Magic Mike XXL

Einen liebenswürdigeren Film über männliche Stripper haben Sie noch nicht gesehen.

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Draußen ist es dunkel, drinnen hat die Stunde der Strebsamen geschlagen: Mike (Channing Tatum) sitzt über dem Schreibtisch gebückt, seinen einzigen Mitarbeiter hat er längst nach Hause geschickt. Als Unternehmer und noch dazu als Quereinsteiger muss man schon einmal in der Nacht produktiv sein: In der amerikanischen Gegenwarts-Mythologie heißt es, wer es zu etwas bringen will, hat sich an den sprichwörtlichen Stiefelriemen, den bootstraps, selbst aufzurichten. Schnell wähnt man sich in einem solchen Märchen.

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Das Licht ist gedämpft, die Träume sind zum Greifen nah. Mike hat vor ein paar Jahren seine Stripperkarriere hinter sich gelassen, jetzt rechnet er, schleppt Kisten und schweißt Möbel. Doch die Magic steckt noch immer im Mike, und als der dröhnende Beat von Ginuwines Pony im Radio ertönt, kann er nicht anders, als jeden ihm entgegenfallenden Gegenstand als phallisches Instrument im Rhythmus der Musik zu schwingen. Die Funken sprühen, ganz ohne Metapher. Tanz ist Sex und Macht und Freude, ja alles in einem: Channing Tatum beherrscht den Raum, sein Magic Mike gerät in höchste Erregung und zunehmend fröhliche Selbstvergessenheit. Der Tanz macht diesen massigen Kerl fast schwerelos.

Gestählte Männerkörper als freundliches Angebot

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Magic Mike XXL ist ungemein selbstbewusstes Kino von Schauwerten. Von seinem Vorgänger Magic Mike (2012) emanzipiert er sich in wenigen Nebensätzen und wirft damit auch den ganzen Ballast über Bord, der im ersten Teil noch als recht dominant entwickelter Plot deutliche psychologische und zwischenmenschliche Konflikte präsentierte. All das hat XXL nicht nötig, im Gegenteil: Schnell steigt er auf eine Ebene, da wird er auch als Film fast schwerelos. Nicht weil jedes Problem gelöst wäre, sondern weil auf überraschend erwachsene Art hier schlicht nichts mehr zu lösen ist.

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Der Roadtrip der Stripper-Bande zur großen Convention in Myrtle Beach schwebt in einem Zwischenstadium zwischen Ventil für den Alltag und der Normalität eines Showlebens für die Truppe um Big Dick Richie (Joe Manganiello), Ken (Matt Bomer), Tito (Adam Rodriguez) und Tarzan (Kevin Nash). Recht vage geht es vordergründig um einen letzten großen Auftritt zusammen mit Mike. Vage, weil sich Magic Mike XXL um solche im Kino oft stark dramaturgisch aufgeladenen Ziele wenig sorgt. Stattdessen: den Körper in Stellung bringen, die Muskeln geschmeidig in Bewegung versetzen, deren Anblick lasziv verschenken. Jeder einzelne Augenblick zählt, wenn Mike und seine Kumpels nur aufrichtig sind.

Fortschreibung und Subversion amerikanischer Prüderie

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Ungemein frei fühlt sich dieses Zusammenwirken von lebensbejahenden Kräften an. Das Fest der Oberflächen, der Sixpacks, der fallenden Hüllen und in Erfüllung gehenden Fantasien ist auf wundersame Weise gleichzeitig Fortschreibung und Subversion amerikanischer Disney-Prüderie. Fortschreibung, weil Regisseur Gregory Jacobs, langjähriger Regieassistent von Steven Soderbergh, die Inszenierung der sexuell aufgeladenen Choreografien in den Dienst von rhythmischem Vergnügen stellt, nicht von erotischer Spannung. Subversion, weil Reid Carolin und Channing Tatum in ihrem Drehbuch zwar alle möglichen Fährten für konservative Rollen-, Erfolgs- und Zukunftsszenarien legen, um ihnen dann aber die schönsten Schnippchen zu schlagen: Sie lassen sie sich einfach verlaufen und setzen ihnen die pure Freude entgegen, die aus den Muskelmassen und funkelnden Augen spricht, denen Hausbau, monogame heterosexuelle Paarung und Preisgewinn herzlich egal sind. Carolin und Tatum lassen links liegen, was für den dramaturgischen Bau eines schlüssigen Drehbuchs gern in Kauf genommen wird: die Unterordnung unter die so unnötige wie falsche Vorstellung eines Wozu. Als sei unser Handeln im Großen mehr Zielen verschrieben als dem Erleben selbst.

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Magic Mike XXL ist leichtfüßiger Erfahrungs-Reigen und beseeltes Märchen von bedingungsloser Nächstenliebe. Am Anfang und am Schluss hievt der Film Channing Tatums Gesicht ganz groß auf die Leinwand. Wie kein anderer kann er die selbstlose, in sich ruhende Lust darstellen, für andere da zu sein – er versprüht Leidenschaft und sie fällt auf ihn zurück, denn das Glück seines Publikums ist sein Glück. Die in die Story und Tanznummern eingeschriebene Hoffnung auf eine neugefundene Authentizität als Stripper, die sich nicht als Feuerwehrmänner und Soldaten verkleiden müssen, sondern ihre eigenen Fantasien und die ihrer Fans auf ganz schlichte, ehrliche Weise erfüllen, führt zur Essenz eines von Tatum perfekt verkörperten Kinos, das weniger verspricht, das aber einlöst.

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Kein Wunder, dass Steven Soderbergh – der den ersten Teil noch selbst inszeniert hatte – seine Finger nicht davon lassen konnte, diese Bilder unter Pseudonym selbst einzufangen und den Film auch selbst zu schneiden. Seine 2013 angekündigte Abkehr vom Kino ist jedenfalls angesichts von Filmen wie diesem nicht zu wünschen. Schön, dass er sie so zumindest ein bisschen relativiert. Auch und gerade weil Magic Mike XXL nicht die gewohnte Soderbergh’sche Smartness und Coolness ausstellt, sondern ganz bei sich ist, beim aufrichtigen Tanz, beim frohlockenden Körper und beim Beglücken der Zuschauer, denn sie sind ausnahmslos alle, so suggeriert der Film es zumindest den unterschiedlichsten Frauen, dieser Freude würdig.

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