Mammuth

Benoît Delépine und Gustave de Kervern schicken ihren Titelhelden auf eine Reise durch seine Vergangenheit, um ihn schließlich festzustellen zu lassen, dass die Gegenwart doch das Beste ist.

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„Die habe ich für dich gemacht“, sagt die Nichte von Serge Pillardosse (Gérard Depardieu) und zeigt auf eine monströse Skulptur in der Größe eines Braunbären. „Sie ist wie du“, fügt die junge Nichte Miss Ming (gespielt von der gleichnamigen Künstlerin) lächelnd hinzu. Auf den zweiten Blick erst wird erkennbar, dass sich die Skulptur aus lauter kleinen Kuscheltieren zusammensetzt. Überdimensional, stoffelig, zart – tatsächlich gleicht die Skulptur dem Wesen von Serge, der von seinen Freunden Mammuth genannt wird. Sein Spitzname ist nicht nur von seinem langen Zottelhaar und dem beeindruckenden Bauch inspiriert, sondern auch von seinem Motorrad, einer Münch Mammut 1973.

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Zuletzt haben die Regisseure Benoît Delépine und Gustave de Kervern in ihrem gleichnamigen Film die Anarchistin Louise-Michel porträtiert und der wundervoll derben Schauspielerin Yolande Moreau damit ein Denkmal gesetzt (Louise Hires a Contract Killer, Louise-Michel, 2008). Für ihren neuen Film Mammuth sind die beiden Filmemacher in das einfache Arbeitermilieu der französischen Provinz zurückgekehrt: Dieses Mal wird zwar keine Fabrik geschlossen, dafür jedoch ein guter Arbeiter in den Ruhestand geschickt: Serge Pillardosse war Fleischer mit Herz und Seele, seinen Händen „verdanken die Franzosen die Qualität ihres Pökelfleischs“. Einmal darf er im Film noch Schweinefüße absägen, dann wird er schon bei Chips und Sekt verabschiedet. Seine Frau (Yolande Moreau) ist – wie wäre es anders zu erwarten – nicht gerade begeistert davon, dass Serge nun den ganzen Tag zu Hause sein wird. Da die Rente, die allein auf seinem letzten Gehalt beruht, jedoch zu niedrig ausfällt, um davon überleben zu können, bleibt ihm kaum Zeit, vom Wohnzimmerfenster aus die vorbeifahrenden Autos zu zählen. Nach ein paar Tagen Ruhestand schwingt sich Serge unter dem liebevollen, aber doch unmissverständlichen Befehl seiner kalkulierenden Ehefrau auf seinen alten Feuerschlitten, um die Rentenbescheide aller beruflichen Stationen seines Lebens einzusammeln. Eine Reise beginnt – eine Reise durch ein skurriles Frankreich weitab der großen Autobahnen, und eine Reise in die verquaste persönliche Vergangenheit von Serge, die immer wieder im wundervoll grobkörnigen 16mm-Material aufflackert und neben den abstrakten Bildern von Kameramann Hugues Poulain vor allem in Form akustischer Erinnerungen nachhallt.

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Vergessenes, Verdrängtes und Verschwundenes wird nun von den Regisseuren erzählt. Stets mit einer gehörigen Portion Humor – oder ist es Ironie? – , der bisweilen unverständlich bleibt. Die Stationen, denen die Regisseure ihre Aufmerksamkeit widmen, wirken ein wenig aneinandergereiht: ob es die autistische Puppen bastelnde Nichte Miss Ming ist, mit der Serge in einem Kunststoff-Schwimmbad über das Meer gondelt, oder sein vergreister Cousin (Albert Delpy), mit dem er wie in alten Zeiten am unschuldigen Nachmittag onaniert. Ob es die ausgebrannte „Buvette“ ist, ein Imbisslokal, in dem er mal als junger Kerl kellnerte, oder der Nachtclub, in dem nun ein unfreundlicher maghrebinischer Rausschmeißer seinen früheren Job übernommen hat. Es sind kurze Episoden, die doch ins Leere führen, weil sie an Mammuth vorbeiziehen, ohne Spuren zu hinterlassen oder zu seiner Charakterisierung beizutragen. Gutmütig und brummend lässt er alles an sich vorüberziehen. Dem Zuschauer bleibt hier oft nur ein unsicheres Schmunzeln übrig.

