte Lämmer, inzestuöse Geschwister: Keiner ist unbefleckt in Marketa Lazarová, und das zu dieser Zeit aufkommende Christentum weiß dem herzlich wenig entgegenzusetzen, ja scheint eher tief in den eigenen Reihen verdorben.

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Der Film wird also an einem frostigen Wintertag mit einem casus belli eröffnet, an einem dieser Tage, so die dramatikgeladene Stimme eines unsichtbaren Erzählers, an denen es besser ist, am Feuer zu sitzen und sich an Geschichten von früher zu erinnern. Marketa Lazarová aber lässt sich nicht vom Feuer aus betrachten. Der Zuschauer wird ähnlich überfallen wie die nichtsahnenden Reisenden von den Brüdern, nicht auf Wanderschaft genommen, sondern nahezu gewaltsam gerissen in den Bann einer unheilvollen Welt, in der jeder jeden jagt und auf gierige Wölfe gierige Räuber folgen. Wie auch immer die Kamera von Bedřich Batka den Raum und die Menschen darin wiedergibt, er scheint immer zu ihren Ungunsten konfiguriert: gefährlich beengend im Gefecht, fatal schutzlos in der weiten Leere. Dazu ein monumentaler Soundtrack, meist Chorgesang, manchmal mystisch, oftmals frenetisch, ehrfurchteinflößend und bedrückend im Gefühl, dass die Geschicke des Menschen an anderer Stelle geleitet werden.

Dokumentarische Fantastik

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František Vláčil ist zweifelsohne ein Ästhet, komponiert Bilder von bestechender Schwarzweiß-Schönheit. Herausragend etwa die vom Erzähler „fromme Erscheinung“ genannte Szene, in der sich die Landschaft zum ersten Mal übernatürlich erhellt und wir jäh in eine andere Szenerie versetzt werden, in der schwarzgekleidete Nonnen in einer Kolonne einen Hang hinaufsteigen, jede von ihnen eine weiße Taube in den Händen. „Du zerschlägst die Seelen wie ein Töpfer, um sie erneut zusammenzukneten“, heißt es in einem Gebet, das von Lazar gesprochen wird. Ähnlich scheint es František Vláčil mit Raum und Zeit zu halten: Der Zuschauer wird mit einer gewissen Freude zwischen abrupt wechselnden Schauplätzen hin und her gezerrt, Ort und Zeit werden widersprüchlich zusammenmontiert, Träume und Erinnerungen nach Belieben und ohne Warnung eingeworfen. Auch vor dem Einbruch des Fantastischen ist die Erzählung nie gefeit, wobei sowohl das Christentum als auch das Heidentum herrliche übernatürliche Momente hergeben.

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Marketa Lazarová – frei bearbeitet nach Motiven des gleichnamigen Romans von Vladislav Vančura – ist nicht zuletzt eine Reflexion über das Erzählen. Mit viel Selbstironie heißt es anfangs, die kommende Geschichte sei „für nichts und wieder nichts zusammengestellt und kaum lobenswert“; sie erzähle von Zufällen und werde zufällig erzählt. Nichts aber scheint zufällig in diesem Film, der weniger üppiges Kostümdrama sein will als eine gewagte Annäherung an das Innenleben von Menschen vor einigen Jahrhunderten. Eine geglückte Annäherung, glaubt man dem dokumentarischen Gefühl, das sich trotz allem Haarsträubenden schnell einstellt; denn das Fantastische ist in Marketa Lazarová nicht willkürliche Erfindung, sondern der Versuch, Unsichtbares in sichtbare Ereignisse zu kleiden. „Wieso überhaupt zuhören?“, fragt der Erzähler zu Anfang selbstgehässig, ehe er die Antwort selbst liefert und damit vermutlich eine der Ambitionen des Films freilegt: „Weil selbst die ältesten Dinge im Netz der Gegenwart verflochten sind.“

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