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Aber dann erzählt Mammuth noch eine andere Geschichte: Was Serge auf seiner Odyssee tatsächlich vorantreibt, das ist die immer wieder aufflammende Erinnerung an seine verlorene Liebe (Isabelle Adjani), die sehr subtil und ganz allmählich eingeführt wird – zunächst ist sie nur räumlich anwesend, bleibt von Serge jedoch unbemerkt, um bei ihrer zweiten Erscheinung zu ihm zu sprechen und erst beim dritten Mal ein Gespräch mit ihm zu führen. In dieser in Rückblicken erzählten Liebesgeschichte liegt die eigentliche Zärtlichkeit dieses Films und auch seine lebensbejahende Haltung. Als Serge von seiner Erinnerungsreise zurückkehrt, steht seine Ehefrau vor dem Spiegel und rasiert sich die Achseln. Ein Bild banaler Schönheit, ein Moment, dem die Filmemacher Zeit geben. Als Serge seine Frau so beobachtet, wird ihm mit einem Mal klar, dass das Vergangene nicht wiederholbar ist, sondern die Gegenwart zählt. Der Kuss, der hier zwischen Yolande Moreau und Gérard Depardieu, diesen zwei tapsigen, gealterten Riesen, folgt, erzählt weit mehr über den aussortierten „Mammuth“ als die zahlreiche sackgassenhaften Intermezzi während seines nostalgischen Road Trips.

Beinahe möchte man am Ende des Films selbst zu einer Motorradreise durch Frankreich aufbrechen. Nur dieses Mal mit Yolande Moreau am Steuer und Gérard Depardieu im Beisitzer. Ein großer Film ist Benoît Delépine und Gustave de Kervern mit ihrem Mammuth nicht gelungen, wohl aber ein großes Liebespaar!

Trailer zu „Mammuth“


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Kommentare


Inka218

Es mag ja für Cineasten ein Film sein, der zum Nachdenken anregt oder aber die Möglichkeit bietet, all das zu entdecken was der Kritiker gesehen hat. Für mich als Kinogängerin war kein wirklicher roter Faden in der Geschichte erkennbar, Vieles nicht nachvollziehbar und insgesamt reichlich verworren. Vielleicht geeignet für Liebhaber des Skurillen. Nicht geeignet jedenfalls für einen unterhaltsamen Kinoabend.


Marcel Frank

Ich fand den Film wunderbar. Eine Art Dechavue, eine Zeitreise zurück in die längst vergessene Jugend, Erinnerungen an die Jugendliebe und den damit verbundenen Herzschmerz, vielleicht auch, weil man doch so gerne wissen würde, was aus der liebsten so geworden ist.

Auch wenn ich sonst keine direkten parallelen zu meinem Leben finden konnte, mahnte die Geschichte auch, sich nicht nur in die Arbeit zu flüchten sondern sein Leben vielleicht etwas aktiver zu gestalten, bevor das Ende kommt und man plötzlich nichts mehr mit sich anfangen kann. Zu schnell sind die Jahre dahin und vielleicht auch unwiderrufbar verloren.

Vielleicht werde ich auch mal wieder aufbrechen und dorthin fahren, wo damals alles neu, jeder Tag aufregend und das Leben so unbeschwert schien. Vielleicht werde ich auch dorthin fahren, wo alles anfing und alles aufhörte.

Danke für diesen schrägen, bewegenden, tollen, realistischen und auch bizarren Film. Mann muß nachdenken und fühlen können um ihn zu verstehen und geliebt haben um ihn lieben zu können.


bin begeistert

eine einfach schöne filmperle.schräger humor gewürzt mit warmer herzlichkeit und einer prise poesie.unbedingt anschauen ! außerdem tolle filmmusik !!!






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